NS-Alltag: Erheblicher Anstieg der Lebenshaltungskosten im Deutschen Reich 1933-1937

Berlin, 14. Mai 1940. – Zum ersten Mal nach einer längeren Zeit hat das Institut für Marktanalysen Einzelhandelspreise und Lebenshal­tungskosten in Deutschland analysiert. Wäh­rend man vor einigen Wochen noch be­hauptete, der Preisanstieg betrage in den vergangenen vier Jahren nationalsozialisti­scher Wirtschaftslenkung lediglich 3,4 %, gibt das Institut nun einen realen Preisan­stieg von 7,2 % zu. Die Zahlen basieren auf dem Verbrauch einer durchschnittlichen Ar­beiterfamilie, aber sie können nur bedingte Gültigkeit für die Gesamtbevölkerung ha­ben, da unzählige Vorzugsmaßnahmen und Sonderrationen für bestimmte Gruppen mit niedrigen Einkommen geschaffen wurden.

Lebensmittelpreise stiegen seit 1933 um 11,5 %. Verglichen mit Vorkriegspreisen stiegen die Kosten um 22,3 %, aber vergli­chen mit dem Preisniveau von 1929 kann man einen Rückgang von 23,4% verzeich­nen. Bei Kleidern beträgt der Preisanstieg 17,5 % seit 1933 und seit 1914 sogar 24,5 %. Jedoch sind diese Preise seit 1929 um 28 % gesun­ken.

Mieten haben sich seit 1933 kaum verändert. Im Vergleich zu 1929 sind Mieten durchschnittlich 3,7 % niedriger, aber im Vergleich zum Vorkrieg 21,3 % höher. Unter allen Faktoren, die in den Lebenshal­tungskostenindex eingehen, sind Heizung und Kleidung die einzigen, deren Kosten ge­sunken sind – 1,1 % seit 1933. Sie sind um 11,3 % billiger als 1928, aber 26,6 % teurer als 1914.

„Verschiedenes“ ist 41,9 % teurer als 1914 und 0,2 % als vor vier Jahren. Im Vergleich mit 1929 liegt dieser Posten aber 17,6 % nied­riger. Der allgemeine Preisanstieg wird noch offen­sichtlicher, wenn man die heutigen Einzelhandelspreise mit denen von 1933 vergleicht. Butter wurde um 35 % teurer, Margarine um 44 %, Eier 31 %, Kartoffeln 22 %, Fleisch ge­nerell 18 %, Schweinefleisch 11 %, aber Kalb- und Hammelfleisch stiegen um 40 bzw. 41 %. Milchprodukte liegen generell um 15 % höher, Erbsen sogar 52 % und Bohnen 31 %. Haferflocken stiegen um 5  %, Reis 7 % und Zucker um 2 %. Gemüse ist 2 % teurer, Vollmilch 7 %. Brot dagegen ist 2 % billiger und andere Bäckereierzeugnisse 1 %. Rog­genbrot und Mischbrot sind 2 % billiger, Spe­zialbrot 1 %, Mühlenprodukte generell 2 % billiger.

Unter der Kategorie Heizung und Licht sind Kohle, Gas und Elektrizität billiger gewor­den – jeweils 1 %. Aber die Preise für Win­termäntel, Hemden und Schuhe stiegen jeweils um 24, 17 und 8 %. Für Hygiene und Körperpflege reduzierten sich die Kosten um 2 % und für Verkehrsmit­tel um 3 %. Die Kosten für Möbel dagegen stiegen um 6 %, Unterhaltung 1 %, Zeitun­gen 2 % und Kulturelles 1 %. Im Ganzen sind also die Lebenshaltungsko­sten erheblich gestiegen.

Preisrückgänge ste­hen in keinem Verhältnis zum Preisanstieg. Die Preise berücksichtigen auch nicht den gleichzeitigen Rückgang der Qualität der Wa­ren und Güter. Um nur ein Beispiel zu nen­nen: Die Qualität des Brotes ist durch das vollständige Ausmahlen des Roggens ent­schieden gesunken sowie durch die Beimi­schung von 7 % Maismehl zum Weizenmehl. Die fortschreitende Verminderung der Qua­lität schlägt sich natürlich nicht leicht in den Indexzahlen nieder. Aber man kann wohl sa­gen, daß sie jede bescheidene Preissenkung wettmacht, abgesehen von der Tatsache, daß es den Verbraucher zwingt, zu teureren Pro­dukten zu greifen. So ist der Preisanstieg beim Fleisch in Wirklichkeit höher, als es auf der Tabelle erscheint. Da sehr häufig die preiswerteren Fleischstücke nicht auf dem Markt waren, gab es einen gezwungenen Wechsel zu höherwertigen Fleischsorten und, als Folge, einen Anstieg der realen Lebenshaltungskosten. Dasselbe kann man von Milchprodukten sa­gen und sicher auch von Textilien, bei denen häufig Mischgewebe aus Kunstseide und Wollfasern angeboten wurden. So ist es schwer zu verstehen, wenn das Institut für Marktanalysen diese Faktoren als zufällig präsentiert und nicht ausschlaggebend für die wirklichen Lebenshaltungskosten.

Aus: „Luxemburger Wort“ vom 23. Februar 1940

 

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