10. Jüdische Kulturwoche „Le Chaijm – Auf das Leben!“ 2020 in Rothenburg ob der Tauber: Vorträge, Filmvorführungen, Klezmer-Musik, Lesung, Judengasse

Jüdische Kultur und Geschichte erleben, in den Dialog treten, Neues kennenlernen, Spannendes erfahren, der Vergangenheit gedenken und der Gegenwart begegnen – dafür bietet alljährlich die Jüdische Kulturwoche in Rothenburg, organisiert von Bildung Evangelisch in Rothenburg und Freunden, die Gelegenheit. Unter dem Motto „Le Chajim! Auf das Leben!“ hat das Vorbereitungs-Teams in Bildung Evangelisch mit Dr. Oliver Gußmann, Hannelore Hochbauer, Lothar Schmitt, Brigitte Wagner und Elke Wedel wieder ein buntes und reichhaltiges Programm zusammengestellt. Es umfasst wieder Vorträge, Lesungen, Filmvorführungen mit Nachgesprächen, Konzerte und einer Stadtführung durch das historische Judentum in Rothenburg ob der Tauber. Die Veranstaltungen finden vom 17. bis 24. Oktober 2020 statt.

Klezmer-Konzert
Samstag, 17. Oktober, 19 Uhr: „Di yorn geyen zikh“ – The Best of Klezmer, Konzert mit der Band Mesinke im Theatersaal des Wildbades Rothenburg, Taubertalweg 42. Eintritt: 12 Euro, Karten gibt es an der Abendkasse; Reservierung im Pfarramt St. Jakob möglich unter Telefon (09861) 7006-20.

Vortrag: Die Sprache der extremen Rechten
Montag, 19. Oktober, 19 Uhr: „Macht des Wortes – Framing“, Vortrag von Leonhard F. Seidl zum Thema „Sprache und Strategien der Extremen Rechten und wie ihnen begegnet werden kann“ in der Städtischen Musikschule Rothenburg, Kirchplatz 12. Eintritt frei, maximal 30 Teilnehmer. Anmeldung im Pfarramt St. Jakob, Telefon (09861) 7006-20.

Film-Abend: Historiendrama Dreyfus
Dienstag, 20. Oktober, 19 Uhr: „Intrige“ – Film mit Nachgespräch. Originaltitel: „J’accuse“, ein Historiendrama des Regisseurs Roman Polanski über die berühmte Affäre Dreyfus im Forum Rothenburg Filmpalast, Nördlinger Str. 1, Eintritt im Kino.

Führung Judengasse Haus Nr. 10
Mittwoch, 21. Oktober, ab 17 Uhr: Führungen in der Judengasse 10 (Mikwe) durch Dipl.-Ing. (FH) Architekt Eduard Knoll. Anmeldung bis zum 19. Oktober 2020 per E-Mail, info@kulturerbebayern.de, maximal zehn Teilnehmer pro Gruppe.

Geschichte ehemaliger Synagogen
Mittwoch, 21. Oktober, 19 Uhr: „Leben mit einem Denkmal – Synagogengeschichten“, Dokumentarfilm (2020) über die respektvolle Nutzung ehemaliger Synagogen. Im Anschluss Gespräch mit der Filmautorin Dr. Sybille Krafft und Reinhard Hüßner in der Städtischen Musikschule Rothenburg, Kirchplatz 12. Eintritt frei, maximal 30 Teilnehmer. Anmeldung im Pfarramt St. Jakob, Telefon  (09861) 7006-20 oder per E-Mail an info@kulturerbebayern.de.

Judentum in der christlichen Kunst
Donnerstag, 22. Oktober, 17 Uhr: Darstellungen des Judentums in der kirchlichen Kunst des Mittelalters. Vortrag mit Bildern von Pfarrer Dr. Oliver Gußmann in der St. Jakobs-Kirche in Rothenburg, Kirchplatz. Eintritt frei.

  • Hinweis: Coronabedingt ist die Anzahl der Plätze in den verschiedenen Räumen begrenzt. Daher bitten die Initiatoren  um Anmeldung zu den einzelnen Veranstaltungen. Mund- und Nase-Bedeckung ist mitzubringen.

Klezmerband Mesinke – deutschlandweit bekannt

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Die Klezmerband Mesinke hat 2019 eine Best-of-CD mit dem Titel „Di yorn geyen zikh“ (Die Jahre vergehen) mit den beliebtesten Stücken aus ihren fünf eingespielten CDs veröffentlicht. In Rothenburg spielt die Band die Stücke live. Das Ensemble trat bereits auf namhaften Bühnen auf wie beim Klezmerfestival in Sfad (Israel 1999), bei der EXPO 2000 in Hannover sowie 2007 beim Worldfest Liberec (CZ). Bekannt wurde die Band für ihre Vertonung des Stummfilms „Der Golem – wie er in die Welt kam“. In Filmtheatern engagierte sich Mesinke deutschlandweit bei zahlreichen Protestveranstaltungen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. In der Rothenburger Jüdischen Kulturwoche haben Mesinke schon einige Male musiziert.
„Macht des Wortes – Framing“ heißt der Vortrag von Leonhard F. Seidl (Bild)  Vorsitzender des Verbands der Schriftstellerinnen und Schriftsteller Mittelfranken. „Worte können sein wie winzige Arsendosen. Sie werden unbemerkt ver-schluckt, sie scheinen keine Wirkung zu haben, doch nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da. Wenn einer lange genug für heldisch und tugendhaft „fanatisch“ sagt, glaubt er schließlich wirklich, ein Fanatiker sei ein tugendhafter Held, und ohne Fanatismus könne man kein Held sein“, schrieb der Sprachwissenschaftler Victor Klemperer in seinem Buch „LTI“ über die Sprache des Dritten Reiches. Für die heutige extreme Rechte ist die Sprache ebenfalls von enormer Bedeutung, sie zählt zu ihren wichtigsten Instrumenten. Durch Diskursverschiebung hat sie in den letzten Jahren einen Aufstieg vollzogen. Worte wie „Flüchtlings-Tsunami“, oder „jüdisches Finanzkapital“ entmensch-lichen, verschieben Diskurse und Werte. Unsagbares wurde wieder sagbar, Antisemitismus und Hetze gegen Geflüchtete, Homosexuelle und politische Gegnerinnen und Gegner werden wieder salonfähig. Die geistige Brandstiftung gipfelte in den rechtsextremen Terroranschlägen von Christchurch, Halle und Hanau.

Bilder wie Judenhut, Hakennase oder den Geldbeutel des Judas

Der Film „Intrige“ handelt von der berühmten Affäre Dreyfus. Der Justizskandal um einen jüdischen Armeeoffizier erschütterte die französische Politik und Gesellschaft in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts. „Intrige“ (Originaltitel: J’accuse) ist ein französisch-italienisches Historiendrama des Regisseurs Roman Polanski, der gemeinsam mit dem britischen Schriftsteller Robert Harris auch das Drehbuch nach dessen Roman „Intrige“ verfasste. Der Film gewann bei seiner Weltpremiere im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig 2019 den Großen Preis der Jury und war für den Europäischen Filmpreis 2019 nominiert. Der 132-minütige Film startete im Februar 2020 in den deutschen Kinos.
In einer Führung durch das Haus in der Judengasse (Bild) mit einer Mikwe aus dem Jahre 1409 Führungen in der Judengasse 10 (erster Kulturerbe Bayern-Schützling mit einer Mikwe, von 1409) durch Dipl.-Ing. (FH) Architekt Eduard Knoll. „Leben mit einem Denkmal – Synagogenge-schichten“ heißt der Dokumentarfilm (2020) über die respekt-volle Nutzung ehemaliger Synagogen. Anschließend gibt es Nachgespräch mit der Film-autorin Dr. Sybille Krafft und Herrn Reinhard Hüßner. Er ist einer der Protagonisten im Film. Gemeinsam mit seiner Ehefrau hat er in Wiesenbronn in zehnjähriger Arbeit nach allen Regeln der Denkmalkunst aus einer ehemaligen Synagoge ein Privathaus mit kleinem Museum gemacht. Für die Reihe „Leben mit einem Denk-mal“ hat Sybille Krafft Gebäude aufgespürt, die in der Reichspogromnacht 1938 geschändet, aber nicht komplett zerstört wurden, und seit Jahrzehnten leer stehen und verfallen. Andere werden als Lagerstätten und Garagen inzwischen recht säkular genutzt. Dr. Sybille Krafft ist stellvertretende Vorsitzende des Vereins Kulturerbe Bayern. Die Initiative erhält einzigartige historische Gebäude – wie auch die Judengasse 10.
Pfarrer Dr. Oliver Gußmann, übrigens Mitherausgeber dieser Online-Dokumentation „Rothenburg unterm Hakenkreuz“ widmet sich in seinem Vortrag den Darstellungen des Judentums im Spiegel mittelalterlicher kirchlicher Kunst. Viele Bilder von biblischen und außerbiblischen Geschichten in kirchlicher Kunst zeigen Darstellungen von Juden – z. B. den Judenhut, die Hakennase oder den Geldbeutel des Judas. Die Bilder haben sich tief in das kollektive Bewusstsein eingeprägt und bestimmen häufig die Vorstellung, wie Juden aussehen und wie sie sich verhalten. Manchmal gibt es auch hebräische Schriftzeichen auf den Bildern. Der Referent stellt einige dieser Bildmotive vor.

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