Behelfsheimbau im Heckenacker und am Schlachthof für Ausgebombte, Flüchtlinge und Vertriebene – ein gescheitertes Werk des Führers an der Heimatfront

Stevertretender Hauleiter Holt besichtigt 1944 die Heckenackersiedlung; v. l. Kreisleiter Steinacker, Holz, komm. Ktreisleiter Höllfritsch

Stevertretender Gauleiter Holz besichtigt 1944 die Heckenackersiedlung; v. l. Kreisleiter Steinacker (in Wehrmachtsuniform), Holz, kommissarischer Kreisleiter Höllfritsch (andere Personen unbekannt)

Von Wolf Stegemann

„So wie auf militärischem Gebiet das Geheimnis des Erfolgs in der guten Führung liegt, so ist die Bewährung der Heimat in dem Erfolg der Maßnahmen der Partei begründet Wenn demzufolge Führung und Gefolgschaft gleichermaßen von dem glühenden Glauben an den Sieg erfüllt sind, dann kann es keinerlei unüberwindliche Schwierigkeiten geben, diesen Sieg zweifellos sicherzustellen. Ein in seiner Bedeutung und seinem gewaltigen Ausmaß einmaliges Problem stellt auch das vom Führer der Partei anvertraute Wohnungshilfswerk dar…“  So formulierte am 26. Januar 1944 der „Fränkische Anzeiger“ in Rothenburg ob der Tauber den Grund, warum NSDAP und andere Staatsstellen den Behelfsheimbau für „luftkriegsgeschädigte Volksgenossen“ forcierten, auch in Rothenburg. Als Grund ist in der Lokalzeitung zu lesen: „Als die englisch-amerikanischen Kriegsverbrecher ihren Terrorfliegern den Befehl zur Bombardierung deutscher Städte und Dörfer gaben, da war ihnen bereits bewußt, daß sie mit dieser Aktion weder die deutsche Kriegsproduktion, noch den militärischen Nachschub für die kämpfende Front entscheidend treffen können. Unsere Feinde und insbesondere ihre jüdischen Auftraggeber, verfolgen mit diesen verbrecherischen Handlungen auch ganz andere Ziele. Sie wollen die deutsche Zivilbevölkerung mürbe machen. Sie wollen Frauen und Kinder morden und der deutschen Familie, dem schaffenden Arbeiter und dem kämpfenden Frontsoldaten die Wohnstätte niederbrennen und sein Hab und Gut vernichten.“

Im Januar mit dem Behelfsheimbau in Rothenburg begonnen

Bau der Befehlsheimbauten im Heckenacker

Bau der Befehlsheimbauten im Heckenacker

Nach dem Sieg über Frankreich im Herbst 1940 und den „erfolgreichen“ Eroberungen im Osten hofften viele Menschen im Deutschen Reich, dass nach einem – glaubte man der Propaganda – kurzfristig möglichen Triumph über England der Zweite Weltkrieg gewonnen sei. Hitlers Überfall auf Russland und der eskalierende Bombenkrieg über Deutschland, welcher zunächst eine Reaktion auf die Bombardements auf englische Städte durch die deutsche Luftwaffe war, machte ab 1942 deutlich, dass das Kriegsgeschehen in bisher nicht gekanntem Maße auch die Zivilbevölkerung treffen würde. Die steigenden Zahlen an durch Bomben zerstörten Gebäuden, zunächst in den norddeutschen Städten, und der immer größer werdende Radius der britischen Bomberverbände, bewirkte eine steigende Wohnungsnot, die sich aufgrund der Umstellung auf Kriegswirtschaft und Abzug weiter Teile an Fachleuten aus dem Bauwesen nicht mehr mit den Mitteln des „Friedenswohnungsbaues“ lösen ließ. Das nationalsozialistische Regime musste provisorische Lösungen entwickeln, wenn die „Heimatfront“ nicht wegen fehlender Unterkünfte für Ausgebombte zusammenbrechen sollte.
Während der bereits 1942 in Berlin angelaufene Behelfswohnungsbau für Ausgebombte im Kompetenzstreit zwischen Partei, Staatsbehörden und den beteiligten Reichsministern und Reichswohnungskommissaren recht holprig anlief und teilweise der bereits propagandistisch erklärte Planungs- und Bauerfolg sogar ausblieb, kam der Parteiruf erst Anfang 1944 in Rothenburg an, hier mit der „Behelfsheimbauaktion“ zu beginnen. Denn immer mehr Flüchtlinge aus den Ostgebieten und Ausgebombte aus umliegenden größeren Städten waren unterzubringen. Mit dem üblichen nationalsozialistischen Pomp, Fahnen, Uniformen und kraftstrotzenden Reden nahmen Parteiführer im Beisein des Reichsarbeitsdienstes auf dem Gebiet der Heckenackersiedlung am Samstag, dem 22. Januar 1944, den ersten Spatenstich vor. Der kommissarische NSDAP-Kreisleiter Fritz Höllfritsch hielt die Rede, nachdem der Standortführer des SA, Obersturmbannführer Arlt, ihm die 110 angetretenen freiwilligen Bau- Männer gemeldet hatte. Dieser Einsatz entzückte des Kreisleiter, denn er meinte, dass dieser vorbildliche Einsatzwille die Bedeutung und den Willen des wahren Nationalsozialismus dokumentiere und brachte zum Ausdruck, dass die Männer „mit Liebe und Freude das Werk beginnen und es glücklich vollenden mögen.“ Dazu der „Fränkische Anzeiger“: „Der erstere Wunsch wurde dann auch in die Tat umgesetzt. Die Männer griffen mit einer Begeisterung, aber auch mit einem Humor zum Spaten und zu Schaufel, dass es eine wahre Freude war.“

Plan der Einheitsbauten für das gesamte Reich

Plan der Einheitsbauten für das gesamte Reich

Zuerst Flachdächer geplant, dann doch fränkische Satteldächer

Wer ein Grundstück hatte und es für den Behelfsheimbau zur Verfügung stellen konnte, erhielt zusätzlich vom Reich eine Prämie in Höhe von 1700 Reichsmark zum Bezug von zusätzlich benötigtem Baumaterial. Wer nun dort wohnen wollte oder sollte, hatte sich an den Ortsgruppenleiter der Partei oder an den Betriebsobmann zu wenden, die Wohnwillige aus welchen Gründen auch immer zu Siedlergruppen zusammenfassten, die auch für das Zusammenstellen von Bautrupps verantwortlich waren. Waren zuerst auch im Heckenacker für den Behelfsheimbau übliche Flachdächer geplant, wurde hier dann doch auf die aufwändigeren Satteldächer zurückgegriffen, damit sich die Häuser in Billigbauweise besser in die fränkische Landschaft besser einpassten. Zudem brachte ein zusätzlicher Bodenraum eine größere Wärmedämmung, erkannten die Verantwortlichen. Das Behelfsheim bestand aus einer kleinen Hütte mit den Innenmaßen 4,10 Meter mal 5,10 Meter. Die zwei vorgesehen Räume waren durch einen kombinierten Ofen/Herd beheizt. Später wurden solche Behelfsheime auch in der Schlachthofsiedlung errichtet. Wie viele es in Rothenburg waren, ist hier nicht bekannt. Bekannt ist aber, dass durch Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung aus den verlorenen Ostgebieten in Deutschland ein Wohnraummangel von heute unvorstellbarem Ausmaß zu verzeichnen war – die zeitgenössischen Schätzungen gehen allein für das Gebiet der späteren Bundesrepublik Deutschland von fehlenden Wohnungen für etwa 20 Millionen Menschen aus. Da erscheint die Anzahl von 22.500 Wohneinheiten im Rahmen der reichsweiten Behelfheimbaus als Tropfen auf den heißen Stein, zumal beispielsweise alleine in Frankfurt am Main zwischen 1941 und 1945 das Zehnfache an Wohnraum verloren gegangen war.

Alles war von der Partei verordnet und nachprüfbar

Bauten im Heckenacker

Bauten im Heckenacker

Neben umfangreichen Hinweisen enthielten die Baubeschreibungen sämtliche Vorgaben über Materialstärken, Konstruktionsdetails, Verarbeitungsanweisungen und Ansprechpartnern, sofern beispielsweise bei der Elektro- oder Wasserinstallation Schwierigkeiten auftraten. Im Rahmen eines sparsamen Einsatzes von knappen Baustoffen waren die Verzeichnisse der notwendigen Materialkontingente und Mischungsverhältnisse unbedingt erforderlich. Das betraf den Verbrauch von Zement für die Kellerdecke, die Erdgeschossdecke, die Gewicht des zur Verwendung stehenden Baustahls und der Gesamtsbedarf an Eisen, der sich für eine Behelfsunterkunft 6001,1 Kilogramm nicht überschreiten durfte. Um die Verwendung von Holz so wirtschaftlich wie möglich zu gestalten, wurden für die Behelfsheime genormte Möbel entwickelt, die den Menschen in den knapp geschnittenen Räumen ein Grundniveau an Komfort bieten sollten, sofern die Ausgebombten nicht (mehr) über eigene Möbel verfügten.

Für die Errichtung von Bauten standen im dritten Kriegsjahr nur noch eingeschränkt Facharbeiter zur Verfügung, so dass in großer Zahl Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Während die Zahl der Facharbeiter sich meist aus Kriegsversehrten oder bereits pensionierten Baufachleuten zusammensetzte, handelte es sich bei den Zwangsarbeitern um so genannte „Ostarbeiter“, welche aus Polen, Russland oder anderen im Osten liegenden besetzten Gebieten in das deutsche Reichsgebiet verschleppt wurden. Organisiert wurde der Arbeitseinsatz von der „Bauhilfe der Deutschen Arbeitsfront GmbH“. Unter dem Eindruck des Bombenkrieges wurde die Konstruktion der Häuser dem Luftschutz angepasst, zumindest auf dem Plan und in Verordnungen. Ob allerdings diese am Zeichen- und Schreibtisch entstandenen Vorgaben in der Realität umgesetzt wurden, ist heute nicht mehr nachprüfbar.

Stellvertr. Gauleiter Holz besichtigte den Rothenburger Behelfsheimbau

Baukarte anstatt Baugenehmigung

Baukarte anstatt Baugenehmigung

Im Juni 1944 begab sich der stellvertretende Gauleiter Karl Holz von Nürnberg nach Rothenburg, um sich vom Fortgang des Behelfsheimbaus in der Tauberstadt zu informieren. In Begleitung der örtlichen Parteiführung besichtigte er die Heckenackersiedlung, wo bereits eine Anzahl der Häuser errichtet war. Mit dabei war der komm. Kreisleiter Höllfritsch und von der Front kam der nominelle Kreisleiter Karl Steinacker in Wehrmachtsuniform angereist. Ebenso gehörten etliche Politische Leiter der NSDAP zur örtlichen Entourage des stellvertretenden Gauleiters, der sich zufrieden zeigte und darauf hinwies, dass auf schnellstem Wege möglichst viele dieser Behelfsheime fertig zu stellen seien. Dazu der „Fränkische Anzeiger“ im schwülstig-propagandistischen Stil der Partei und Zeit: „Partei, Staat, Behörden und Betriebe, Wehrmacht, Polizei und andere Organisationen haben sich bereits in den Dienst dieses großzügigen Führerwerkes gestellt und die Welt wird einsehen müssen, dass die gemeinen britischen Terrorangriffe auf unsere Wohnstätten durch die Kraft des deutschen Volkes überwunden werden, weil diesem Terror nun die Volksgemeinschaft mit der Tat im deutschen Wohnhilfswerk gegenübertritt. Für alle, die durch ihrer Hände Arbeit diesem wunderbaren Werk zu seiner Vollendung helfen, wird das Lachen spielender deutscher Kinder in den blühenden Gärten unserer Behelfsheime und das über den wiedergewonnenen eigenen Herd zufriedene Herzen der deutschen Mutter schönster Dank, schönster Lohn für alle Mühe und Arbeit sein.“

Noch nicht erforscht – doch aus vielerlei Gründen gescheitert

Heute lässt sich sagen, dass das gesamte nationalsozialistische Behelfsheimbau-Projekt aus vielerlei Gründen gescheitert ist. Unter Historikern wird die Meinung vertreten, dass Hitler mit seinem Behelfsheimbau-Erlass und dann die Partei mit der Umsetzung eine tatsächliche Verbesserung der ausgebombten deutschen „Volksgenossen“ gar nicht anstrebte. – Eine einheitliche Gestaltung der Behelfsheime ließ sich nicht durchsetzen. Waren Doppelbehelfsheime für größere Familien noch durch einen Erlass gedeckt, so wurden entgegen den Bestimmungen Dachböden ausgebaut, Keller errichtet, die Grundrisse verändert, die vorgegebene Größe überschritten usw. Doch das Projekt Behelfsheimbau endete nicht mit dem Ende des Krieges, sondern bestand auf Anordnung der Besatzungsmächte bis zum Sommer 1946 weiter. Heue ist schwer unterscheidbar, welche Behelfsheime während des Krieges errichtet wurden und welche Gebäude in der unmittelbaren Nachkriegszeit als Behelfsheime entstanden sind. Diese Nachkriegsbauten überwogen in der Anzahl erheblich. In manchen Städten sogar um das Zehnfache.

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Quellen: „Fränkischer Anzeiger“ Rothenburg ob der Tauber, vom 12. und 26. Januar 1944, 3. Juni 1944. – „Der soziale Wohnungsbau in Deutschland. Offizielles Organ des Reichskommissars für den sozialen Wohnungsbau Reichsorganisationsleiter Dr. Robert Ley“, Jg. 2, 1942. – „Der Wohnungsbau in Deutschland. Fachblatt der Deutschen Akademie für Wohnungswesen“; offizielles Organ des Reichswohnungskommissars, Jg. 2 und 3, 1943/44. – Wolfgang Voigt „Vitruv der Moderne“, in: Prigge, Walter (Hrsg.): Ernst Neufert. Normierte Baukultur im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1999.
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