NS-Reiseveranstalter „Kraft durch Freude“ organisierte den Massentourismus und schickte Sonderzüge und Busse aus dem ganzen Reich nach Rothenburg.

Kraft-ZugVon Wolf Stegemann

Rothenburg wird häufig als „Juwel der deutschen Vergangenheit“ bezeichnet. In einer von der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF) herausgegebenen Broschüre steht: „Für uns hat diese Stadt ein einzigartiges Konzept, ein ewiges Zeugnis der glorreichen deutschen Geschichte des Mittelalters, ein leuchtendes Denkmal der deutschen Gemeinde in alten Zeiten.“ Rothenburg war ein Ort, wo Deutsche sich die Mythen der nationalen Gemeinschaft und die vergangene Größe vorstellen konnten. Tourismus und Denkmalpflege waren in diese Bemühungen des Regimes integriert, das diesen Prozess institutionalisierte, manipulierte und ritualisierte. Die NS-Führung erhob Rothenburg zum Vorbild für eine nationalsozialistische Landschaft, Stadt und Nation. In vielerlei Hinsicht zielte das NS-Regime auf eine Neugestaltung der nationalen Gemeinschaft ab, wie sie mit idealisierten Eigenschaften die kleine mittelalterliche Stadt widerspiegelt. Bereits ein etabliertes Symbol, entwickelte Rothenburg mit relativer Leichtigkeit eine visuelle Darstellung der wichtigsten nationalsozialistischen Werte und beispielhaft eine nationale Landschaft mit Vergangenheit auf lokaler Ebene.

Logo der Organisation "Kraft durch Freude"

Logo der Organisation “Kraft durch Freude”

Die neue politische Bedeutung des Tourismus durch „Kraft durch Freude“

Rothenburg war ein prominentes Ziel für Tourismus und bot den Nationalsozialisten einen etablierten und beliebten Mechanismus für ihre NS-Visionen einer nationalen Identität. Im Mittelpunkt dieser Bestrebungen stand die Rolle der NS-Reise- und Urlaubsorganisation „Kraft durch Freude“ mit ihrem politisierten Tourismus. Darstellungen über die „KdF“ konzentrierten sich auf internationalen Aktivitäten, insbesondere Kreuzfahrten übers Meer. Da Rothenburg Symbol einer nationalsozialistischen Urbanität war, stand die Stadt als Ikone der deutschen Identität stets auf dem Reise-Programm der „KdF“-Organisatoren. Gegründet im Jahre 1933, war die nationalsozialistische Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ eine politische Organisation mit der Aufgabe, die Freizeit der deutschen Bevölkerung zu gestalten, zu überwachen und gleichzuschalten. Die Organisation bestand von 1933 bis 1945, wobei die meisten Operationen mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 eingestellt wurden. Nicht aber das Reiseprogramm nach Rothenburg ob der Tauber. Kraft durch Freude war eine Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Mit dem Amt für Reisen, Wandern und Urlaub, das Land- und Seereisen veranstaltete, war die KdF zugleich der größte Reiseveranstalter im Dritten Reich. Im Jahr 1937 zum Beispiel gingen rund 130.000 Deutsche auf Kreuzfahrten, im Vergleich zu 1,37 Millionen Deutschen, die auf inländischen Urlaub von drei bis fünfzehn Tagen gingen und 6,82 Millionen Deutschen, die kürzere Wochenendausflüge unternahmen. Einer der führenden KdF-Funktionäre schrieb: „Die Gründung des KdF-Reisebetriebs ist natürlich der Urlaub in Deutschland, durch den jeder Deutsche […] mit der Schönheit seiner Heimat vertraut gemacht werden soll.“ Rothenburg war ein geeignetes Ziel. Der „Völkische Beobachter“, das offizielle NSDAP-Organ, berichtete:

 „Nur diejenigen, die wirklich in der Lage sind, Rothenburg zu sehen, wissen, wie der deutsche Wald und die deutsche Wiese, deutsche Lebens- und deutsche Kunst untrennbar miteinander verwoben sind …  Wer aus der Metropolregion … von der täglichen Hektik in das friedliche, ruhige Leben in Rothenburgs Mauern (kommt), glaubt, dass das längst vergangene goldene Zeitalter aufersteht, und ,wie in einem Traum, er die Erfüllung aller Sehnsucht nach Ruhe und Glück findet.“

Im Gegensatz zu größeren städtischen Gebieten, verkörpert die Kleinstadt Rothenburg eine Utopie. Hier meinten Deutsche, durch einen traditionellen Lebensstil physisch verjüngt zu werden und die Bindung zwischen der Natur und der Nation spirituell erleben zu können. Rothenburg wurde ein Ort, wo alle sehen und erleben konnten, wie nach den NS-Visionen eine idealisierte Gemeinschaft in einer historischen Landschaft verwurzelt ist.

Übernachtungen erreichten 1937/38 den Höhepunkt

Wie das Bayerische Statistische Landesamt für die Jahre 1932 bis 1942, jeweils von Oktober bis September, darlegte, fanden folgende Übernachtungszahlen in Rothenburg statt: 1932/33: 55.828, 1933/34: 56.459, 1934/35: 64.414, 1935/36: 74.702, 1936/37: 129.177, 1937/38: 141.679, 1938/39: 88.050, 1939/1940: 23.108, 1949/41: 45.347, 1941/41: 47.180 Übernachtungen.

Die ersten organisierten KdF-Gäste kamen im November 1934 von Nürnberg aus zu einem Tagesausflug nach Rothenburg. Regelmäßige längere Ferien fanden erst ab1935 statt. Die Bedeutung Rothenburgs für das Regime erklärte der Chef der regionalen KdF: „Zum ersten Mal haben wir die Möglichkeit, den wahren Sozialismus in Aktion und den wahren Geist der Kameradschaft zu zeigen.“

Der historische Schäfertanz auf dem Marktplatz

Der historische Schäfertanz auf dem Marktplatz

Sie kamen in Massen

Bis Ende 1935 war die Infrastruktur für KdF-Reisegruppen verbessert worden: Tourismus-Büro, bessere Zugverbindungen nach Rothenburg, Vorführung des historischen Spiels „Der Meistertrunk“ und des Schäfertanzes. Im Mai kam eine 550 Reisende starke KdF-Gruppe aus Hamburg, um in Rothenburg („wahrer Bote des Nationalsozialismus“) acht Tage lang zu bleiben. An einem Morgen kamen gleich zwei Sonderzüge aus München und Regensburg mit 850 und 1.000 Urlaubern an. Am Abend dieses Tages trafen aus Köln 350 Urlauber zu einem dreitägigen Aufenthalt in Rothenburg ein. Diese KdF-Gruppen ergänzten den regulären Touristen-Verkehr. Der Fränkische Anzeiger sprach von einer „touristischen Invasion“. Bis Ende 1935 hatten KdF-Reisen für über 10.000 Wochenend- und Tagesgäste nach Rothenburg gebracht. Zusätzliche KdF-Touristen aus Baden, Hannover, Braunschweig, Köln, Aachen, Hamburg, Koblenz, Trier und dem Saarland erhöhten die Übernachtungen auf 15.326. Das Auftreten dieser KdF-Touristen in Rothenburg fiel mit dem Wachstum im Tourismus in ganz Deutschland zusammen. Allerdings kamen die meisten Touristen dennoch nicht mit der NS-Reise-Organisation „Kraft durch Freude“ nach Rothenburg. 1935 waren von 64.800 Übernachtungen lediglich 15.326 KdF-Übernachtungen, 1936 von 74.600 nur 7.080, 1937 von 140.000 nur 27.000 und 1938 von 134.300 Übernachtungen nur 26.341 KdF-Übernachtungen. – Der Rückgang im Jahr 1936 ist wahrscheinlich auf die Olympischen Spiele in Berlin zurückzuführen (Quellen der Zahlen: Fränkischer Anzeiger vom 19. Jan., 14. Febr., 7. März, 12. März, 10. und 13. Mai, 29. Nov. und 28. Dez. 1935; 1. April 1939).

Stets nationalsozialistischer Propaganda ausgesetzt

In den genannten Statistiken sind nur Übernachtungen mit drei oder mehr Nächten gezählt. Tausende kurzfristige Besucher sind nicht mitgerechnet. Zu Beispiel kamen 1936 zu den 1.040 KdF-Touristen in acht Sonderzügen und siebenundsiebzig Bussen noch Reisende für ein Wochenende oder einen Tagesausflüge nach Rothenburg.

Obwohl die Bedeutung der NS-Organisation „KdF“ allgemein übertrieben wurde, so stellte die sichtbare Propaganda der KdF-Reisen in der Tourismus-Branche einen erheblichen Anreiz dar. KdF-Gruppen reichten von 300 bis 1.000 Personen. Die Ankunft solcher großen Gruppen wurde schnell zu einem spektakulären Schauspiel. KdF-Reisende waren in Rothenburg der nationalsozialistischen Betreuung und Propaganda ausgesetzt. Dabei wurde in Begrüßungsreden und bei den Stadtführungen stets die Vorreiterrolle Rothenburgs in nationalsozialistischer Ideologie, was Partei, „Blut und Rasse“ sowie den Kampf gegen das Judentum betrafen, herausgestellt. An dem vom ehemaligen Rothenburger Bürgermeister und in der NS-Zeit amtierenden bayerischen Ministerpräsidenten Siebert gestiftetes NSDAP-Denkmal im Burggarten wurden Feierstunden eingelegt.

Blick vom Rathausturm Richtung Stadtmauer-Partie zwischen Röderturm und Galgenturm

Blick vom Rathausturm Richtung Stadtmauer-Partie zwischen Röderturm und Galgenturm

Der Einfluss der politischen Ziele auf den KdF-Tourismus war klar. Es war aber auch von Bedeutung, in welchen KdF-Gruppen man nach Rothenburg reiste. Obwohl Gruppen aus ganz Deutschland kamen, begünstigte die Organisation bestimmte Gruppen zu bestimmten Zeiten. Tatsächlich benachteiligte Gruppen gingen mit außenpolitischen Zielen einher. Im Jahre 1935 und 1936 erzielte das NS-Regime seinen ersten großen außenpolitischen Sieg. Durch die Volksabstimmung kam im Januar 1935 das Saarland „Heim ins Reich“ und Hitler militarisierte das Rheinland im März 1936. Vermutlich nicht zufällig kam die erste KdF-Gruppe für einen längeren Aufenthalt in Rothenburg Anfang April 1935 aus dem Rheinland. Etwa zwei Wochen später kam eine weitere Gruppe aus dem Saarland und Rheinland. Dieses Muster wiederholte sich in den kommenden Jahren. Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 kamen zwei Wochen später 1.000 Österreicher zum KdF-Urlaub nach Rothenburg. Dafür wurden die Straßen eigens mit Hakenkreuz-Fahnen geschmückt. Ganz Rothenburg müsse ein einziges Meer von Fahnen sein, ermahnte der Fränkische Anzeiger im März 1938, um den österreichischen Brüdern und Schwestern zu zeigen, dass der Begriff der nationalen Volksgemeinschaft kein leerer Wahn sei, sondern helle, leuchtende Realität. Rothenburg hat auf die Österreicher einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Kurz danach annektierte Deutschland 1938 das tschechische Sudetenland. 800 Sudetendeutsche kamen mit einer KdF-Reise nach Rothenburg. Wieder standen Paraden und Reden auf dem Programm.

KdF-Anstecknadel Gau Franken 1937

KdF-Anstecknadel Gau Franken 1937

Prominente Besucher: Hitler, Himmler, Frick, Göring und andere

Auch andere NS-Organisationen machten Rothenburg für ihre Mitglieder zum Reiseziel. 1934 kamen 6.000 Auslandsdeutsche zu einem Tagesausflug. Als einer der elf fränkischen  Hitlerjugend-Zeltlagerplätze kamen 1935 Tausende von Jungen sowie 1.400 volksdeutsche Jungen aus dem Ausland. Über 150 Volksdeutsche kamen aus Rumänien. In den folgenden Jahren besuchten Tausende von Kriegsveteranen der Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung (NSKOV) gruppenweise aus Danzig und Ostpreußen, dem Sudetenland und Rheinland die Stadt. Ende 1937 sprach der NS-Gauleiter von Danzig, Albert Forster, in Rothenburg. Andere Gruppen und unzähligen Einzelpersonen nutzten Rothenburgs Nähe zu Nürnberg während der Reichsparteitage zu einem Ausflug nach Rothenburg. Neben prominenten NS-Funktionären wie Heinrich Himmler, Hermann Göring, Julius Streicher, Rudolf Hess, Wilhelm Frick, Robert Ley, Konstantin Hierl, und Franz Xaver Schwarz überschwemmten Tausende Mitglieder der Hitlerjugend, SA, SS, und Soldaten Rothenburgs Straßen vor, während und nach den Kundgebungen auf dem Nürnberger Reichsparteitag.

Briten führten den Strom ausländischer Touristen an

Neben Deutschen und Volksdeutschen besuchten auch ausländische Touristen Rothenburg.  Im Sommer 1934 brachte die britische „Koch Travel Company“ etwa 2.000 britische Touristen durch Rothenburg. Hundert Mitglieder des „Royal Dutch Automobile Clubs“ besuchte die Stadt im Sommer 1935. Die Olympischen Spiele in Berlin brachten Rekordzahlen der ausländischen Besucher. Rothenburg verzeichnete etwa 89.000 Übernachtungen im Jahr 1936, die sich 1937 auf 150.000 erhöhten. Briten führten den Touristenstrom der Ausländer an, gefolgt von Amerikanern, Niederländern, Dänen und Australiern. Der Fränkische Anzeiger schrieb am 22. Juli bzw. 19. August 1936, dass Ausländer hier besser als an jedem anderen Ort  erfahren können, was „deutsche Geschichte, deutsches Wesen, deutsche Kultur“ darstelle.

Amerikanische Touristengruppe 1934 in Rothenburg

Betreute US-amerikanische Touristengruppe 1934 in Rothenburg ob der Tauber

NS-Funktionäre hofften, internationale Gäste würden ein positives Image des Regimes projizieren. Vertreter der ausländischen Presse und des diplomatischen Korps besuchten Rothenburg in den Jahren 1934, 1936 und 1938. Albert Luchini, Direktor des faschistischen Kulturinstituts in Florenz, genoss Rothenburg so sehr, dass er der Stadt in seinem nächsten Roman ein Denkmal setzte. Im Jahr 1938 trafen sich mehrere italienische und deutsche Diplomaten in Rothenburg, um die Bindungen zwischen ihren beiden autoritären Staaten zu stärken. Eine Gruppe von jungen Führungskräften aus Japan, das dritte Mitglied der Achsenmächte, verbrachte 1941 einen Tag mit der Besichtigung der Stadt, über die der bayerische Ministerpräsident Ludwig Siebert sagte: „Rothenburg ob der Tauber ist eines der Fenster, durch die man Deutschland sieht!“

Ideal einer nationalsozialistischen Gemeinschaft

Rothenburg erreicht einen besonderen Status innerhalb der allgemeinen Ziele des NS-Regimes, wozu die Stadt dazu beitrug. Rothenburg erkannte diese Chance und versuchte, die lokalen und touristischen Erfahrungen neu zu gestalten. Lokale NS-Führer arbeiteten daran,  um die Stadt zu einer idealisierten nationalsozialistischen Gemeinschaft umzuformen. Man förderte die kommerzielle touristische Kultur durch Blumenbeete, grünen Rasen und saubere Straßen und reinigte gleichzeitig die Stadt von ihren physischen und schließlich rassischen „Verunreinigungen“. Mit schätzungsweise 800.000 Tagesgästen jährlich konnte Rothenburg nationalsozialistische Vorstellungen von Denkmalpflege, Ästhetik und Konsumkultur breit darstellen.

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Quelle: Frei nach Joshua Hagen „Preservation, Tourism ans Nationalism“, Aldershot 2006.

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