Georg Soldner – Landwirt, Hufschmied, Bürgermeister, NSDAP-Landtagsabgeordneter, Kreisbauernführer, Gauredner, SS- und SA-Mitglied und letztlich doch nur „Mitläufer“

Georg Soldner

Georg Soldner

Von Wolf Stegemann

In der ersten Beilage „Ähre und Schwert“ des „Fränkischen Anzeigers“ vom 3. Januar 1935 (siehe unten) widmete die Zeitung dem NS-Funktionär Georg Soldner einen ihn im damaligen Sinne würdigenden Artikel. „Unser Kreisbauernführer Soldner gehört zu den bedeutendsten Führern der bayerischen Bauernschaft“ steht da zu lesen. Wer war Georg Soldner, der als Bauernführer in einem anderen Artikel aus dem Jahr 1942 auch als „Stoßtruppführer der Erzeugungsschlacht“ apostrophiert wurde? Der 1885 in Altengreuth im Bezirk Rothenburg geborene Schmied, besuchte sieben Jahre lang die Volksschule in Weissenkirchberg und lernte drei Jahre lang das Schmiedehandwerk in München und Ansbach, bevor er als Zweijährig-Freiwilliger von 1904 bis 1906 beim 2. Feldartillerie-Regiment Würzburg Militärpferde beschlug und 1911 die Meisterprüfung ablegte, Lina Klein aus Leipoldsberg heiratete und zwei Kinder bekam.

Schieber und Landesverräter sollen aufgehängt werden

Im Ersten Weltkrieg beschlug er als Oberfahnenschmied (Hufbeschläger) wieder Pferde, diesmal der Munitionskolonne des 11. Feldartillerie-Regiments, nahm an 37 Schlachten teil, geriet in einen Giftgasangriff und litt bis 1920 an einem schweren Augenleiden. Ausgezeichnet wurde der Vizewachtmeister mit dem Bayerischen Militärverdienstkreuz mit Krone und Schwertern sowie mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse. Soldner lebte als Landwirt und Schmied in Schwand (Dombühl), ließ sich 1919 in den Gemeinderat von Erlach (Bezirk Rothenburg) und 1924 zum Bürgermeister wählen. 1931 kam er zur NSDAP, wurde deren Kreisredner, von der Partei zum landwirtschaftlichen Kreisfachberater für den Kreis Rothenburg berufen und 1933 für seinen Einsatz für die nationalsozialistische Sache öffentlich gelobt. Von ihm ist der Ausspruch überliefert, den er in einer öffentliche Rede in einer Gastwirtschaft gesagt haben soll: „Wir werden aufhängen alle Schieber und Landesverräter“ (FA 4. Juli 1932). Schon 1932 zog er als NSDAP-Abgeordneter für den Stimmkreis Ansbach-Rothenburg in den Bayerischen Landtag ein, dem er bis 1933 angehörte.

NS-Karriere als „Alter Kämpfer“ und Bauernführer

1934 wurde Georg Soldner Kreisbauernführer-Ansbach. Die Kreisbauernschaft umfasste acht Bezirksämter: Ansbach, Rothenburg, Feuchtwangen, Dinkelsbühl, Uffenheim, Gunzenhausen, Weißenburg und Eichstätt. Zudem war er auch Mitglied des Landesbauernrats, stellvertretender landwirtschaftlicher Gaufachberater, Bezirksbauernführer für den Bezirk Rothenburg ob der Tauber, Bürgermeister der Gemeinde Erlach, Erbhofrichter am Erbhofgericht Nürnberg und Aufsichtsratsmitglied der Bayerischen Landwirtschaftsbank. Um die kirchlich orientierte Landbevölkerung zu gewinnen, ließ er sich schon 1933 in die Landessynode der Evangelischen Landeskirche wählen und wurde enger Mitarbeiter von Landesbischof Meiser. In dieser Zeit stieg er vom Kreis- zum Gauredner auf, trat 1936 in die SS ein und war Bauernreferent bei der 73. SS-Standarte vom Rasse- und Siedlungshauptamt SS in Berlin (P.4 Nr. 3165 FLb/We R.R.Süd; Tgb.Nr, 4356 vom 13. Januar 1936). Ein Jahr später trat er aus der Synode aus. Der „Fränkische Anzeiger“: „Unserm Kreisbauernführer Soldner ist der wahre Sozialismus innerste Herzensangelegenheit geworden und von seinem Schaffen gilt: Arbeit adelt!“ Soldner gehörte auch am Ende des Krieges zu den Durchhalte-Parolen-Rednern. Vor Bauern sagte er am 30. Januar 1945:

„Während der Jude das germanische Volk durch Anzetteln des Krieges vom Erdboden verschwinden lassen wollte, ließen wir ihn vom Erdboden verschwinden. … Unter der ordnenden und pflegenden Hand des Führers ist der deutsche Bauer eine organisierte Gemeinschaft geworden und gegen das ganze deutsche Volk steht der Jude als rassischer Abschaum der Menschheit.“

Einen solchen Satz sagte Monate vorher schon der Rothenburger Kreisleiter Erich Höllfritsch auf der Frauenkundgebung in Rothenburg im Januar 1944. Offenbar lag beiden dasselbe Redemanuskript vor. Ansonsten kam der Kreisbauernführer nicht allzu oft im „Fränkischen Anzeiger“ vor.

Sonderseite im "Fränkischen Anzeiger" über den Bauernstand 1933

Sonderseite im “Fränkischen Anzeiger” für den Rothenburger Bauern 1933

Entlastungsschreiben von Politikern mit unverständlichen Argumenten

Der vom „Fränkischen Anzeiger“ Geadelte wurde nach dem Krieg in das Internierungs- und Arbeitslager Regensburg verbracht, wo auch andere Rothenburger einsaßen. 35 Monate verbrachte er dort und arbeitete u. a. als Schlosser in der Max-Hütte in Sulzbach-Rosenberg. Georg Soldner hatte etliche Fürsprecher, die seine Entlassung forderten. Hans Centmayer, CSU-MdL, beklagte in einem Schreiben vom 6. Juli 1947 an das Sonderministerium in München, das so viele Parteimitglieder (gemeint NSDAP) ohne größere Belastung in Internierungslagern säßen. „Die Bevölkerung hat kein Verständnis dafür und verliert jedes Vertrauen zu den politischen Parteien, zu Demokratie und zum Staat.“ Centmayer forderte, dass „Soldner umgehend aus dem Lager entlassen wird … Die ganze Bevölkerung würde diese Handlung begrüßen, und ein wesentlicher Beitrag zur Festigung der Staatsautorität würde damit geleistet.“ Michael Emmerling, SPD-Mitglied und als solches zeitweise von den Nazis eingesperrt, setzte sich am 28. Juli 1947 ebenfalls mit einer sonderbar anmutenden Argumentation für Georg Soldner ein. Er schrieb:

„Trotz seiner Funktion als Kreisbauernführer in welcher Rolle er auch als Redner für die NSDAP einzutreten hatte, wurde Soldner nie als gefährlicher Nazi empfunden, denn seine Art blieb bäuerlich! … Er übte seine Funktion in anständiger Haltung aus…“

  • Hier sei eine kurze Kommentierung erlaubt: Als ob es auf dem bäuerlichen Land keine Nazis und keine Verbrechen gegeben hätte! Und mit der Bezeichnung „anständig geblieben“ bezeichnete sogar Himmler die SS-Männer, die in den KZs Männer, Frauen und Kinder vergast hatten und die Eigenschaft der Anständigkeit nahmen bei der Entnazifizierung fast alle Rothenburger Belasteten vor der Spruchkammer für sich oder als Entlastungszeuge für andere in Anspruch.

Grausamkeiten des Regimes waren ihm „völlig unbekannt“

Die beiden Schreiben des CSU- und des SPD-Politikers hatten keinen unmittelbaren Erfolg. Ex-Kreisbauernführer Georg Soldner wurde erst am 27. April 1948 nach Schwand (Gemeinde Erlbach im Bezirk Rothenburg) entlassen und musste sich zur Entnazifizierung der Rothenburger Spruchkammer stellen, an die er seinen Lebenslauf und seine sonderbar anmutende Rechtfertigungen schickte. Darin sind die Sätze zu lesen:

„Als guter Christ habe ich mich unterworfen gefühlt der Obrigkeit, die Gewalt über mich hatte; denn es ist keine Obrigkeit ohne Gott (Römer 13). Dass die Obrigkeit Grausamkeiten durchgeführt hat, war mir völlig unbekannt. Das kann ich vor Gott und Menschen bezeugen. Georg Soldner.“

Da dürfte der Christ vor Gott und den Menschen einen Meineid geschworen haben. Über seine Zugehörigkeit zur SS und SA schrieb Soldner, dass er nur „Ehrenmitglied“ gewesen sei. Trotz dieser Rechtfertigungen stufte ihn der Ankläger der Spruchkammer in seiner Klageschrift vom 13. Mai 1948 wegen seines frühen Parteieintritts und aktiven Einsatzes für die Partei als „Hauptschuldigen“ ein. Er zitierte aus dem „Fränkischen Anzeiger“ Georg Soldners Bekenntnis zu Hitler, zum Nationalsozialismus und zum Führerprinzip sowie Soldners Dank an Hitler für die Errettung des deutschen Volkes. Wer etwas anderes sage, so Soldner, wäre das „Gräuelpropaganda“ und müsse bestraft werden.

Die Spruchkammer folgte den Ausführungen des Anklägers nicht. Georg Soldner wurde am 8. Juli 1948 unter Aktenzeichen 217/S/Erl. als „Mitläufer“ entnazifiziert.

Sonderseite im "Fränkischen Anzeiger" vom 3. Januar 1935

Sonderseite im “Fränkischen Anzeiger” vom 3. Januar 1935

Zur Sache: Der Bauernstand
Anerkennung erst durch den Nationalsozialismus

Einsatz der Jugend in der Landwirtschaft

Einsatz der Jugend in der Landwirtschaft

Obwohl die Landwirtschaft und damit der Bauernstand einer der wichtigsten Berufszweige ist, fand und findet der Bauer seit Jahrhunderten wenig gesellschaftliche Anerkennung.
Diese erhielt er erst durch Adolf Hitler. Im Nationalsozialismus genoss der Bauernstand hohe gesellschaftliche Anerkennung. Gefördert wurde er durch angemessene und stabile Preise sowie durch die garantierte Abnahme seiner Produkte. So wie heute seine Produktionsleistung als Überproduktion deklariert wird und damit zum allgemeinen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problem stilisiert wird, so fand er im Dritten Reich gerade für seine Produktionsleistung Anerkennung, Wertschätzung und wirtschaftlichen Erfolg. Zwar hatte man im Dritten Reich nicht die Zielsetzung, dass die Bauern als Stand und als gesellschaftliche Gruppe zu Ehren kommen sollten, sondern sie sollten ihren Beitrag leisten zum Autarkiestreben Hitlers, sollten in der „Erzeugerschlacht kämpfen“. Nachdem die Problematik fehlender Nahrungsmittel im Ersten Weltkrieg mit allen negativen Auswirkungen zu spüren gewesen war, wollte man im angestrebten Zweiten Weltkrieg für Sicherheit sorgen, nicht zuletzt auch für innenpolitische Sicherheit: solange das Volk Brot hat, revoltiert es nicht. Dazu wurde der Bauer instrumentalisiert, um durch hohe Produktion von Agrargütern, die Unabhängigkeit vom Ausland zu garantieren und damit Hitler den Rücken für seine Welteroberungspläne freizuhalten. Nur allzu willig ließ sich der Bauernstand in seiner Mehrzahl von der Naziideologie verführen. Die Scholle wurde mystifiziert. Am Ende des Krieges und somit der Herrschaft der Nazis stand der Verlust großer Agrarregionen im Osten Deutschlands.

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Quelle: Staatsarchiv Nürnberg, Bestand: Spruchkammer Rothenburg B 60. – Fränkischer Anzeiger vom 4. Juli 1932, 3. Januar 1935, 12. Dezember 1942.
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