Entnazifizierung (18): Dem Bildhauer und „Alten Kämpfer“der NSDAP Johannes Oertel konnte ein Werwolf-Einsatz mit dem Kreisleiter nicht nachgewiesen werden

Johannes Oertel 1935; Foto: Reichsstadtmuseum Rothenburg

Johannes Oertel 1935; Foto: Reichsstadtmuseum Rothenburg

Von Wolf Stegemann

Gemäß des Artikel 12 des Gesetzes Nr. 104 zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. März 1946 wurde der stadtbekannte und von dem NS-Ministerpräsidenten Ludwig Siebert geförderte Rothenburger Bildhauer Johannes Oertel als „Mitläufer“ in die Entnazifizierungskategorie V eingestuft, obwohl er wegen seines frühen Eintritts in die NSDAP (1931) als „Alter Kämpfer“ galt, zudem als Blockleiter ein Parteiamt ausübte und Obertruppführer in der SA war.

Nationalsozialistische Aktivitäten verschwiegen

Johannes Oertel, 1893 in der Gemeinde Lichtenstein geboren, war 1945 beim Ausfüllen des berüchtigten Fragebogens, Grundlage der Entnazifizierung, nicht aufrichtig. Er verheimlichte seine frühe Zugehörigkeit zur Partei, zur SA und sein Parteiamt als Blockleiter. Dies stellte das „Document Center der Militärregierung“ bei der Überprüfung fest, wie auch der Stadtamtmann Hans Wirsching seine Kandidatur in der Deutschnationalen Reichvereinigung (DNRV) verschwiegen hatte. Während Wirsching dafür ins Gefängnis musste, ist nicht bekannt, welche Folgen, wenn überhaupt welche, das für Oertel hatte. Vermutlich keine.  Johannes Oertel gab vor der Spruchkammer Rothenburg an, dass er „an eine besser Zukunft durch den Nationalsozialismus glaubte“ und deshalb „aus ideellen Gründen“ am 1. Januar 1931 in die Partei eingetreten war und von 1933 bis 1935 das Amt eines Blockleiters bekleidete. „innerlich“, so der „Spruch“ der Spruchkammer, war Oertel „kein Nationalsozialist, der die Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus fördern oder unterstützen wollte“. Der SA gehörte der Künstler von 1933 bis 1935 an, hatte den Rang eines Obertruppführers und baute die SA-Kapelle mit auf. Entlastungsschreiben bestätigen, dass sich Oertel in er SA lediglich um die Musik gekümmert hätte.

Hitlerbüsten und Heldisches im Atelier

Der Rothenburger Bildhauer wurde von staatlichen und Parteistellen gefördert, so auch vom bayerischen NS-Ministerpräsidenten, der ihm einen Auftrag zum Bau eines Kriegerdenkmals in Lindau am Bodensee beschaffte. Dafür will Oertel bei einer sieben Monate langen Arbeit nur 30 Reichsmark erhalten haben. Johannes Oertel machte auch nationalsozialistische „Kunst“ wie Hitlerköpfe und Heldisches wie nackte Soldaten mit Helm auf dem Kopf und auf einem Pferd sitzend. Die Information, dass der Bildhauer auch das nationalsozialistische Denkmal im Rothenburger Burggarten, das an die Machtergreifung des Jahres 1933 erinnerte, ist in den Rothenburger Spruchkammer-Aufzeichnungen nicht zu finden. 1945 wurde das Denkmal abgebrochen.

Mit dem Volkssturm an die Heimatfront

Gegen Ende des Krieges musste der Künstler mit dem Volkssturm in den Krieg ziehen. Während der Öffentliche Kläger der Spruchkammer, Adolf Bohn, in seiner Klageschrift feststellte, dass Johann Oertel in den Werwolf-Bereich eintrat, sah die Spruchkammer es als erwiesen an:

„Dass der Betroffene lediglich bis zu einer Stelle mitgegangen ist, bis zu welcher der Werwolf noch nicht gestanden hat. Bei der Befragung jedes Einzelnen durch den Kreisleiter, hat der Betroffene es abgelehnt, mit ihm weiter zu gehen. Einige der Leute sind bei dem Kreisleiter geblieben und damit begann der Werwolf. Der Betroffene war nicht mehr dabei und hat auch die Rede um weitere Unterweisungen des Kreisleiters nicht mehr entgegen genommen.“

Die Aussage des Künstlerkollegen aus Rothenburg, Willi Förster, hat die für die Spruchkammer zuerst angenommene Belastung Johannes Oertels wohl gänzlich in Wanken gebracht:

„Durch die Zeugenaussage des Kunstmalers Willi Förster ist dem Betroffenen hinsichtlich seiner Gesamthaltung gemäß Art. 2 des Befreiungsgesetzes ein völlig einwandfreies und korrektes Verhalten bestätigt worden, welchem Urteil sich die Kammer auch anschließt. … Durch die Beweisaufnahme im mündlichen Verfahren hat die Kammer festgestellt, dass der Betroffene nur nominell am Nationalsozialismus teilgenommen und ihn nur unwesentlich unterstützt hat.“

Glossar: Der Volkssturm war der Partei unterstellt. Deshalb zog Johannes Oertel auch mit dem Kreisleiter in den Krieg. – Der Werwolf war eine im Sommer 1944 von der SS gegründete und geführte Partisanenorganisation, die hinter den Linien der vorrückenden Alliierten kämpfen sollte. Mangels Material und Personal erzielten die Werwolf-Kommandos kaum Wirkung und fanden auch wenig Zulauf nach einem Aufruf von Goebbels an 1, April 1945. Außerdem bekämpften die wenigen Werwölfe nicht in erster Linie die Alliierten, sondern vornehmlich NS-Gegner und Deutsche, die sich den Alliierten ergeben hatten. Spektakulär war die Ermordung des Aachener Bürgermeisters, der die Stadt den Amerikanern bereits übergeben hatte.

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Quelle: Staatsarchiv Nürnberg, Spruchkammer Rothenburg / Tbr., Nr. 7341/O
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