„Völkischer Beobachter“ – Mit hoher Auflage und niedriger Qualität das tägliche „Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung“ erschienen

vÖLKISCHER bEOBACHTER;  nach Übernahme NSDAP

“Völkischer Beobachter” nach Übernahme durch die NSDAP, Ausgabe vom 25. Dezember 1920

In seiner Forschungstätigkeit für sein bemerkenswertes Dissertationsprojekt „Die nationalsozialistische Herrschaft in Stadt und Bezirk Rothenburg ob der Tauber“ hat Daniel Bauer nachgewiesen, dass die NSDAP-Zeitung „Völkischer Beobachter“ in Rothenburg allgemein und auch als Schullektüre eine große Leserschaft hatte. Im Unterricht des Gymnasiums las man gemeinsam die Artikel im „Völkischen Beobachter“ und sprach darüber. Somit wurden die Schülerinnen und Schüler von ihren Lehrern im nationalsozialistischen Sinne indoktriniert.

Ausgabe vom

Ausgabe vom 17. Juni 1934

Der „Völkische Beobachter“ war das Parteiorgan der NSDAP und wurde im Franz Eher  Verlag München verlegt. Die NSDAP erwarb die Zeitung am 17. Dezember 1920 von der Thule-Gesellschaft. Ihre Hauptaufgabe war die Verbreitung der NS-Ideologie und die Vermittlung von Informationen an die Parteimitglieder. Nach dem Hitlerputsch zunächst verboten, wurde die Zeitung ab 1925 zum politisch-propagandistischen Massenblatt. Geschäftsführer war seit April 1922 der Reichsleiter der NSDAP für die Presse, Max Amann. Hauptschriftleiter waren Dietrich Eckart (1921-1923), Alfred Rosenberg (1923-1938) und Wilhelm Weiß (1938-1945). Ab 1933 war der „Völkische Beobachter“ quasi Regierungsorgan. Die letzte Ausgabe wurde am 30. April 1945 gedruckt, aber nicht mehr ausgeliefert.

Seit 1923 täglich erschienen

Vorläufer war der „Münchener Beobachter“, dessen überregionale Ausgabe seit 9. August 1919 „Völkischer Beobachter“ hieß. Die Zeitung erschien im bereits erwähnten Franz Eher Nachf. Verlag. Der Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterverein“ (NSAV) unter dem Vorsitz von Anton Drexler (1884-1942) kaufte Verlag und Zeitung am 20. Dezember 1920 für 120.000 Mark. Treibende Kraft beim Kauf des hochverschuldeten Verlags war der Schriftsteller Dietrich Eckart (1868-1923); Geldgeber waren einige wohlhabende Privatpersonen und vermutlich auch die Reichswehr in Bayern. Eckart war von August 1921 bis März 1923 redaktioneller Leiter; auf ihn folgte Alfred Rosenberg (1893-1946). Der Sitz der Redaktion befand sich in der Schellingstraße 39/41 in München. Der Untertitel des bis zum 8. Februar 1923 zweimal wöchentlich und erst dann als Tageszeitung erscheinenden Parteiorgans lautete jetzt „Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands“. Adolf Hitler (1889-1945) war seit 29. Juli 1921 Vorsitzender der Partei und verfügte damit auch über sämtliche Anteile der Verlagsholding. Verlagsleiter war seit April 1922 der spätere Präsident der Reichspressekammer, Max Amann (1891-1957).

völk. Beobachter-schrift-völk.Beob. 1922

Ausgabe vom 10./11. Juni 1923; Zeitungspreis von 300 Mark war Inflationsgeld

Auflage, finanzielle Situation und äußere Gestaltung

Gedruckt wurde der „Völkische Beobachter“ beim „Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn“ in der Schellingstraße. Ab 29. August 1923 hatte er ein übergroßes Format, nachdem der Verlag eine gebrauchte amerikanische Rotationsmaschine erworben hatte. Dadurch sowie durch die in Rotdruck unterstrichene Hauptschlagzeile und die Kopfleiste in Antiqua-Lettern unterschied er sich auffällig von anderen Zeitungen. Die Auflage schwankte von 1920 bis 1922 zwischen 8.000 und 10.000 Stück, 1923 stieg sie auf 30.000. Die Einnahmen aus Anzeigen und Verkauf allein trugen das Blatt nicht; es hielt sich durch den Verkauf unverzinslicher Schuldscheine an Parteimitglieder sowie Darlehen und Zuschüsse wohlhabender Gönner über Wasser.

Politische Agitation bis zum Hitlerputsch

Bis 1922 schrieb Hitler selbst viele Artikel. Grundzüge der Agitation des Blatts waren in vulgärem Ton und plakativem Stil vorgebrachter Antisemitismus und Antikommunismus, aber auch antikapitalistische Anklänge, übersteigerter Nationalismus und Antiparlamentarismus, verbunden mit hemmungslosen Angriffen auf demokratische Politiker. Sie brachten ihm mehrfach Verbote ein, darunter eines, das im Oktober 1923 zu einer schweren Krise zwischen Reichs- und bayerischer Staatsregierung führte, da diese den Vollzug des vom Reich verhängten Verbots verweigerte und so die Atmosphäre aufheizte, die sich im folgenden Putschversuch Hitlers gewaltsam entlud.

NS-Propagandafoto: Hitler liest den "Völkischen Beobachter"

NS-Propagandafoto: Hitler liest den “Völkischen Beobachter”

Verbot der Zeitung bis 1925

Das nach dem Scheitern des Hitlerputsches am 9. November 1923 verbotene Blatt erschien erstmals wieder am 26. Februar 1925 nach Hitlers Entlassung aus der Festungshaft Landsberg am Lech. Durch seine Nähe zu Hitler und der Parteizentrale hatte der „Völkische Beobachter“ im Vergleich zu den übrigen parteioffiziellen oder parteinahen „Kampfblättern“ eine Leitfunktion. Hitler war bis zum 30. April 1933 Herausgeber des „Völkischen Beobachters“, schrieb allerdings nur noch wenige Artikel selbst. Die redaktionelle Leitung hatte wiederum Rosenberg, dessen Stellvertreter, der ehemalige Hauptmann Wilhelm Weiß (1892-1950), für die praktische Arbeit zuständig war. Rosenbergs Position wurde immer wieder erschüttert, besonders auch, da sich Amann als Verlagsleiter aus geschäftlichen Gründen auch in redaktionelle Angelegenheiten einmischte. Wegen seiner Angriffe auf Politiker der demokratischen Parteien und Institutionen der Republik wurde der „Völkische Beobachter“ erneut mehrfach verboten und in Prozesse verwickelt. Im Feuilleton kam nun als weiterer wichtiger Grundzug der Kampf gegen die als „Kulturbolschewismus“ verteufelte moderne Kunst aller Art zum Tragen.

Expansion seit Ende der 1920er-Jahre

Bis 1929 lag die Auflage unter 20.000, 1930 knapp unter 40.000; nach den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 überschritt sie die Grenze von 100.000 Exemplaren. Damit reihte sich der „Völkische Beobachter“ zwar nicht der Qualität, aber der Auflagenhöhe nach unter die bedeutendsten Zeitungen im Reich ein. Nach wie vor diente das Blatt in erster Linie der Kommunikation mit den Mitgliedern. Finanzielles Rückgrat war der von Amann erfolgreich ausgebaute Buchverlag. Auch der 1926 gegründete „Illustrierte Beobachter“ war ein Erfolg. Daneben wurde die Anhängerschaft immer wieder an ihre Pflicht erinnert, Abonnenten zu werben. Seit 1. Februar 1927 erschien der „Völkische Beobachter“ in einer Reichs- und in einer Bayernausgabe. Ende 1932 errichtete die Druckerei eine Zweigstelle in Berlin, so dass ab 1. Januar 1933 sowohl eine Berliner als auch eine Norddeutsche Ausgabe existierte. Daneben gab es eine Münchner und eine Süddeutsche Ausgabe.

Entwicklung des Kampfblatts im „Dritten Reich“

Während der nationalsozialistischen Herrschaft fand der „Völkische Beobachter“ ideale Bedingungen zur weiteren Ausbreitung. Die parteipolitische Konkurrenz wurde verboten oder durch wirtschaftlichen Druck zum Aufgeben bzw. zum Verkauf an den Parteiverlag gezwungen. Werber in SA-Uniform gingen von Haus zu Haus und nötigten Leute zum Abonnement.

Zeitungswagen 1935, heute im Stadtmuseum München

Zeitungswagen 1935, heute im Stadtmuseum München

Der propagandistische Kampfcharakter blieb auch nach 1933 bestehen, verbunden mit ständiger Glorifizierung der nationalsozialistischen Herrschaft. Weiß stellte aber jetzt auch qualifizierter Journalisten ein und hob das Niveau des Blatts und seiner neuen Beilagen. Mit seinen Versuchen, auch einen gut ausgebauten Auslandsdienst zu schaffen, scheiterte er allerdings an der Knauserigkeit Ammanns. Nach dem Einmarsch in Österreich 1938 kam auch eine eigene Wiener Ausgabe heraus. Der Anteil der Bilder im Blatt vergrößerte sich erheblich; ab Februar 1941 druckte man die ganze Zeitung in Antiqua statt in Fraktur (siehe Artikel „Die jahrelang im NS-Reich verwendete Fraktur-Schrift war plötzlich ,jüdisch’“ in dieser Online-Dokumentation). Dank seiner führenden Stellung hatte der „Völkische Beobachter“ jetzt auch einen üppigen Anzeigenteil. Die Druckauflage stieg von 127.500 im Jahr 1933 auf über 313.000 im folgenden Jahr und nahm jedes Jahr um rund 100.000 zu. Keine andere Zeitung im Reich konnte damit nur annähernd mithalten. 1941 wurde die Millionengrenze überschritten.

Die Redakteure des Blatts versuchten gegenüber Propagandaministerium und Pressekonferenz eine gewisse Unabhängigkeit zu bewahren. Sie konnten aber bei unerwünschten Formulierungen durchaus in das Visier der Gestapo geraten. Der „Völkische Beobachter“ wurde des Öfteren auf den Pressekonferenzen gerügt und unterlag auch der Überwachung durch Reichspressechef Dr. Otto Dietrich (1897-1952). Im Kulturteil kamen bisweilen sogar konservative Regimegegner mit verhüllter Kritik am Nationalsozialismus zu Wort.

Letzte Ausgabe am 30. April 1945 nicht mehr ausgeliefert

Wegen Materialknappheit musste der „Völkische Beobachter“ wie alle Zeitungen im Krieg seinen Umfang erheblich verringern. Die letzte Nummer erschien in der Süddeutschen Ausgabe am 30. April 1945, wurde jedoch wegen des Vormarsches amerikanischer Truppen nicht mehr ausgeliefert.

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Quellen: Nach Paul Hoher: „Völkischer Beobachter“, in: Historisches Lexikon Bayerns, <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44345> (2010). – Literatur: Friedrich Denk: „Die Zensur der Nachgeborenen. Zur regimekritischen Literatur im Dritten Reich“, Weilheim 3. Auflage 1996. – Detlef Mühlberger: „Hitlers Voice. The Völkischer Beobachter, 1920-1933“. 2 Bände, Oxford u. a. 2004. – Sonja Noller „Die Geschichte des Völkischen Beobachters von 1920-1923“, Diss. phil. masch. München 1956. – Roland Vanderbilt Layton „The Voelkischer Beobachter, 1925-1933. A Study of the Nazi Party in the Kampfzeit”, Diss. masch. University of Virginia 1965. – Sonja Noller/Hildegard von Kotze (Hg.) „Facsimile Querschnitt durch den Völkischen Beobachter“, Bern/München 1967.

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