Mitte der 1930er-Jahre entstand die Heckenacker-Siedlung für bedürftige Familien und an der Schnitzleinstraße die „Kriegsopfer-Siedlung“ für Frontsoldaten

Ausriss "Fränkischer Anzeiger" vom 9. September 1935

Ausriss “Fränkischer Anzeiger” vom 9. September 1935

Von Wolf Stegemann

„Mensch auf freier Scholle“ hieß das Schlagwort, mit dem die Rothenburger NSDAP für den Bau der Kleinsiedlung „Heckenacker“ und für sich selbst massive  Propaganda machte. Die Planung begann 1933/1934. In Abschnitten wurden dort an der nordwestlichen Peripherie der Stadt Rothenburg auf einer sich entwickelnden Gesamtfläche von rund 30.000 Quadratmetern zuerst zehn, später 36 Siedlungshäuser errichtet. Bauherr war für den ersten Bauabschnitt die Stadt Rothenburg, dann die „Bayerische Heimstätten GmbH München. Die insgesamt 46 Einfamilienhäuser waren nach Größe und Raumverteilung alle nach einem einheitlichern Plan und nach Gesichtpunkten von Wirtschaftlichkeit und Zweckdienlichkeit ausgeführt, für den der Rothenburger Architekt Durian zuständig und verantwortlich war. Die gutachterliche Beratung oblag dem Würzburger Architekten Hamig. Das Heimstättenwerk der NSDAP wählte die Siedler aus. Da lag es auf der Hand, dass nur NSDAP-treue Familien im Heckenacker siedeln konnten.

Kleinvieh im Garten und Kinder unterm Dach

Die dann dort wohnenden Familien konnten Kleinvieh halten und nebenberuflich einer überschaubaren Landbewirtschaftung nachgehen. Das Wertvollste aber war, so propagierte es die NSDAP, dass sich der Siedler als „freier Mensch auf freier Scholle“ bewegen konnte. Die Definition von Freiheit in einer Diktatur ist eben anders als in einer Demokratie.

Jedes Haus, einige für kinderreiche Familien geplant, hatte einen Wirtschaftskeller und eine Waschküche. Im Erdgeschoss ein Elternschlafzimmer, ein Kinderschlafzimmer, eine Wohnküche, einen Vorplatz und ein Abort (heute würde man Toilette sagen). Die Häuser für kinderreiche Familien verfügten noch über ein ausgebautes Dachgeschoss, in dem zwei Kinderzimmer mit 20 Quadratmetern untergebracht waren. Zu jedem Haus gehörte ein 600 Quadratmeter großer Garten. Aus Kostengründen hatte man als Bautyp das Doppelwohnhaus gewählt. Alle Häuser hatten elektrisches Licht, Wasser- und Kanalisationsanschluss.

Träger der zehn Häuser des ersten Bauabschnitts war die Stadt Rothenburg ob der Tauber. Das Gelände selbst wurde teils durch Kauf, teils durch Tausch von der Stadt von den Familien Fritsch und Dr. Baumann (Erlangen bzw. Fürth), dem Rentner Friedle (Rothenburg) und von der Witwe Steinmetz (Konstanz) erworben. Die Baukosten für die ersten zehn Häuser beliefen sich ohne Baugrund auf 42.000 Reichsmark. Der bayerische Ministerpräsident Ludwig Siebert legte den Finanzierungsplan vor, demnach 37.000 RM als Darlehen aus dem bayerischen Bauprogramm an Gemeinden zur Errichtung von Kleinhäusern für finanziell minderbemittelte Familien  bezahlt wurden. Den Rest von 45.000 RM hatten die zehn Siedler aufzubringen.

Der „Seherblick des Führers“ regte zum Bauen an

1937 wurde ein weiterer Bauabschnitt mit 36 Häusern fertig gestellt. Die NSDAP lud am 11. November 1937 zum Richtfest ein. Sie verkündete vorab in der Zeitung, dass vor 1933 alles schlecht war und die  Wohnungsnot „zu einer immer größeren Gefahr“ wurde, so dass „der große Seherblick des Führers, der diese Gefahren längst erkannte und – wie auf allen Gebieten – auch hier, alsbald zugriff“.  Auf das, worauf der Führer in dieser eigentümlichen Formulierung zugriff, waren diese Siedlungshäuser der Heckenacker-Siedlung. Zum Richtfest hatten sich an jenem Novembertag, es war ein Samstag, neben den schon ansässigen Bewohnern und den neuen Siedlern natürlich auch Vertreter der Partei und ihrer Gliederungen, der Stadtverwaltung und des Reichsarbeitsdienstes eingefunden. Letzterer war beim Bau der Heckenackersiedlung beteiligt. Die Feier verlief für einen solchen Anlass im üblichen Rahmen. Bauarbeiter versammelten sich auf dem Dachfirst eines der Siedlungshäuser, von wo aus sie nach einem kräftigen „Heil Hitler!“ von unten den Choral „Nun danket alle Gott“ anstimmten. Ein Zimmerergeselle sprach danach das Grußwort und den Dank an die Beteiligten, natürlich auch an den Führer Adolf Hitler. Für die Bayerische Heimstätten GmbH, der Treuhandstelle für Wohnungs- und Kleinsiedlungswesen sprach dessen Vertreter den Dank an die NSDAP, den Reichsarbeitsdienst, der Stadt Rothenburg für deren Entgegenkommen bei diesem Siedlungsprojekt aus und vergaß auch nicht, den Handwerkern zu danken.

Rothenburgs NSDAP-Ortsgruppenleiter Götz stellte zu seiner Freude und Überraschung fest, dass hier ein neuer Stadtteil entstanden sei. Er erinnerte daran, dass „die früheren Machthaber“ den arbeitenden Volksgenossen alle Annehmlichkeiten des Lebens versprochen hatten, aber sie nicht einzulösen imstande waren. „Vollstrecker jener Versprechungen ist jetzt in Wirklichkeit der Führer Adolf Hitler und seine Bewegung geworden“, sagte er und überbrachte die Grüße und Wünsche des Kreisleiters und des Stadtoberhaupts und forderte schließlich die Siedler auf, zum Zeichen des Danks den Führer noch einmal mit „Sieg Heil“ zu grüßen, was dann auch alle taten. Mit dem Horst-Wessel-Lied klang das Richtfest aus und abends trafen sich alle Beteiligten im Saal beim „Wagenländer“ vorm Klingentor.

Schitzleinstraße: Kriegsopfer-Siedlung für Frontsoldaten

Nicht nur minderbemittelte Familien standen im Fokus des sozialen Wohnungsbaus der Nazis, sondern auch Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs. Für sie wurden von der NS-Kriegsopferversorgung (NSKO) und der Stadt an der Schnitzleinstraße 1935 vier Doppelwohnhäuser gebaut. Diese vier im September 1935 fertig gestellten Häuser gehörten zu dem neu entstandenen Stadtviertel hinter und neben dem Sportplatz des 1. FCR. Die vier Doppelwohnhäuser, also acht Häuser hatten jeweils fünf Zimmer, Küche und Nebenräume sowie einen großen Garten. Architekt war Leo Kerndter, jedes Haus kostete für den neuen Besitzer rund 6.300 Reichsmark. Die Stadt stellte den Baugrund kostenlos zur Verfügung, was die Finanzierung erleichterte  Sie erwarb ihn durch Kauf und Tausch von den dortigen Grundbesitzern, dem Kaufmann Wittstatt und dem Gewerberat Blank. Vorfinanziert hat die Stadt- und Bezirks-Sparkasse Rothenburg.

Nach dem „Sieg Heil!“ der Choral „Nun danket alle Gott“

Im September 1935 konnte für diese vier Doppelhäuser  zum Richtfest ein Bäumchen aufgezogen werden. NSDAP und die Stadt Dorsten machten daraus ein politisch großes Fest, zu dem auch Kreisleiter Karl Steinacker und Rothenburgs Bürgermeister Dr. Friedrich Liebermann kamen, die und die anderen geladenen Gäste vom Amtsleiter der NS-Kriegsopferversorgung F. Koch begrüßt wurden. Koch erinnerte in seiner Ansprache an die Worte des Führers, dass jeder Frontsoldat das Recht auf ein Stück des deutschen Bodens habe, den er in Ersten Weltkrieg verteidigt hatte. Das Richtfest lief auch hier im üblichen Rahmen mit „Sieg Heil“ und Dank an den Führer und an Gott ab. Koch ermahnte aber seine Kameraden, die „nun in so ein schönes Heim einziehen“ konnten, „immer an den Führer zu denken“, der dieses große Werk erst ermöglicht habe. Mit einem „Sieg Heil!“ auf ihn und das Vaterland klang das Richtfest aus, nicht ohne dass Koch die Errichtung dieses Bauwerks in Rothenburg mit dem neuen Reich als Bauwerk verglich. Nach dem Choral „Nun danket alle Gott“ ging die Gesellschaft auseinander und traf sich abends im Saal Wagenländer vor dem Klingentor zu fröhlicher Runde. 1936 wurden weitere Häuser für ehemalige Frontsoldaten in dieser Rothenburger “Kriegsopfer-Siedlung“ gebaut. Die Ursprünge dieser und der Heckenacker-Siedlung für minderbemittelte Siedler dürften den heutigen Bewohnern vermutlich unbekannt sein.

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Quellen: „Fränkischer Anzeiger“ vom 9. Sept. 1935, 29. Okt. 1935, 15. Nov. 1937.
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