70 Jahre danach: Das Evangelische Bildungswerk Rothenburg erinnerte an die brutale Vertreibung der jüdischen Bürger 1938

„Wir können nichts ungeschehen machen“, aber man könne über die Beschäftigung mit dem Thema eine Mahnung bewirken, dass sich Ähnliches nicht wiederhole, sagte Oberbürgermeister Walter Hartl in seiner Begrüßungsrede zur Gedenkfeier an die vor 70 Jahren aus Rothenburg vertriebenen jüdischen Bürger. Der Abend des Evangelischen Erwachsenenbildungswerkes in der Franziskanerkirche erinnerte eindringlich und in tiefem Respekt an die Opfer der Menschenhatz, die sich wie an vielen Orten Hitler-Deutschlands auch in Rothenburg zutrug.

Die Aufarbeitung der Geschehnisse vom Oktober 1938 war längst überfällig. Bisher richtete sich der Blick auf das Mittelalter, wenn es um jüdische Rothenburger Geschichte ging. Eine weitergehende Auseinandersetzung umschiffte das offizielle Rothenburg hingegen. Grund war wohl nicht zuletzt die Einschätzung, der Ruf der Stadt könnte leiden. Genau das Gegenteil aber dürfte der Fall sein. Deshalb ist es so wichtig, diesen Rückstand schnellstens aufzuholen. Eine von fachlichen Führungen begleitete Veranstaltungsreihe soll dies nun angehen. Getragen wird die Initiative von der „Arbeitsgruppe jüdisches Rothenburg“ um Touristenpfarrer Oliver Gußmann und den Heimatkundler Lothar Schmidt, unterstützt von Oberbürgermeister Hartl, dem das Thema besonders am Herzen liegt.

Den Opfern ein Gesicht geben

Oliver Gußmann gelang es in seiner Gedenkrede, den Opfern von damals ein Gesicht zurückzugeben und den, wie er formulierte, „Prozess der schleichenden Entmenschlichung“ ins Bewusstsein zu rücken. Schon in den Zwanzigerjahren mussten Juden in Rothenburg Schmierereien mit Teerfarben an ihren Hauswänden erdulden. Die Zahl der jüdischen Einwohner nahm stetig ab: von 100 im Jahre 1910 auf rund 20 Ende der Dreißigerjahre. Wie sehr der antisemitische Wahn die Bevölkerung schließlich ergriffen hatte, zeigte eine Ausstellung des Dresdener „Hygienemuseums“ in Rothenburg. 2.400 Besucher, so Gußmann, habe die menschenverachtende „Blut und Rasse“-Dokumentation angelockt.

Viele Unterlagen gingen bei der Bombardierung verloren

Bei Ächtungen blieb es nicht. Verschiedentlich quälten SA-Trupps zusammen mit der Hitlerjugend die jüdischen Bürger. Ein Aufmarsch in der Adam-Hörber-Straße beim Viehhändler Mann (er hatte zwei Söhne) hinterließ eine zutiefst traumatisierte Familie. Die Mutter beging Monate darauf, am 17. April, Selbstmord.

Beim Brand des Stadtarchivs im Bombenhagel zu Kriegsende wurden viele Dokumente zerstört. Deswegen bittet Pfarrer Gußmann die Bevölkerung, ihm eventuell noch vorhandenes Wissen mitzuteilen. Ein wichtiges Dokument ist dem früheren Stadtarchivar Dr. Ludwig Schnurrer zu verdanken. Auf einer Liste erfasste er die letzten jüdischen Einwohner Rothenburgs, darunter Familiennamen wie Gottlob, Hamburger, Jakob, Kirschbaum, Lehmann, Lißberger, Löw, Löwenthal, Marx, Mann, Westheimer, Wurzinger.
Sie waren Händler, Lehrer, oft aber auch Privatiers, also ältere Menschen ohne jede Perspektive, sich rechtzeitig ins Exil retten zu können. Mit welcher Brutalität die örtlichen Nazi-Schergen vorgingen, verdeutlicht das Schicksal Sepp Wimpfheimers, der als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg Tapferkeitsauszeichnung bekommen hatte. Ihn holte die SA nachts aus dem Bett. „Sie traten ihm die Füße blutig und schlugen ihn zusammen“, berichtet Gußmann. Es gab aber auch vereinzelt Fälle von heimlicher oder relativ öffentlicher Zivilcourage. So habe sich der damalige Polizeichef geweigert, den Räumungsbefehl des Kreisleiters auszuführen.

Die Vertreibung der Juden wurde mit Flaggen und Fackelzug gefeiert

Dennoch wurden die jüdischen Häuser beschlagnahmt, die Synagoge (westlich an die Franziskanerkirche grenzend) zerstört. Bizarr die Schilderung, wie die Stadt die Vertreibung schließlich feierte: mit der Beflaggung von Häusern, mit Festakt im Gasthaus und Fackelzug über den Schrannenplatz, der damals noch Judenkirchhof hieß.
Doch was wurde aus den Opfern? Nicht selten verlieren sich ihre Spuren. Von einigen weiß man, dass sie in ein Vernichtungslager kamen oder in den besetzten Osten deportiert wurden wie der Rothenburger Metzger Moritz Lehmann und seine Frau Sarah, die ihr Geschäft in der Oberen Schmiedgasse 18 hatten. Sie seien in Polen ermordet worden, so Gußmann.
Eine Enkelin der Lehmanns, Sara Katz-Schachar, besuchte im Frühjahr [2007] Rothenburg. Von den bewegenden Eindrücken der Spurensuche, unter anderem mit Besuchen in den Stadtarchiven von Rothenburg und Bad Windsheim, erzählte ein Bericht, vorgetragen von Diakon Roland Tschunitsch. Stimmungsvoll, mit einfühlsam ausgewählten und arrangierten Bearbeitungen traditioneller jüdischer Klezmermusik umrahmten die Feier Carolin Holzinger (Klarinette), Harald Schelter (Gitarre), Sebastian Schulz (Posaune) und Hans-Peter Nitt (Violine). Ein Schlaglicht auf die jüdische Kultur des mittelalterlichen Rothenburgs warf, vorgetragen von Lothar Schmidt, ein Auszug aus dem Klagelied Rabbi Meir ben Baruchs über die 1244 verbrannten Schriftrollen. Er führte als einer der einflussreichsten jüdischen Gelehrten in Rothenburg eine Talmudschule.

Hoffnung auf weiteres Engagement

Zusammen mit der Arbeitsgruppe legt Oberbürgermeister Walter Hartl viel Hoffnung in die Reihe der Gedenkveranstaltungen und in das weitere Engagement. Dabei wünscht er sich eine breit gefächerte Darstellung des jüdischen Teils der Kultur und Geschichte Rothenburgs, um so die objektive Wahrnehmung zu befördern. Wie wichtig das sei, unterstreiche die Präsenz rechtsradikaler Parteien bei der Werbung zur jüngsten Landtagswahl. Das habe ihn überaus negativ berührt, so der Oberbürgermeister. – Die Reihe der Gedenkveranstaltungen setzt sich fort mit einem Konzert sowie mit Vorträgen. Charlotte Knobloch, Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, wird am 11. November [2008] in der Herrngasse eine Gedenktafel enthüllen.

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Quelle: Veröffentlicht im „Fränkischen Anzeiger“ vom 23. Oktober 2008 (hd)
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