Zum Gedenken an den Vater schrieb der Sohn die bewegende Lebensgeschichte des Rothenburger Jagdfliegers Friedrich Schwarz

Erinnerungen an den Vater

Erinnerungen an den Vater

Von Silvia Schäfer

Der 1952 in Rothenburg gebürtige Toni Schwarz hat ein Buch über seinen Vater geschrieben, der während des Ersten Weltkriegs geboren und während des Zweiten Weltkrieges als Jagdflieger gekämpft hat. Durch die Aufarbeitung dieser Lebensgeschichte kann der Sohn die eigene Vergangenheit besser verstehen. Die berührenden Zeilen sind voller Wärme und Respekt geschrieben. Die von Toni Schwarz geschilderten Ereignisse beruhen auf den Erzählungen des Vaters, der vor drei Jahren starb, und eigenen Recherchen. Die Erinnerungen der fast 99-jährigen Mutter sind durch das hohe Alter verblasst. Als aufschlussreich erwiesen sich die akribisch genauen Aufzeichnungen des Vaters in den Flugbüchern der Jahre 1937 bis 1945. Manches musste der Sohn ergänzen, denn es gab Lücken in der Zeitreise. Das grundsätzliche Geschehen basiert auf wahren Begebenheiten.

Für den Österreicher wurde Rothenburg die neue Heimat

Fried­rich Schwarz wurde 1917 in Wien als Sohn eines Bademeisters geboren. Er war kein Wunschkind. Die Eltern ließen sich scheiden, da war er acht Jahre alt. Nach dem Schulabschluss absolvierte er eine Ausbildung zum Flugzeugführer und bekam eine eigene Maschine zugeteilt, eine Messerschmitt Bf109, seinerzeit die beste Jagdmaschine der Luftwaffe. Sein erster Alleinflug im Heinkel-72-Doppeldecker und die Begegnungen mit seinem Fliegeridol Werner Mölders, in dessen Staffel er flog, waren besondere Ereignisse. Über seine spätere Ehefrau Grete, die in Rothenburg eine Lehre als Näherin absolvierte und deren Eltern die „Wolfsschlucht“ betrieben, wurde die Tauberstadt für den Österreicher zum neuen Zuhause.

In Krakau Kampfflieger ausgebildet

Während des Heimaturlaubs im Januar 1942 wurde geheiratet. Es war keine pompöse Hochzeit, sondern eine schlichte Kriegs­trauung. Die Flitterwochen verbrachte das Paar im Skigebiet Zürs, bevor der 25-Jährige wieder in den Krieg musste. Er wurde nach Krakau versetzt und bildete als Jagdlehrer des Jagdgeschwaders 52 angehende Kampfflieger aus, später für das Jagdgeschwader 54 West. Bei einer Luftraumübung am 21. März 1941 stürzte die Maschine ab. Friedrich Schwarz konnte sich mit dem Fallschirm retten. Bei der Landung auf dem hartgefrorenen Ackerboden verstauchte er sich den Fußknöchel und fiel französischen Bauern in die Hände, die mit Dreschflegeln auf ihn einschlugen. Er versuchte mit Armen und Händen seinen Hinterkopf zu schützen.

Kameraden eilten ihm zu Hilfe. Auf einer Patrouillenfahrt hatten sie den Fliegerabsturz mit dem Fernglas beobachtet und den Ausstieg eines ihrer Piloten. Sie retteten Friedrich Schwarz das Leben. Drei Tage später saß er schon wieder in einer neuen Maschine am Flugplatz in Coquelles, nahe Calais an der französischen Küste. Die schrecklichen Bilder des Krieges hatte er immer wieder vor Augen. Wie sich russische Piloten, die von ihm und seinen Kameraden abgeschossen wurden und mit dem Fallschirm abspringen konnten, am Fallschirm hängend mit der Pistole in den Kopf geschossen haben. Wahrscheinlich aus Angst vor der deutschen Kriegsgefangenschaft oder aus Verzweiflung, im Luftkampf versagt zu haben. Die toten Russen mit ihren zerschossenen Köpfen schwebten regungslos zu Boden. Ende April 1945 ergab sich der Pilot zusammen mit Kameraden, nachdem sie wegen Treibstoffmangels immer weniger mit ihrer Maschine aufsteigen konnten, den Amerikanern. Sie nahmen Friedrich Schwarz seine wertvolle Fliegeruhr ab und brachten ihn in das Regensburger Gefangenenlager.

Nach Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft wieder in Rothenburg

Am 17. Mai 1945 wurde er freigelassen und trat den Weg nach Rothenburg zu seiner Grete an. Im November 1946 kam ihr erstes lang ersehntes Kind zur Welt, Tochter Leopoldine. Zwei weitere Kinder, Franz und Toni, folgten. Der Familienvater half entfernten Verwandten in Windelsbach bei der täglichen Feldarbeit, Bäume fällen und Holz machen. Dann war eine Stelle bei der Rothenburger Stadtpolizei ausgeschrieben. Ein Problem: Für diesen Posten brauchte er die deutsche Staatsangehörigkeit, die er trotz Heirat mit einer deutschen Frau damals noch nicht anerkannt bekommen hat. Er schaffte es trotzdem, in seinem neuen Beruf Erfolg zu haben. Als Mitglied beim Aero-Club, den er mit aufbaute, konnte er verschiedene Sportmaschinen fliegen. Im späteren AEG-Gelände bewirtschaftete er einen Schre­bergarten.

Im Alter von über 90 Jahren brach Friedrich Schwarz daheim vor der Badtüre unter höllischen Schmerzen zusammen, weil die verschlissenen Kniescheiben und seine kaputte Wirbelsäule endgültig ihre Dienste versagten. Fortan war er auf Intensivpflege angewiesen. Nach seinem Tod stieß der Sohn beim Sortieren des Nachlasses auf alte Fotografien und studierte fasziniert die Logbücher mit den akribisch genauen Eintragungen über die Kriegseinsätze.

Ein hölzernes Etui beherbergte Orden und Ehrenzeichen, die der Vater während des Zweiten Weltkrieges als Flugzeugführer und Kampfflieger bekam: das Eiserne Kreuz erster Klasse, Frontflugspanne in Gold, das Flugzeugführerabzeichen. Einige Abzeichen stammten von der damaligen Stadtpolizei, wegen seiner besonderen Verdienste und Beförderungen.

Intensiv mit dem Vater auseinandergesetzt

Toni Schwarz kehrte Rothenburg 1979 den Rücken, um Elektrotechnik zu studieren neben seiner Leidenschaft fürs Musikmachen. Er lebt mittlerweile in Heidingsfeld, pflegt aber nach wie vor enge Kontakte zu seiner Heimatstadt. Immer tiefer stieg er ein in die Geschichte seines Vaters und empfindet „allergrößte Hochachtung“ über dessen Lebensleistung. Den gestandenen Mann packte beim Schreiben die Wehmut, mit dem Vater zu Lebzeiten zu wenig über dessen Erlebnisse gesprochen zu haben und sich nie mehr mit ihm darüber unterhalten zu können. „Mir standen dabei oft Tränen in den Augen“. In seinem Buch, das den Titel „Schwere-Los“ trägt und im Rediroma-Verlag erschienen ist, hat er sich intensiv mit dem Vater auseinandergesetzt und Erinnerungen an die eigene Ge­schich­te aus einem neuen Blickwinkel geordnet.

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Quelle: Mit freundlicher Genehmigung der Autorin entnommen dem „Fränkischen Anzeiger“ vom 3. April 2014
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