Rothenburg ob der Tauber – Romantiker küssten die Stadt aus dem Dörnröschenschlaf, seitdem beleben Touristen Gassen und Plätze. Ein Blick in die Geschichte

Blick zum Burggarten; Foto: Wolf Stegemann

Blick zum Burggarten; Foto: Wolf Stegemann

Von Wolf Stegemann

Wer kennt sie nicht, jene mittelalterliche Stadt in Mittelfranken, bei deren Nennung sich Gesichter erhellen, ganz gleich, ob im Norden, Westen oder Osten der Bundesrepublik, ob in Amerika, Schweden, Japan oder auch Israel. Wer einmal hier war, vergisst sie nicht, die Schönheit der in die Jahre gekommenen Stadt mit ihren Türmen und Türmchen, ihren engen Gassen und weiten Blicken ins Taubertal, ihren Giebeln und Dächern, ihren Touristen und „Schneebällen“ (Gebäck). Ein Kleinod ohnegleichen, wie man sagt, wenn auch stark geliftet und stark angemalt wie eine alte Lady, die absolut nicht alt werden will.

Stadtwappen

Stadtwappen

Über die Gründe, warum Rothenburg auch das „Fränkische Jerusalem“ genannt wird, kann nur spekuliert werden. Vielleicht sind es die Stadtmauern, welche beide Städte um- und einschließen, vielleicht ist es die Höhenlage beider Städte über einem Tal, vielleicht die Gewalt, die in der Geschichte beider Städte vorherrschte, in der einen tut sie dies noch. Mag alles so sein. Mit dem Reiz Rothenburgs schmücken sich aber auch andere Städte wie das niedersächsische Homburg, das sich „Rothenburg des Nordens“ nennt, Pynitz heißt das „Pommersche Rothenburg“, Landsberg am Lech nennt sich „Bayerisches Rothenburg“ und Beilstein an der Mosel „Miniatur-Rothenburg“.

Das echte Rothenburg liegt etwa 80 Kilometer westlich von Nürnberg oberhalb der Tauber und am Rand des Naturparks Frankenhöhe. In der 41,45 Quadratkilometer großen Stadt bewegen sich in einer Höhe von 430 Metern über dem Meeresspiegel täglich Tausende von Touristen, die von der Höhe der westlich gelegenen Türme nach Württemberg gucken können. Die meist vom Tourismus lebenden Einwohner wurden 2012 gezählt und waren mit 10.989 wieder etwas weniger als im Vorjahr.

Holzschnitt 1590

Holzschnitt 1590

König Rudolf von Habsburg privilegierte die Stadt

Die Wurzeln von Rothenburg liegen vor dem Jahr 1000. Bis 1108  befand sich die Kaiserburg, die durch Erdbeben 1356 zerstört wurde, im Besitz der Grafen von Comburg-Rotenburg, dann ging sie an das Kloster Comberg. Heinrich V., der diese Schenkung nicht bestätigte, gab den Besitz an seinen Neffen Konrad III. als Lehen weiter. Nun waren die Staufer im Besitz der Burg. 1274 durch König Rudolf von Habsburg mit privilegierten Stadtrechten ausgestattet, war Rothenburg bis 1802 eine freie Reichsstadt, kam danach mit ganz Franken zum Königreich Bayern, ein Geschenk Napoleons an den Wittelsbacher für dessen Willfährigkeit. Bis 1972 war die Stadt kreisfrei und kam danach zum Landkreis Ansbach, was den Rothenburgern nicht gefiel. Da wurden sie mit dem eigentlich nichts sagenden aber bedeutend klingenden Titel „Große Kreisstadt“ beschwichtigt – andere sagen erhoben –, der nun auf allen Ortsschildern zu lesen ist.

Grabstein Heinrich Topplers in der Pfarrkirche St. Jakob

Grabstein Heinrich Topplers in der Pfarrkirche St. Jakob

Bedeutend war die Stadt in früheren Jahrhunderten immer. Daher trotzen die Rothenburger in ihrem Mauerring so manches Mal den Mächtigeren, was meist nicht gut ausging. Den Grundstein zu dieser Trotzigkeit legte im ausgehenden Mittelalter der berühmte Bürgermeister Heinrich Toppler, ein mächtiger Mann in der fränkisch-schwäbischen Region des Heiligen römischen Reiches. Er vergrößerte die Stadt durch Landerwerb und verstärkte die Wirtschaftskraft der Stadt durch den Zuzug von Juden. Allerdings ruinierte er auch die Stadtkasse und seine eigene Familie durch kriegerische geführte Machtansprüche, hielt es mit dem abgesetzten Römisch-deutschen König Wenzel und verlor den Krieg gegen benachbarte Fürsten, die Rothenburg sich einverleiben wollten. Daher kerkerten die Rothenburger ihren Bürgermeister ein und ließen ihn 1408 im Gefängnis entweder verdursten oder köpfen. So genau weiß man das heute nicht mehr. 500 Jahre später setzen sie ihm im Burggarten ein Denkmal, das heute Touristen bestaunen. Das für Touristen herausgeputzte legendäre „Toppler-Schlösschen“ unten an der Tauber erinnert an Topplers Belustigung mit König Wenzel, dem Würfelspiel.

Im Bauernkrieg  schlug sich Rothenburg 1525 auf die Seite der Bauern, was ein blutiges Strafgericht auf dem Marktplatz zur Folge hatte. Die Stadt wurde 1544 lutherisch, blieb es bis heute, und hielt im Dreißigjährigen Krieg zur protestantischen Union. Als das kleine Städtchen mit seiner bröckeligen über 200 Jahre alten teils zerfallenen Stadtmauer meinte, damit dem kaiserlich-katholische Feldherrn Tilly die Tore standhalten zu können, ließ dieser mit modernen Kanonen die Stadtmauer zusammenschießen und eroberte die Stadt. Das war 1631. Er verschonte sie aber angeblich vor Plünderung, weil Altbürgermeister Nusch vor den Augen Tillys dreieinviertel Liter Wein auf einem Zug austrinken konnte. Aus dieser Legende entstand das für Touristengenerationen bewegende historische Festspiel „Der Meistertrunk“.

In den Dornröschenschlaf versunken

Nach dem Dreißigjährigen Krieg verfiel Rothenburg in den Dornröschenschlaf eines bayerischen Landstädtchens, das im 19. Jahrhundert Industrie und Eisenbahnanschluss verpasste und erst wieder aufwachte, nachdem die Stadt von romantischen Dichtern, Denkern und Malern für den Tourismus wach geküsst worden war. Seitdem ist Rothenburg vom quirligen Massen-Tourismus geprägt.

Schon in der Weimarer Republik wurde die Stadt eine Hochburg der NSDAP, die schon vor 1933 über 80 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte. Im Dritten Reich entwickelten sich Rothenburg und Franken zu einer „150-prozentigen“ Nazi-Region und Rothenburg wurde Vorzeigestadt der Nationalsozialisten im Reich. Hitler, Himmler, Göring, Streicher und andere – sie alle waren hier. Zudem Scharen von „Kraft durch Freude“-Touristen.

In dieser Zeit wurde das jahrhundertelange Leben und Wirken der jüdischen Mitbürger in der Stadt mit Gewalt und Grausamkeit beendet. Der berühmte jüdische Rechtsgelehrte Meir Ben Baruch (um 1215-1293) hatte in Rothenburg sein Domizil. Die historisch einzigartige „Judengasse“, welche die Stadt verfallen ließ, während sie alles andere schmuck erhalten hat, wurde nach dem Krieg tabuisiert, wie die Drangsale und Vertreibung der Juden auch. Private Initiativen haben die Judengasse und somit die Wahrnehmung der Judenfeindschaft bis 1945 vor der eigenen Haustür aus der Vergessenheit geholt.

geschichte-gastfreundschaft.entnommen Gastronomieführer

Touristen bevölkern nach wie vor die Stadt; Bild entnommen Gästeführer

In den letzten Kriegstagen wurde die Stadt von Amerikanern bombardiert und zu 40 Prozent zerstört. Nach Kriegsende beteiligten sich die Amerikaner mit großzügigen Spenden am Wiederaufbau, was die eingemauerten Spendertafeln am Wehrgang belegen. Der internationale Tourismus ließ durch eine geschickte und immer intensiver werdende Stadtwerbung nicht lange auf sich warten: Amerikaner, Engländer, Franzosen, Japaner, Chinesen. Somit ist das Überleben durch herausgeputzte Überreste eine Jahrhundert alte Geschichte mit ihren kleinen Geschichten – auch wenn sie Legende sind – weiterhin gesichert.

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