„Le Chaim! Rothenburger Woche jüdischer Kultur“ – Die 61.000 Stolpersteine sind das größte Mahnmal der Welt und erinnern lokalbezogen an die Vertreibung der Juden 1938

Dr. Gußmann (re) erläutert in der Oberen Schmiedgasse das Geschehen im Jahr 1938; Foto: Cornelia Schindler

Dr. Gußmann (re) erläutert in der Oberen Schmiedgasse die Vertreibung 1938; Foto: Cornelia Schindler

Von Wolf Stegemann

Die jährlich stattfindende Rothenburger Woche jüdischer Kultur „Le Chaim – Auf das Leben“, 2017 das siebte Mal veranstaltet, fand mit acht unterschiedlichen Veranstaltungen wieder Freunde und Teilnehmer nicht nur aus Rothenburg, sondern auch weit darüber hinaus. Auf dem Programm standen eine Lesung über „Mascha Kaléko und Zeitgenossen“, der Film „Überleben im Versteck“ der Dokumentarfilmgruppe Rothenburg, ein Vortrag über Janusz Korczak, der Dokumentarfilm „Wir sind Juden aus Breslau“ und die Filmkomödie „Es war einmal in Deutschland“, die Exkursion „Jüdisches Leben in Veitshöchheim“ sowie Mit-Mach-Tänzen zu Musik aus Israel.

Zwischen 1870 und 1938 gab es eine lebendige jüdische Gemeinde

Oliver Gußmann putzt den Stein

Oliver Gußmann putzt den Stein

Den Abschluss bildete am 22. Oktober 2017 ein Rundgang zu Stolpersteinen vor Häusern in der Innenstadt, in denen einst Juden wohnten, die 1938 von dort vertrieben wurden. Pfarrer Dr. Oliver Gußmann erzählte vor Ort und vor rund 40 Teilnehmern die Geschichte der jüdischen Familien, an welche die 2012 verlegten Stolpersteine erinnern. „Stolpersteine“, so Gußmann, „lassen die jüdische Geschichte der Stadt plastisch erscheinen!“ Denn das meiste Jüdische in der Stadt ist mittlerweile verschwunden und die Erinnerung an die Verfolgungsgeschichte wird auch heute noch von manchen Bürgern am liebsten verschwiegen, weil die Erinnerung daran auch eine Erinnerung an das Zutun der eigenen Familie sein könnte. Dazu passt auch die Erinnerung des Verfassers an die Zeit Anfang der 1960er-Jahre, als er vom damaligen Verkehrsdirektor der Stadt hörte, dass die Rothenburger Stadtführer mit ihren damals meist amerikanischen Touristen möglichst nicht das Judentanzhaus erklären und schon gar nicht durch die Judengasse gehen sollten. Denn dann würden Fragen kommen, was mit den Juden in der NS-Zeit geschah. Wenn diese Geschichte damals auch noch gar nicht aufgearbeitet war, so wussten doch die Verantwortlichen in der Stadt und im Rathaus über das grausame Ende der bedeutenden jüdischen Gemeinde 1938 in Rothenburg ob der Tauber. Aufgrund der Toleranzedikte zu napoleonischer Zeit und der Gesetzgebung danach durften Juden wieder in den Städten siedeln. So auch ab 1870 in Rothenburg, wo sich eine lebendige und wirtschaftlich starke Gemeinde bildete, die allerdings schon Anfang der 1920er-Jahre auch antisemitischen Ausschreitungen ausgesetzt war, wie Oliver Gußmann den Zuhörern berichtete.

Stolpersteine in der Herrengasse

Stolpersteine in der Herrengasse

Europaweit gibt es 61.000 Stolpersteine – davon 10 in Rothenburg

Er berichtete auch über die Schwierigkeiten mit heutigen Hausbesitzern ehemals jüdischer Häuser oder Häuser, in den Juden wohnten, am Gehsteig vor dem Haus einen Stolperstein anbringen zu können. Die Gründe der Ablehnung, so Gußmann, sei weit gefächert: von nichts damit zu haben wollen über Scham bis hin zu dem Argument, das Haus verliere dadurch an Wert. Gußmanns Erklärungen zur Geschichte der Stolpersteine wie auch über die Vertreibungsgeschichte der Juden aus Rothenburg entfachten Fragen und provozierten natürlich auch andere Meinungen, so dass eine lebendige Diskussion beispielsweise darüber entstand, ob das stets gleiche Anbringen von Stolpersteinen europaweit Kunst oder ein Gewerbe des Betreibers Gunter Demnig (Köln) sei. Das zuständige Finanzamt Köln entschied 2011, dass die inzwischen 61.000 in Europa verlegten Stolpersteine in ihrer gleichen Herstellung Massenproduktion und keine künstlerisch-schöpferischer Akt sei. Daher sollte Demnig eine Gewerbesteuer von 19 % auferlegt, statt 7 %.  Das nordrhein-westfälische Finanzministerium erließ im selben Jahr in einem Gnadenakt dem Künstler Demnig die Nachzahlung und beschied, dass trotz Massenware, er auch zukünftig nur 7 Prozent Umsatzsteuer zu zahlen habe. Der Kölner Künstler Gunter Demnig hatte das Projekt 1992 begonnen.  Auf seine Stolpersteine hat er seit 2006 ein europaweites Patent- und Markenrecht. In Deutschland sind in 1099 Städten rund 53.000 Stolpersteine verlegt (Stand 2017).

Viele Erinnerungen wurden geweckt und Frage gestellt

Obere Schmiedgasse

Obere Schmiedgasse

Die Teilnehmer der Führung in Rothenburg sprachen auch darüber, ob man bei dem Thema Stolpersteine vielleicht doch mehr Rücksicht auf die Ablehnung jüdischer Kreise aus religiös motivierten Gründen Rücksicht nehmen sollte. Denn die Namen der Opfer lägen im Schmutz der Straße und würden mit Füßen getreten. Daher bemühte sich Oliver Gußmann auch, vor den Teilnehmern der Führung das 96 x 96 mm große Messingschild der Stolpersteine mit Sidol zu putzen, nachdem er vor dem Haus „Weißer Schwan“ in der Oberen Schmiedgasse die Geschichte des Viehhändlers Siegfried Steinberger erzählte, der dort wohnte, 1938 vertrieben und 1941 vermutlich ermordet wurde.
An den Stolpersteinen vor der ehemaligen Synagoge in der Herrngasse 21, in der Ida und Samson Wurzinger sowie Siegmund Lißberger wohnten, berichtete Oliver Gußmann über das Schicksal der Bewohner: Ida Wurzinger wurde 1944 in Auschwitz ermordet, Samson Wurzinger 1943 in Theresienstadt und Sigmund und Bella Lißberger 1942 ebenfalls in Theresienstadt. Das Haus wurde 1938 von Rothenburgern „arisiert“ wie das gegenüberliegende Haus der vertriebenen Familie Löwenthal und andere Häuser auch. Hierzu gab es von den Teilnehmern viele Fragen und etliche brachten auch eigene Erinnerungen von ihren Eltern in die Diskussion mit ein. Dass nur die aus Rothenburg vertriebenen Juden einen Stolperstein bekamen, die in KZs ermordet wurden, forderte die Kritik einer Nürnberger Teilnehmerin heraus, die meinte, dass es hier doch um das Wohnen und Vertreiben aller Juden aus den Rothenburger Häusern ging, auch derjenigen, die ins Ausland flüchten und überleben konnten. Auch ihrer müsste mit einem Stolperstein gedacht werden. Oliver Gußmann erklärte, dass bereits geplant sei, in einer zweiten Stolperstein-Aktion auch der überlebenden jüdischen Bürger Rothenburgs zu gedenken. Stolpersteine sind außerdem verlegt vor den Häusern Judengasse 22, Siegmund und Rosa Hamburger (ermordet 1943 Theresienstadt); Kirchgasse 1, Jonas Gottlieb (1942 Theresienstadt); Neugasse 34, Siegmund Fritz und Helene Kirschbaum (1944 Auschwitz, 1941 Kowno Fort IX).

Jüdische Geschichte ist ein wichtiger Teil der Stadtgeschichte

Die abschließende Diskussion zeigte, wie lebendig das Interesse an der jüdischen Geschichte der Stadt nicht nur bei älteren Teilnehmern ist. Und nicht nur an der bedeutenden mittelalterlichen Geschichte mit Judentanzhaus, Judenkirchhof, Kapellenplatz, Judengasse und die Vertreibung der Juden aus der Stadt im 16. Jahrhundert. Sagte doch die Rothenburgerin Elke Wedel, die von der Führung begeistert war: „Als Gästeführerin bin ich sehr an der neueren jüdischen Geschichte der Stadt interessiert, denn Touristen stellen darüber immer häufiger Fragen. Da kam mir zu meiner eigenen Information der Stolperstein-Rundgang gerade recht.“

  • Siehe auch: „Jeder Stein ein Leben“ – Rothenburger Bürger erinnerten mit den Stolpersteinen an die Vertreibung und das Leid der Juden in der Tauberstadt
  • Siehe auch: „Die jüdische Gemeinde Rothenburgs und das Erinnern nach 1945“ – Vortrag von Dr. Oliver Gußmann auf der Tagung der Ev. Akademie Tutzing in Rothenburg 2016

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Quellen der Zahlen: Online-Enzyklopädie Wikipedia (Aufruf 2017)
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