Blick nach Brettheim II: „Am Grabe der Opfer von Brettheim“ – Eine Betrachtung des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Hans Filbinger, im Jahr 1962

n diesem Buch veröffentlichte Hans Filbinger 1962 seinen Aufsatz "Am Grabe der Opfer von Brettheim"

n diesem Buch veröffentlichte Hans Filbinger 1962 seinen Aufsatz “Am Grabe der Opfer von Brettheim”

Von Wolf Stegemann

Eine Vorbemerkung zu dem unten veröffentlichten Aufsatz von Hans Filbinger „Am Grab der Opfer von Brettheim“ scheint uns notwendig. Filbinger, der nachfolgende Gedanken über das Drama von Brettheim und den Opfermut derer, die von Nationalsozialisten verfolgt und getötet wurden, so schön formulieren wusste, wurde 1978 wegen seiner verkündeten Todesurteile im Dritten Reich selbst zum „Fall Filbinger“, denn er hatte als Nationalsozialist, (Hochhuth: „furchtbarer Jurist) und Marinerichter vier Todesurteile 1943 und 1945 beantragt oder gefällt. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ schrieb über die Vorfälle mit Bezug auf den 1972 bekannt gewordenen Fall des Soldaten Petzold:

„…wer nach Kriegsende einen Soldaten im Gefangenenlager wegen ‚Auflehnung gegen Zucht und Ordnung‘ und wegen ‚Gesinnungsverfalls‘ zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, der hat mit denen, die sich gegen die Ordnung jener Zeit aufgelehnt haben, wenig gemein.“

Hans Filbinger bestritt zuerst alle Vorwürfe („Es gibt kein einziges Todesurteil, das ich in der Eigenschaft als Richter gesprochen hätte“), dann sagte er, er habe die Urteile „wegen Belanglosigkeit“ vergessen gehabt  Daraufhin nannten ihn die Medien als einen „Mann, der ein Todesurteil vergisst“. Filbinger prozessierte vergebens. Sein Credo: „Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein!“. 1978 trat er auf Druck der Öffentlichkeit als CDU-Ministerpräsident von Baden-Württemberg zurück. Seine bis zu seinem Tod 2007 fortgesetzten Rehabilitierungsversuche und die umstrittene Trauerrede Günter Oettingers für ihn hielten die Erinnerung an die „Filbinger Affäre“ wach. Filbingers Verhalten in der NS-Zeit und nach bekannt werden seiner Verstrickungen gelten heute als Beispiele für das Versagen vieler Mitläufer unter damaligen Juristen.

Unter diesen Aspekten der Widersprüchlichkeit seiner schönen Worte im folgenden Text und seiner furchtbaren Tätigkeit als NS-Militärrichter ist sein hier abgedruckter Aufsatz über die Standgerichtsurteile und Opfer von Brettheim zu lesen.

Am Grabe der Opfer von Brettheim

Hans Filbinger, der "furchtbare Jurist"

Hans Filbinger, der “furchtbare Jurist”

Von Hans Filbinger (†)

In dem kleinen Dorffriedhof wurden ein Monat vor Ende des Zweiten Weltkrieges drei Bürger aus Brettheim, der Bauer Han­selmann, der Bürgermeister Gackstatter und der Lehrer Wolf­meyer hingerichtet. Das Todesurteil gegen diese drei Männer war binnen knapp vier Tagen beschlossen und ausgeführt worden. Das Strafverfahren gegen diejenigen, die damals deren Tod be­schlossen hatten, dauert schon fünf Jahre an, und keines der drei Schwurgerichte, die sich mit dem Fall zu befassen hatten, konnte ein Urteil finden, das die Erregung in der Öffentlichkeit be­schwichtigt hätte. [Der Artikel wurde offensichtlich geschrieben, bevor das letzte Urteil ergangen ist.]

Heute wird es in Deutschland nur wenige geben, die nicht an­erkennen, dass Hanselmann, Gackstatter und Wolfmeyer 1945 himmelschreiendes Unrecht zugefügt worden ist. Die schließlich doch erfolgte Verteidigung des Dorfes Brettheim war genauso sinnlos wie letztlich alle Opfer waren, welche die deutsche Zivilbevölkerung und die deutschen Soldaten im vergangenen Krieg brachten. Wenn wir die kriegerische Zielsetzung anschauen, war die Sinnlosigkeit des Widerstandes in Brettheim – vier Wo­chen vor dem Kriegsschluss – so offensichtlich, dass man es heute nicht mehr versteht, wie damals noch viele glauben konnten, dass durch Fortsetzung des Widerstandes die Niederlage Deutsch­lands verhindert werden könne. Im Reichsgesetzblatt von 1942 ist ein Beschluss des Reichstags vom 26. April 1942 veröffentlicht, in dem es u. a. heißt:

„Der Führer muss, ohne an bestehende Rechtsvorschriften gebunden zu sein, in seiner Eigenschaft als Führer der Nation, als oberster Befehlshaber der Wehrmacht, als Regierungschef und oberster Inhaber der vollziehenden Gewalt, als oberster Gerichtsherr und als Führer der Partei jederzeit in der Lage sein, nötigenfalls jeden Deutschen mit allen ihm geeignet erscheinenden Mitteln zur Erfüllung seiner Pflicht anzuhalten und bei Verletzung die­ser Pflichten ohne Rücksicht auf so genannte wohlerworbene Rechte mit der ihnen gebührenden Sühne zu belegen.“

Der Sinn für Recht und Unrecht wurde durch die Propaganda zerstört

In dem für das Reichsgesetzblatt typischen Kanzleistil wurde damit das ausgesprochen, was in der Praxis schon seit neun Jah­ren Tatsache war: dass ein Mann in Deutschland Herr über Gesetz und Recht war und dass alle Macht im deutschen Staate von einem nach seinem Belieben ausgeübt wurde. Da dieser eine kein Sittengesetz über sich erkannte und nur sei­nen Hass und seine verbrecherischen Neigungen zur Richtschnur seines Handelns machte, war damit auch der Staat als solcher – an höheren Rechtsnormen orientiert – kriminell geworden. Eine gelenkte Propaganda, die sich sämtlicher moderner Publika­tionsmittel bediente, versuchte auch im Volke den Sinn für Recht und Unrecht, für Sitte und Unsitte, ja für Vernunft und Unver­nunft zu zerstören. Kritik wurde nicht zugelassen.

„Gehüllt in Niedertracht, gleichwie in einer Wolke, ein Lügner vor dem Volke, ragt er bald groß an Macht mit seiner Helfer Zahl, die hoch und niedrig stehend, Gelegenheit erspähend, sich bieten seiner Wahl“ heißt es in dem Gedicht von Gottfried Keller, das oft während des Dritten Reiches hinter verschlossenen Türen zitiert wurde. Es ist im Fall Brettheim in der Öffentlichkeit und, wie ich glau­be, auch während der Verhandlungen die Frage gestellt worden: Wie sollte man sich, wenn die Sowjets den Westen angreifen, in einer ähnlichen Situation verhalten?

Die Lehre aus Brettheim: Stille Aufopferung des eigenen Lebens für andere

Ich möchte es deutlich sagen: Ein Vorfall wie der in Brettheim kann sich nur in einem totalitären Staat abspielen. Nur dort ist es möglich, einem breiteren Teil des Volkes durch gelenkte Pro­paganda einzuhämmern, dass ein offensichtlich sinnloser Widerstand sinnvoll ist. Nur dort ist es möglich, im Einzelnen das Ge­fühl für den Wert des Menschenlebens und für Recht und Gerechtigkeit zu zerstören. Geht also die Lehre von Brettheim dahin, dass wir unseren Staat so ausbauen, dass eine Wiederholung solcher Geschehnisse ein für allemal in der deutschen Geschichte unmöglich ist und dass wir unsere Freiheit verteidigen, gegen jede Art von Bedrohung von innen und von außen?

Gewiss ist auch das eine Lehre von Brettheim. Aber diese Lehre haben wir bereits aus der ganzen riesigen Katastrophe des Jah­res 1945 erhalten und gezogen; sie wäre nichts Besonderes. Das Besondere an Brettheim liegt anderswo. Es ist dort etwas sicht­bar geworden, was in dem allgemeinen Chaos der letzten Mona­te des zweiten Weltkrieges selten aufgeleuchtet ist: nämlich die stille Aufopferung des eigenen Lebens für andere. Der Bauer Hanselmann, der zusammen mit anderen Dorfein­wohnern die Hitlerjungen, die das Dorf verteidigen sollten, ent­waffnet hat, war nicht bereit, seine Helfer dem Standgericht preiszugeben. Er hat sich freiwillig gestellt, um kollektive Straf­maßnahmen von der Bevölkerung abzuwenden. Er hat erklärt: Wenn es schon sein muss, dass ich mein Leben lasse, sterbe ich allein, ohne jemanden zu verraten. Der Bürgermeister Gackstatter und der Lehrer Wolfmeyer haben es abgelehnt, das Todes­urteil gegen Hanselmann zu unterzeichnen, und haben sich da­mit im Angesicht der tödlichen Gefahr in ihrem Gewissen für Hanselmann entschieden.

Vorbild für die Jugend, das weithin leuchtet

Es gehört zu der schlimmen Erbschaft des Nationalsozialismus, dass das Bild des menschlich Hehren und Heldischen verschüttet worden ist. So viele falsche Töne haben wir gehört, so viel Miss­brauch ist mit dem Begriff Ehre, Treue, Mut und Opferbereit­schaft getrieben worden, dass wir unsicher wurden und nicht mehr wagten, die Dinge beim Namen zu nennen, selbst dort, wo uns etwas menschlich Großes und Reines begegnet ist. Diese Scheu währt bis zum heutigen Tage, und doch haben wir das Recht, diesen drei Männern zu bescheinigen, dass sie vorbildlich gehandelt haben und dass sie der deutschen Jugend ein Beispiel gegeben haben, das weithin leuchtet.

Diese Männer haben äußerste seelische Not und Qual erlitten und waren einsam und verlassen. – Keiner konnte ihnen helfen. Sie haben den Ansturm des Lebenswillens erlebt, die höchste Auflehnung, das innere Aufbäumen gegen die Auslöschung ihrer selbst. Und sie haben dies überstanden und sind geläutert wor­den. Das bezeugen ihre letzten Gespräche mit den Männern, die ihre Richter und zugleich Henker geworden sind. Gespräche, bei denen die dem Tode preisgegebenen Männer keine Bitterkeit und keinen Hass gezeigt haben. Der menschliche Wein in ihnen ist rein gekeltert worden. Es fällt kein Schatten auf die Haltung dieser Männer, deren Opfergang wir heute ehren. Und nun wende ich mich an Sie, meine jungen Freunde aus der studentischen Jugend. Sie haben das Besondere des Ereignisses in Brettheim gespürt und gesehen. Sie sind davon ergriffen wor­den, und Sie haben sich ergreifen lassen. Das ist das Bedeutende dieser Stunde: Die deutsche Jugend – für die Sie stellvertretend hier sind – beugt sich in Ehrfurcht und Ergriffenheit vor diesen Opfern, die ihr Leben gaben. Sie ehrt diese Männer, weil sie das scheinbar Sinnlose ihres Ster­bens zu einer leuchtenden Tat gemacht haben. Sie dankt diesen Männern, dass sie Zeugen geworden sind dafür, dass das Große und Edle in unserem Volke lebte, auch in seinen dunkelsten Stunden.

Also dürfen wir glauben und vertrauen, dass diese Zeugenschaft Frucht bringen werde für unser Volk und für unseren Staat, der nicht leben kann und sich nicht behaupten kann gegen die Mäch­te des Ungeistes und der Zerstörung, wenn nicht seine Bürger den Glauben haben an das Gute im Menschen und es verteidigen. Wir alle haben zu danken denen, die ihr Liebstes verloren haben und seitdem schmerzvoll vermissen. Wir neigen uns in Ehrfurcht vor ihrer Trauer, und wir wollen ihnen sagen, dass wir brüder­lich und schwesterlich mit ihnen empfinden. Wenn etwas ihren Schmerz lindern kann, dann ist es das Bewusstsein, dass in aller Sinnlosigkeit des Geschehens der Sinn nicht verborgen geblieben ist, dass das Verständnis dieses geheimen Sinnes in der deutschen Jugend lebt.

Wenn ein Volk von den Mächtigen betört und in die Irre geleitet wird und wenn es im Verhängnis steht, dann wird die böse gewordene Macht nur besiegt durch die äußerste Entschlossenheit der Guten, durch ihr Bekenntnis zu den wahren Werten einer Nation. Dieses ist die eigentliche Lehre von Brettheim, und da­für danken wir denen, die das Opfer ihres Lebens gebracht haben.

________________________________________________________________

Quelle: Der Aufsatz ist 1962 in dem kleinen Büchlein „…der täglich sie erobern muss“ veröffentlicht, das Claus Schöndube herausgegeben und im Verlag Heinrich Warnecke (Bonn) „für junge Bürger“ erschienen ist. Daher wurde das Buch vom baden-württembergischen Kultusministerium an Schulen und Schüler kostenlos verteilt. Darin werden Aufsätze, Gedanken und Gedichte von Dichtern und Denkern veröffentlicht, die den Gedanken der Freiheit beleuchten, darunter Jean-Jaques Rousseau, Ilse Blumenthal-Weiss, Günther Weissenborn, Rudolf Hagelstange, Ernst Reuter, Elly Heuss-Knapp und eben Hans Filbinger. – Die Orthografie wurde von unserer Redaktion der heutigen Schreibweise angepasst und wegen besserer Lesbarkeit Zwischenüberschriften gesetzt.
Dieser Beitrag wurde unter Alt-Nazis in der Politik, Evangelische Kirche, Krieg, Kriegsende, Nazi-Religion, NSDAP, Reichsarbeitsdienst, Reichsnährstand, Relikte des Krieges, SS abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>