„Heiliger Berg der Franken“ – Zum Hesselberg pilgerten jährlich braune Horden, um sich am Antisemitismus Julius Streichers zu ergötzen

Der Hesselberg heute

Der Hesselberg heute

Von Wolf Stegemann

Heilige Berge gibt es in jeder Kultur, Religion und auf jedem Kontinent. Manchmal werden sie besonders verehrt, wenn mit ihnen besondere Ereignisse, wie eine göttliche Offenbarung (Berg Moses) oder das Erscheinen einer heiligen Person assoziiert werden können. Berge können aber auch Wohnorte von Toten (Kyffhäuser) sein oder verfluchte Orte, Tanzplätze von Hexen (Brocken). Vorchristliche Kultstätten wurden etwa im Zuge der Christianisierung mit christlichen Wallfahrtsorten überbaut.

Namen heiliger Berge gibt es viele: der Olymp, der Parnass oder der Berg Athos in Griechenland, Irlands heiliger Berg ist der Croagh Patrick. Der Berg Sinai, der Karmel und der Tempelberg kommen in der jüdischen Religion vor, und der Berg Arafat bei Mekka im Islam. In Bayern gibt es den hl. Berg Andechs, den Donnersberg in der Pfalz und die Ehrenburg (Walberla) in der Fränkischen Schweiz. Bei Wassertrüdingen steht der Hesselberg, ein pseudo-heiliger Berg der Nazis und ihrer obskuren Mythologie und die Massen beherrschenden Propaganda.

"Fränkische Tageszeitung" von 1933

“Fränkische Tageszeitung” von 1933

Mobilisierung der Massen

Ein wesentliches Merkmal der NS-Bewegung war die Entwicklung eigener (Kult-)Stätten, an denen sich die Ideen und politischen Vorstellungen des Nationalsozialismus darstellen und zelebrieren ließen. Bekannte Beispiele hierfür sind etwa Nürnberg mit dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände, die Stadt Rothenburg als Beispiel nationalsozialistischer Urbanität   und der Bückeberg bei Hameln, wo alljährlich das „Reichserntedankfest“ begangen wurde. Ein weiterer wichtiger Kultplatz des Nationalsozialismus im damaligen Deutschen Reich war der Hesselberg im südwestlichen Mittelfranken. Der sechs Kilometer lange Hesselberg ist mit 689 Metern die höchste Erhebung Mittelfrankens, vier Kilometer nordwestlich von Wassertrüdingen, etwa 60 Kilometer von Rothenburg ob der Tauber entfernt. Geologisch gibt er als alter „Zeugenberg“ aufschlussreiche Einblicke in die Erdgeschichte der Jurazeit, politisch offenbart er die Methoden nationalsozialistischer Agitation zur Mobilisierung der Massen für antisemitische Ideen.

Gauleiter Julius Streicher auf dem Hesselberg

Gauleiter Julius Streicher auf dem Hesselberg

Julius Streicher wollte sein Mausoleum auf dem Hesselberg errichten

Die Bedeutung der NS-Hesselbergtage in den Weimarer Jahren, die räumliche Nähe zu den so genannten Reichsparteitagen in Nürnberg und die besondere Mischung aus Volksfest, politischer Indoktrination und religiösem Erleben machten die „Frankentage“ auf dem Hesselberg nach 1933 zu einem besonderen Datum im Feierkalender der Nazis. 1930, ein Jahr nach dem ersten Frankentag, war Adolf Hitler anwesend. Eine Veranstaltung dieser Art, in der sich der Gauleiter als charismatische Führergestalt bejubeln ließ und die gleichzeitig ein rassisch motiviertes Überlegenheitsgefühl der Gaubevölkerung befeuerte, war im Deutschen Reich eine einmalige Angelegenheit.

Rothenburger wurden in Schopfloch mit Steinen beworfen

1930 besuchten auch Rothenburger NSDAP- und SA-Mitglieder den Frankentag auf dem Hesselberg. Mit zwei Lastkraftwagen fuhren sie am 13. Juli zu dieser Großkundgebung mit Adolf HItler. Auf dem Rückweg verandtalteten die Rothenburger in Dinkelsbühl und Feuchtwangen Propagandamärsche. Als die Wagen durch Schopfloch fuhren, wurtde die Rothenburger Nazis mit Steinen beworfen. Daraufhin hileten sie ihre Wagen an, stiegen aus und verprügelten die Steinewerfer, die sie in ihrer Chronik „marxistische Wegelagerer“ nannten.

Von den „Frankentagen“ auf dem Hesselberg profitierte auch die Stadt Rothenburg. Denn das Veranstaltungsprogramm nutzten etliche der „NSDAP-Hesselberg-Wallfahrer“ dazu, die mittelalterliche Nazi-Hochburg Rothenburg ob der Tauber zu besichtigen und zu sehen, warum die Nationalisten gerade diese Stadt als NS-Vorzeigestadt auserkoren haben. Der NS-Verein „Kraft durch Freude“ – mit eigenem Organisationsbüro in Rothenburg – organisierte die Tagesausflüge vom Hesselberg nach Rothenburg auf der Schiene oder mit Bussen.

1935 wurden von Rothenburg aus Fahrgemeinschaften zum „Frankentag“ auf dem Hesselberg unter Leitung des stellvertretenden Kreisleiters von Rothenburg, Zoller, besprochen, um eine größtmögliche Präsenz der Rothenburger NSDAP-Ortsgruppe auf dem Hesselberg zu gewährleisten. Die Propaganda-Treffen auf dem Hesselberg waren nach den Reichsparteitagen in Nürnberg die größte NS-Kundgebungen in Franken, zu denen bis zu 100.000 Besucher kamen, um den antisemitischen Reden Julius Streichers und anderer zuzuhören. Das war propagandistischer „Gottesdienst“. Daher ging dieser Erhebung  als „Heiliger Berg der Franken“ in die kurze Geschichte der Nationalsozialisten und langen Erinnerung der Beteiligten ein. Denn vom damaligen braunen „Pilgertrubel“  sind keine Spuren mehr vorhanden. Hochfliegende Pläne der Nationalsozialisten wurden nie verwirklicht. Der Bau einer Adolf-Hitler-Schule ebenso wenig wie die Errichtung eines Julius-Streicher-Mausoleums. Stattdessen wurde Streicher in Nürnberg als Kriegsverbrecher gehängt, verbrannt und seine Asche in einen unbekannten Fluss gestreut. Vor Ausbruch des Krieges konnten die Nationalsozialisten nur ein Verwaltungsgebäude mit Garage fertig stellen. Diese Garage wurde später von den auf dem Berg untergebrachten Flüchtlingen als Kapelle genutzt.

Julius Streicher spricht zu den Massen

Julius Streicher spricht zu den Massen

Rede auf dem Hesselberg provozierte 1937 den Flaggenstreit mit der Kirche

Die protestantische Bevölkerung und die fränkischen Kirchenoberen nahmen anfangs noch begeistert Anteil an den NS-„Frankentagen“. Erst als Hermann Göring im Juni 1935 eine bis ins Ausland beachtete kirchenfeindliche Rede hielt, änderte sich die Zustimmung der evangelischen Kirche. Göring sagte u. a.:

„Wenn wir wallfahren zu einer alten Kultstätte unserer Vorfahren, so mögen sie das […] als Heidentum bezeichnen; aber sie mögen es uns nicht verübeln, wenn wir wieder in der Geschlossenheit unseres Volkes hier zusammenströmen, unsere Herzen hochzuheben zu der Idee unseres Führers, anstatt das Geschwätz zänkischer Pfaffen anhören. Es ist besser, dass wir[…] die Einheit unsers Volkes bezeugen, als dass wir durch Konfessionsstreit dieses Volk auseinander treiben lassen.“

Hesselberg-Medaille "Deutschland ist erwacht"

Hesselberg-Medaille 1933 “Deutschland ist erwacht”

Diese Rede führte zu einem Streit der Kirche mit Partei und Staat über die Beflaggung kirchlicher Gebäude. Von den Kanzeln war zu hören, nach den kirchenfeindlichen Schmähungen auf den „Frankentagen“ wäre es charakterlos, Kirche und Pfarrhaus zu diesem Anlass noch zu beflaggen. Da die bayerische Kirchenleitung nur eine widersprüchliche Anweisung herausgab, blieb die Entscheidung über die Beflaggung den Kirchengemeinden selbst überlassen. Wie örtliche Polizeiposten beim „Frankentag“ 1937 beobachteten, entschied sich die Mehrheit der Gemeinden dafür, ihre Kirche nicht zu beflaggen. Diese Weigerung wurde aus NS-Sicht als Zeichen gewertet, dass die Geistlichen den Nationalsozialismus ablehnten. Die Bezirksämter erhielten Anweisung, gegen die verantwortlichen Pfarrer Anzeige zu erstatten. Die Gemeinden gaben ihren Widerstand gegen die Beflaggung allerdings auf, als im Vorfeld des „Frankentages“ 1938 Verhandlungen der Kirchenleitung mit Staats- und Parteistellen scheiterten, die Kirchen von den Beflaggungsanordnungen auszunehmen.

Der Hesselberg nach 1945 – voll in kirchlicher Hand

Seit 1951 ist der Hesselberg in kirchlichen Händen. Es ist das Gründungsjahr der Evangelischen Landvolkshochschule und das Jahr der ersten Veranstaltung des Bayerischen Evangelischen Kirchentags. Seitdem treffen sich jährlich am Pfingstmontag Tausende von Christen zu diesem Fest des Glaubens auf dem Berg. Zwischen 1945 bis 1992 diente der Bereich um den Hauptgipfel den amerikanischen Streitkräften als Radarstation. 1972 wurde im Rahmen der Kreisreform der Landkreis Dinkelsbühl, zu dem auch die Hesselberg-Gemeinden gehörten, aufgelöst und in den Landkreis Ansbach integriert. In der späteren Gemeindereform wurden viele ehemals selbstständige kleine Gemeinden zu den heutigen Gemeinden oder Verwaltungsgemeinschaften.

Ausstellung über den Hesselberg in der NS-Zeit; Foto: dpa

Ausstellung über den Hesselberg in der NS-Zeit; Foto: dpa

Mit einer Ausstellung erstmals wieder ins Gedächtnis zurück geholt

Als „verwunderlich und bemerkenswert“ beurteilte Kurator Matthias Dachwald bei einer Veranstaltung im Rahmen der Ausstellung „Der Hesselberg“ im Künstlerhaus Nürnberg  2010 das Phänomen, dass nach dem Krieg aus allen Gedächtnissen der Hesselberg als NS-Wallfahrtsort verschwunden zu sein schien. Die Volkshochschule der evangelischen Kirche, die sich 1951 auf dem Berg niederließ, griff erst in jüngster Zeit die Vergangenheit auf – und nur im Internet. Auch Thomas Greif, Nürnberger Historiker und Journalist, konnte viel von Verdrängung berichten. ER war der erste, der wissenschaftlich detailliert mit dem Hesselberg beschäftigte. Seine 2007 erschienene Doktorarbeit über „Frankens braune Wallfahrt“ bildete die Grundlage der Ausstellung. Als Beleg dafür, wie widerstrebend sich Teile der Region mit ihrer lokalen NS-Tätergeschichte befassen, wertet Greif das alte bayerische Königsdenkmal  auf dem Hesselberg. 1856 errichtet, wurde es auf Geheiß der NSDAP 1936 gesprengt – und vergessen. Die mögliche Wiedererrichtung hielte Greif für geeignet, um mit einer „dauerhaften didaktischen Auseinandersetzung“ zu beginnen.

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Quellen: Katalog der Wanderausstellung „Der Hesselberg – ein heiliger Ort der Täter“, KOMM-Bildungsbereich Nürnberg 2011. – Thomas Greif: „Frankens braune Wallfahrt – Der Hesselberg im Dritten Reich“ (Diss.) 2007. – Hesselberg „Heiligtum und Nazi-Treffpunkt“, Sendung des Franken-Fernsehens am 9. Januar 2011 (19,21 und 23 Uhr) auf Franken-Sat.  -(J. Gauger, Chronik 3, 526). – „Der Hesselberg“, Ausstellung im Künstlerhaus Nürnberg, September 2010. – Markus Springer: „Ihr Saukerle, ihr Judenknechte“ im Evangelischen Sonntagsblatt“, Gebr. Holstein-Verlag Rothenburg, 49/2006.

 

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Ein Kommentar zu „Heiliger Berg der Franken“ – Zum Hesselberg pilgerten jährlich braune Horden, um sich am Antisemitismus Julius Streichers zu ergötzen

  1. Losa Luxemburg sagt:

    Sehr gut!

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