„Jeder Stein ein Leben“ – Rothenburger Bürger erinnerten mit Stolpersteinen an die Vertreibung und das Leiden der Juden in der Tauberstadt

Erinnerung an die Familie Wurzinger in der Herrngasse 21

Erinnerung an die Familie Wurzinger in der Herrngasse 21

Von Wolf Stegemann

„Hier wohnte Ida Wurzinger, Jahrgang 1872, unfreiwillig verzogen, 1938 Nürnberg, deportiert 1942, Theresienstadt, ermordet 18. 5. 1944 Auschwitz“ steht auf einem der Metallplatten aus Messing, die seit etlichen Jahren in Städten und Landgemeinden Deutschlands als „Stolpersteine“ im Boden der Gehwege vor den Häusern eingelassen sind. In ihnen wohnten einst Juden, die daraus vertrieben bzw. deportiert wurden – meist in den Tod.

Erinnerung an die Familie Kirschbaum in der Neugasse 34

Erinnerung an die Familie Kirschbaum in der Neugasse 34

In Rothenburg gibt es diese Erinnerungssteine seit 2013. Der eingangs erwähnte Stolperstein im Pflaster vor dem Haus Herrngasse Nr. 21 erinnert an das Schicksal von Ida Wurzinger, weitere an ihren Mann Samson Wurzinger, an Sigmund und Bella Lißberger; in der Kirchgasse 1 an Jonas Gottlob und in der Judengasse 22 an Rosa und Sigmund Hamburger, in der Neugasse 34 an Helene und Sigmund Kirschbaum und in der Oberen Schmiedgasse 15 an Siegfried Steinberger. Die meisten der Genannten wurden in Theresienstadt oder Auschwitz ermordet.

Zum Nachdenken anregen über die Achtung der Menschenrechte

In Rothenburg haben Pfarrer Oliver Gußmann und andere Bürger der Stadt das „Stolperstein“-Projekt angeregt und organisiert. Damit reihte sich die Stadt in die rund 750 Städte im In- und damals von Deutschen besetzten Ausland ein, die damit über die Deportation und Ermordung ihrer jüdischen Bürger informieren. Im übertragenen Sinne soll man im Alltag darüber stolpern und sich erinnern. Gußmann hofft, so zitiert ihn der „Fränkische Anzeiger“ am 12. April 2013, dass die Stolpersteine in einer international besuchten Stadt auch viele Touristen zum Gespräch und Nachdenken anregen. Es gehe um die „Achtung der Menschenrechte und die Verantwortung als Stadt der Vielfalt“. Schon die frühere Gedenkaktion mit den vor die Häuser gestellten Schuhen und Namensschildern bzw. Informationen hatte diese Wirkung. Letztlich möchte man verdeutlichen, dass die verfolgten Bürger Nachbarn waren, mit denen man Tür an Tür wohnte und lebte.

Verlegung vor dem Haus Obere Schmiedgasse 15, in der Siegfried Steinberger wohnte; Foto: Dieter Balb

Verlegung vor dem Haus Obere Schmiedgasse 15, in dem Siegfried Steinberger wohnte; Foto: Dieter Balb

Große Zustimmung für die Verlegung von Stolpersteinen

Der Kölner Günter Demnig verfolgt seit 1993 die Idee, mit den Stolpersteinen die Erinnerung an jüdische Bürger, Sinti und Roma, politisch Andersdenkende und religiös Verfolgte augenfällig zu machen. Ausgezeichnet wurde er für die Gedenkidee u. a. mit dem „German Jewish History Award“ der Obermayer Foundation (2005), mit dem Bundesverdienstkreuz, mit der „Alternativen Ehrenbürgerschaft“ in Köln sowie 2012 mit dem Marion Dönhoff-Förderpreis.

Die Finanzierung der Aktion übernehmen „Paten“, die in Rothenburg sofort mitmachten. Ein Stolperstein kostet 120 Euro. Landesweit gab und gibt es auch kritische Stimmen derer, die diese Aktion von der Durchführung her nicht gut heißen: Die Namen der jüdischen Opfer auf den Metallplatten in der Straße werden im wahren Wortsinn mit Füßen getreten. Im religiösen Judentum wird so etwas auch kritisch gesehen. Doch die Zustimmung, Stolpersteine zu verlegen („Jeder Stein ein Leben“) überwiegt bei weitem, vor allem bei Nicht-Juden. Das zeigt allein die Anzahl der bislang verlegten Erinnerungssteine. Bis Ende 2012 waren es fast 38.000. Dies beeindruckte nicht nur die Akteure selbst, sondern auch das Finanzamt Köln, bei dem Günter Demnig veranlagt ist. Es erhöhte die Mehrwertsteuer von sieben Prozent (für Kunst) auf 19 Prozent  (für Herstellung von Massenware) und forderte Demnig zur Nachzahlung von 150.000 Euro auf, was die „Berliner Zeitung“ als „unfassbaren Irrtum“ bezeichnete und Demnig in der ARD davon sprach, nun Hartz IV beantragen zu müssen. Durch solche Medienberichte aufgescheucht, befreite Nordrhein-Westfalens Finanzminister den Stolperstein-Verleger von der Nachzahlung. Allerdings blieb es dabei, dass Demnig keine Kunst macht, sondern Massenware herstellt und künftig einen höheren Steuersatz zahlen muss.

Erinnerung an Jonas Gottlob in der Kirchgasse 1

Erinnerung an Jonas Gottlob in der Kirchgasse 1

Eintreten gegen Rassismus und Antisemitismus

Bei der Verlegung der zehn Stolpersteine in fünf Straßen der Stadt konnte Pfarrer Oliver Gußmann am 26. April 2013 zahlreiche Teilnehmer begrüßen. Günter Demnig begann seine Arbeit vor der ehemaligen Synagoge in der Herrngasse 21. Der Fränkische Anzeiger schrieb:

„Das Gedenken war passend umrahmt von musikalischen Weisen und einem jüdischen Lied mit Flöten und Violine (Alexandra Geißler, Luisa Heindl und Theresa Strobl) sowie geprägt von der Mitwirkung zahlreicher Schüler vom Gymnasium und der Montessori-Schule. Sie lasen im Wechsel mit Erwachsenen die wichtigsten Lebensdaten der jüdischen Bürger und Familien vor.“.

Gußmann erklärte neben dem Sinn der Erinnerung an die Personen auch einen anderen: „Das Eintreten gegen Rassismus und die Unterform des Antisemitismus ist eine ganz wichtige Aufgabe.“ Man trete für den Frieden unter Menschen ein, auch wenn sie „ganz anders sind als ich selber und ich mit ihren Lebensweisen nicht so zurechtkomme“ betonte der Pfarrer wörtlich. Oberbürgermeister Walter Hartl freute sich über die gute Beteiligung „und erinnerte an die auch kontroverse Debatte im Stadtrat“, aber es sei doch eine breite Mehrheit geworden.

Nachbar sah und erinnerte sich an die Vertreibung

Bei der Steinverlegung in der Judengasse 22 kam aus der nächsten Nachbarschaft zwei Häuser weiter der Schuhmacher Willi Ott zur Stolpersteinverlegung und ergriff spontan das Wort, wie der „Fränkische Anzeiger“ anderntags berichtete.

„Als siebenjähriger Junge hatte er 1938 mit seinen Eltern erlebt, wie Rosa und Sigmund Hamburger vertrieben wurden (Arno Hamburger in Nürnberg ist ein Großneffe). ,Das waren Leute wie wir, Frau Hamburger hat in unserem Hof die Wäsche aufgehängt, es gab nie Probleme und die andere Nachbarin Frau Abelein war sehr christlich und hat den Hamburgers immer wieder mal was gegeben, worauf sie sogar eingesperrt wurde’, erinnert sich Willi Ott. „Ich habe das Geschrei noch in den Ohren, als man damals die Nachbarn abholte’, sagte der Rothenburger. Der Glaube dürfte doch keine Rolle spielen, mahnte Willi Ott, aber leider habe sich bis heute nichts geändert.“

Und weiter schreibt die Zeitung: „Es hat lange gedauert ehe man in Rothenburg daran ging offen über das Geschehen im Dritten Reich zu reden. Bis lange nach dem Kriege gab es auch noch manche Persönlichkeiten im öffentlichen Leben, die sich vor 1945 als besonders engagierte Nazis hervorgetan hatten. Über manches redete man einfach nicht. Was den beklagenswerten unmenschlichen Umgang mit den Rothenburgern jüdischen Glaubens anbelangt, so ist es wesentlich dem Arbeitskreis um Pfarrer Gußmann zu verdanken, dass man heute in vielerlei Hinsicht das Andenken öffentlich bewahrt. Mit seiner Zustimmung setzte auch der Stadtrat ein politisches Zeichen.“

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Quellen: Dieter Balb im FA vom 12. März und 27. April 2013.
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