Nürnberger NSDAP-Reichsparteitage brachten viele Besucher nach Rothenburg – Die Veranstaltungen waren Meisterwerke der Propaganda

Postkarte aus Nürnberg 1935

Postkarte aus Nürnberg 1935

 

Wer beispielsweise 1935 mit dem Zug zum Reichsparteitag nach Nürnberg fahren wollte, der zahlte von Rothenburg nach Nürnberg 2,50 Reichsmark. In diesem Preis enthalten war auch der Eintrittspreis zum Volksfest mit einem Riesenfeuerwerk. Bei entsprechender Beteiligung aus den NSDAP-Ortsgruppen wurden die Teilnehmer zu den einzelnen Zusteigebahnhöfen des Sonderzugs gebracht. Aus Rothenburg und dem Bezirk kamen stets überwältigende Teilnehmerzahlen zusammen, denn der Kreisleiter und die Ortsgruppenleiter erwarteten von den Parteigenossen, dass sie möglichst vollständig („kommt in Massen!“) am Reichsparteitag teilnehmen. Rothenburg profitierte auch von den Reichsparteitagen im nahen Nürnberg. Denn die nationalsozialistische „Kraft durch Freude“-Organisation bot Tagesausflüge von Nürnberg nach Rothenburg ob der Tauber an und karrte in Sonderbussen und mit -zügen Reichsparteitagsbesucher, die aus allen Winkeln Deutschlands gekommen waren, in das „mittelalterliche Kleinod“ an der Tauber. Hier hatten dann Gastwirte, Fremdenführer und die Parteigenossen des Kreises und der Ortsgruppe alle Hände voll zu tun. Neben dem Massentourismus kamen aber auch prominente Besucher des NSDAP-Reichsparteitags nach Rothenburg wie Göring, Ley, Streicher und andere Minister und Parteigrößen.

Plakat 1933 - Zehn Jahre Reichstage 1923 - 1933

Plakat 1933 – Zehn Jahre Reichstage 1923 – 1933

Erster NSDAP-Reichsparteitag 1923 in München

Der Begriff Reichsparteitag wird heute allgemein auf die Reichsparteitage der NSDAP bezogen, die von 1923 bis 1933 in der Weimarer Republik und nach der Machtübernahme stattfanden. Ab 1933 wurden sie als Propagandaveranstaltungen der Staatsführung um Adolf Hitler abgehalten. Die ersten Reichsparteitage der NSDAP fanden 1923 in München und 1926 in Weimar statt. 1928 wurde der Reichsparteitag aus Mangel an finanziellen Mitteln abgesagt. Zwei weitere wurden 1927 und 1929 in Nürnberg abgehalten. Nachdem es beim 4. Reichsparteitag 1929 zu schweren Zusammenstößen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten gekommen war, verhinderte die Nürnberger Stadtverwaltung das Zustandekommen der Reichsparteitage in den Jahren 1930 und 1931. Im Jahr 1932 verzichtete die NSDAP erneut aus Mangel an finanziellen Mitteln auf einen Reichsparteitag. Nürnberg wurde zunächst aus pragmatischen Gründen als Veranstaltungsort gewählt. Nürnberg lag relativ zentral im Deutschen Reich und besaß mit dem Luitpoldhain eine für Großveranstaltungen geeignete Versammlungsstätte. Auch konnte die NSDAP bei der Organisation auf die in Franken gut organisierte Partei unter Gauleiter Julius Streicher zurückgreifen. Die Nürnberger Polizei stand der Veranstaltung wohlwollend gegenüber. Später wurde der Veranstaltungsort gerechtfertigt, indem die Reichsparteitage in die Tradition der Nürnberger Reichstage des mittelalterlich-kaiserlichen Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation gestellt wurden.

Dieser Ankündigung folgte 1939 kein Reichstag mehr

Dieser Ankündigung folgte 1939 kein Reichstag mehr

„Reichsparteitag des Friedens“ wurde 1939 wegen Kriegsbeginn abgesagt

Nach 1933 wurden die „Reichsparteitage des Deutschen Volkes“ jeweils in der ersten Septemberhälfte in Nürnberg durchgeführt und dauerten in der Regel acht Tage. Nach der NSDAP-Ideologie sollte dabei die Verbundenheit von Führung und Volk bekundet werden. Das wurde zum Ausdruck gebracht durch eine jährlich wachsende Zahl von zuletzt mehr als einer halben Million Teilnehmern und Besuchern aus allen Gliederungen der Partei, der Wehrmacht und des Staates. Organisiert wurden die Parteitage der NSDAP vom Zweckverband Reichsparteitag unter dem Nürnberger Oberbürgermeister Willy Liebel.

Ab 1933 stellte die NSDAP jeden Parteitag unter einen programmatischen Titel, der sich auf bestimmte Ereignisse bezog. 1933: Der „Reichsparteitag des Sieges“ nahm Bezug auf die Machtübernahme und den Sieg über die Weimarer Republik (eigentlich: „Kongress des Sieges“). – 1934: Dieser Parteitag hatte zunächst kein Motto. Nachträglich wurde er „Reichsparteitag der Einheit und Stärke, Reichsparteitag der Macht“ oder – unter Bezugnahme auf den Riefenstahl-Film „Triumph des Willens“ – „Reichsparteitag des Willens“ genannt (es gab auch die gleiche Bezeichnung für den Reichsparteitag, also „Triumph des Willens“). – 1935: „Reichsparteitag der Freiheit“; mit Freiheit war die wieder eingeführte allgemeine Wehrpflicht und damit einhergehende „Befreiung“ vom Versailler Vertrag gemeint. – 1936: „Reichsparteitag der Ehre“; durch die Rheinlandbesetzung wurde in den Augen der NSDAP-Führung die deutsche Ehre wiederhergestellt. – 1937: Beim „Reichsparteitag der Arbeit“ wurde Bezug genommen auf die Verringerung der Arbeitslosigkeit seit der Machtübernahme. – 1938: Wegen des „Anschlusses Österreichs“ an Deutschland wurde diese Veranstaltung „Reichsparteitag Großdeutschland“ genannt. – September 1939: Der Name „Reichsparteitag des Friedens“ sollte der Bevölkerung und dem Ausland den Friedenswillen Deutschlands vorgaukeln. Er sollte am 2. September starten, wurde aber ohne Angabe von Gründen schon Ende August abgesagt. Am 1. September begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg.

Reichstag 1938 - großer Appell der NSDAP-Gliederungen; Foto: Bundesarchiv

Reichstag 1938 – großer Appell der NSDAP-Gliederungen; Foto: Bundesarchiv

Auch die Nürnberger Innenstadt war mit einbezogen

Wichtigster Inhalt der Reichsparteitage war die fast religiös anmutende Ausrichtung auf Adolf Hitler. Er stand als von der Vorsehung gesandter nationaler Erlöser und Führer großen Menschenmengen gegenüber, die seine Reden hörten, ihm Eide schworen und an ihm vorbei marschierten. Als Sinnbild für die Volksgemeinschaft sollten sie die Stärke des deutschen Volkes demonstrieren. Die Besucher der Reichsparteitage ordneten sich freiwillig der Disziplin und Ordnung unter und sollten unter einem gemeinsamen Willen als „neues Volk“ wieder auferstehen.

Ölgemälde des Rothenburger Malers Rudolf Schacht

Ölgemälde des Rothenburger Malers Rudolf Schacht

Wichtiger Bestandteil der Reichsparteitage waren auch zahlreiche Aufmärsche und Paraden aller Organisationen des NS-Staates (Wehrmacht, SA, SS, Hitlerjugend, Reichsarbeitsdienst, Bund Deutscher Mädel u. a.) und die Verkündung von wichtigen Eckpunkten der nationalsozialistischen Ideologie. So wurden während des Reichsparteitages 1935 die „Nürnberger Rassengesetze zum Schutz des deutschen Blutes“ verkündet. Aber die Machtdemonstration der NSDAP-Verbände sollte sich nicht nur auf das Reichsparteitagsgelände abseits der Innenstadt beschränken. Die Vorbeimärsche der verschiedenen Formationen vor dem „Führer“ auf dem im Herzen der Altstadt gelegenen Hauptmarkt – ab April 1933 Adolf-Hitler-Platz – verbanden das Parteitagsgeschehen eng mit der Stadt. Zahlreiche, nicht selten begeisterte Zuschauer säumten die Strecke der Marschierenden quer durch die Innenstadt. Auf dem Paradeplatz selbst wurden eigens Holztribünen aufgebaut. Die langen Züge der Massen durch die fahnengeschmückte historische Kulisse Nürnbergs stellten die gewünschte Verbindung her zwischen der ehemaligen „Stadt der Reichstage“ und der „Stadt der Reichsparteitage“. Die Partei ohne lange Geschichte bemächtigte sich der Vergangenheit des traditionsreichen Gemeinwesens.

Bei jedem Parteitag kam es auch zu nicht geplanten Ausartungen in der Nürnberger Innenstadt, da sich die hunderttausende Parteimitglieder nicht an den strengen, von der Parteiführung geplanten Ablauf binden ließen. Zwischen 1935 und 1938 gehörte eine Festaufführung von Richard Wagners Oper „Die Meistersinger“ am Eröffnungstag zum Programm. Hitler war Bewunderer Richard Wagners; diese Oper galt als Ausdruck der „heroisch-deutschen“ Weltanschauung.

"Fränkischer Anzeiger" vom 11. September 1935

“Fränkischer Anzeiger” vom 11. September 1935

Elf Quadratkilometer großes Reichsparteitagsgelände

Mit dem Ausbau des Parteitagsgeländes 1935 erhielt Nürnberg den Beinamen „Stadt der Reichsparteitage“, mit dem auch symbolhaft der Machtanspruch der Partei dargestellt werden sollte. Der Titel wurde zwar bereits zum Auftakt des Parteitages 1933 von Hitler proklamiert, jedoch mit einem ministeriellen Erlass erst 1936 offiziell. Das Gesamtkonzept für das 11 Quadratkilometer große Reichsparteitagsgelände entwickelte Albert Speer von 1934 bis 1936, und ab 1935 wurde unter großem Zeitdruck begonnen, die Pläne zu verwirklichen, aber das Gelände wurde niemals ganz fertig gestellt. Mit der Luitpoldarena entstand der damals größte Aufmarschplatz der Welt für 150.000 Teilnehmer. Außerdem wurden die Kongresshalle für 50.000 Besucher (nicht fertig gestellt), die seit 2001 das Dokumentationszentrum der Stadt Nürnberg beherbergt, das Zeppelinfeld – für 250.000 Teilnehmer und 70.000 Zuschauer gedacht – sowie eine große Fläche als Teilnehmerlager gebaut. Das Märzfeld mit Tribünen für 500.000 Zuschauer wurde nur zur Hälfte fertig gestellt. Das „Deutsche Stadion“ für 400.000 Zuschauer, geplant als größtes Sportstadion der Welt, verblieb weitgehend im Planungsstadium; es kam lediglich zur Grundsteinlegung und zu Aushubarbeiten. Der heutige „Silbersee“ und Silberbuck (eine Halde aus Müll und Kriegstrümmern der ganzen Stadt) liegen auf dem Gelände und füllen die Baugrube. Die nach 1933 errichteten Steinausbauten der Luitpoldarena – wie sie z. B. im Propagandafilm „Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl zu sehen sind – wurden nach dem Krieg wieder abgerissen und renaturiert, um die Umnutzung als städtische Grünfläche zu Naherholungszwecken zu ermöglichen. Die Flächen des Reichsparteitagsgeländes dienen heute verschiedenen Veranstaltungen.

1936 - das Gelände als inszenierter Licht-Dom; Foto: Bundesarchiv

1936 – das Gelände als inszenierter Licht-Dom; Foto: Bundesarchiv

Reichsparteitage hatten den Charakter von Staatsfeiern

Die Anlage sollte nach innen und nach außen den Machtanspruch des Regimes demonstrieren. Zweck der Bauten war, den Besuchern das Gefühl zu geben, an etwas Großem teilzuhaben, aber selbst klein und unbedeutend zu sein. Sie unterstützten den Führermythos und sollten durch das Gemeinschaftsgefühl die Volksgemeinschaft stärken. Mit dem nächtlichen Einsatz von Flakscheinwerfern als Lichtdom wurde der Auftritt Hitlers spektakulär inszeniert.

Die verschiedenen Sitzungen und Tagungen waren auf den Parteitagen daher eher nebensächlich – sie fanden zwar auch statt, erreichten aber die Öffentlichkeit bei weitem nicht in dem Maße wie die Schauveranstaltungen der Aufmärsche, Paraden, Appelle, Totengedenken und Wehrmachtsvorführungen, die in ihrem Repräsentationsgebaren den Charakter einer offiziellen Staatsfeier trugen, die durch Presse, Rundfunk und Wochenschau im Deutschen Reich verbreitet wurden und ihre Wirkung in der Bevölkerung nicht verfehlten (Deutsches Historisches Museum).

Die verschiedenen Sitzungen und Tagungen waren auf den Parteitagen eher nebensächlich – sie fanden zwar auch statt, erreichten aber die Öffentlichkeit bei weitem nicht in dem Maße wie die Schauveranstaltungen der Aufmärsche, Paraden, Appelle, Totengedenken und Wehrmachtsvorführungen, die in ihrem Repräsentationsgebaren den Charakter einer offiziellen Staatsfeier trugen, die durch Presse, Rundfunk und Wochenschau im Deutschen Reich verbreitet wurden und ihre Wirkung in der Bevölkerung nicht verfehlten.

Andenken-Kitsch vom Reichsparteitag

Andenken-Kitsch vom Reichsparteitag

1936 wurden auf dem Parteitag 700 BDM-Mädchen schwanger

Zu den Reichsparteitagen fuhren auch Mitglieder vom Bund Deutscher Mädel (BDM) und der Hitlerjugend. Bei 900 der BDM-Mädchen, die 1936 vom Reichsparteitag in Nürnberg zurückkehrten, wurden anschließend Schwangerschaften festgestellt. Beispielsweise hatte ein schwangeres Mädchen 13 Hitlerjungs als mögliche Väter bezeichnet. Daraufhin wurde 1937 das Kampieren im Freien untersagt (Michael Kater).

Redewendung „Innerer Reichsparteitag“ heute noch gebräuchlich

Eine umgangssprachliche Redewendung aus jener Zeit wird heute noch verwendet. Als einen „inneren Reichsparteitag“ bezeichnet/e man das Gefühl einer „großen Genugtuung“, die sich auf den Reichsparteitag in Nürnberg mit ihren absolut gekonnten Inszenierungen bezog und bezieht. Während der NS- und in der Nachkriegszeit konnte sie auch spöttische, die NS-Propaganda ironisierende bzw. persiflierende Funktion haben. Als bedeutungsgleich gelten „innerer Gauparteitag“ sowie „innerer Vorbeimarsch“ und die Redewendung „jemandem ein Volksfest sein“. „Innerer Reichsparteitag“ kann auch eine „private Zelebration rechtsradikalen Gedankenguts“ bedeuten. – Diese erhaltenen Begriffe besagen, dass das, was als „Reichsparteitag“ in Nürnberg als propagandistisches Meisterwerk ablief, auf die Teilnehmer großen Eindruck gemacht haben musste. Und das haben sie auch.

________________________________________________________________

Quellen: Text gekürzt, teilweise umformuliert, umgestellt und im Wesentlichen wörtlich übernommen von Wikipedia, Online-Enzyklopädie (Reichsparteitage, 2014). – Deutsches Historisches Museum (DHM „Die Reichsparteitage“, cj). – Michael H. Kater: „Hitler-Jugend“, aus dem Englischen von Jürgen Peter Krause, Primus-Verlag, Darmstadt 2005.

 

Dieser Beitrag wurde unter Feste und Feiern, Hitler, NS-Propaganda, NS-Symbole / Mythos, NSDAP abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>