
Ein deutsches Mädchen ist überwältigt, als es am 17. Mai 1945 bei Buchenwald die exhumierten Körper von einigen der 800 Sklavenarbeiter sieht. Scham und Schuld werden bald von Verdrängung abgelöst; Foto: National Archives FAQ
Von Dr. Heribert Prantl, SZ-Redakteur
Eintrag im Tagebuch des Schriftstellers und späteren Diplomaten Wilhelm Hausenstein, niedergeschrieben in Tutzing am Starnberger See am 8. Mai 1945:
„Heute Nachmittag im Dankgottesdienst, dem eine recht würdige Aufführung einer Messe von Haydn einigen Glanz gab. Der Cellist Hoelscher wirkte mit, er hatte vom Hakenkreuz auf die Orgelempore hinaufgefunden… Ach, keiner will jetzt ,dabei’ gewesen sein; keiner hat das Parteizeichen im Rockumschlag ernst gemeint; die Charaktere stehn in Blüte. Es ist zum Speien. Im Rathaus drängen sich Geschäftemacher, suspekte Figuren mit nazistischer Vergangenheit in den Vordergrund. Das Leben scheint nicht anders zu sein. Von einer Umkehr merkt man kaum ein Anzeichen.“ Und am nächsten Tag fährt Hausenstein fort: „Sie weinen, wenn man ihnen (fürs Erste) die Wohnungen wegnimmt, um Offiziere und Soldaten einzuquartieren; das heißt: sie weinen über den Verlust der noch immer hergebrachten Bequemlichkeit, aber sie beziehen nichts, rein nichts auf den Gedanken der Züchtigung, deren jeder Deutsche harren muss (jeder, und ich nehme mich wahrhaftig nicht aus). Wollte nun endlich die Kirche das Wort ergreifen! Wollte sie Prediger aussenden, wie Savonarola einer gewesen ist!“ Weiterlesen





