Mit dem in Rothenburg herausgegebenen „Israel-Forum“ trug Bernhard Doerdelmann schon früh zu Veränderungen und zur Versöhnung bei – und setzte sich Angriffen aus

Israel-forum-hefteVon Wolf Stegemann

„Eine Zeitschrift schlägt Brücken nach Israel“ titelte der „Fränkische Anzeiger“ am 9. September 1972 über den am 18. Januar 1930 in Recklinghausen geborenen Lyriker, Schriftsteller, Cheflektor und Journalisten Bernhard Doerdelmann, der zusammen mit seiner Frau Erika Kolbe 1961 von der Schweiz nach Rothenburg ob der Tauber übersiedelte, weil er hier das Angebot bekam, auch für eine deutsch-jüdische Zeitschrift zu arbeiten. Im Verlag J. P. Peter, Gebr. Holstein betreute er als Cheflektor aber auch die weiteren Verlagsprodukte, speziell die Belletristik und moderne Mundartdichtung aller deutschen Dialekte. Und er war zunächst auch verantwortlicher Redakteur der monatlich erschienenen Zeitschrift „Israel-Forum“. 1958 gegründet, war sie damals die einzige deutsch-israelische Publikation. Später wurde das „Israel-Forum“ mit der Zeitschrift „Emuna“ zusammengelegt und Doerdelmann fungierte dann als Verlagsleiter. Im Untertitel stand dann „Vereinigte Zeitschriften über Israel und Judentum“. Neben Doerdelmanns vielfältigen literarischen Interessen und verlegerischen Tätigkeiten, bei denen er immer auch das Judentum und Israel im Blickfeld hatte, trug er vor allem zur frühen Versöhnung zwischen Israel und Deutschland, zwischen Juden in Israel und Nichtjuden in Deutschland bei. Der berühmte Schriftsteller Max Tau, jüdischer Pate der nicht getauften Doerdelmann-Tochter Katjana, schrieb 1969:

Berhanrd Doerdelmann, Zeichnung von ..... 19

Berhanrd Doerdelmann, Zeichnung von Cornelius Sternmann 1973

„Bernhard Doerdelmann hat mich von der ersten Begegnung an überzeugt, dass er der Repräsentant einer Jugend ist, die zwar die dunkle Zeit nicht vollends miterlebt hat, aber dennoch ihre Leiden austragen will. Er hat das Feuer des Rebellen, der die Zustände verändern will. Er kämpft gegen das Unrecht und wagt es, auch in der unpassendsten Stunde die Wahrheit zu sagen. Er setzt sich nicht nur mit der Vergangenheit auseinander, sondern fühlt sich auch verantwortlich für das Zukünftige… Immer ist er der Tageszeit etwas voraus, und weil er die Kraft hat allein zu stehen, zu verändern und zu versöhnen, redigierte er unter anderem das Israel-Forum. Durch seine unbestechliche Analyse von Menschen und Zuständen setzte er sich Angriffen aus, die nur beweisen, mit welcher inneren Sicherheit er sich seinen Weg bahnt.“

In seiner Lyrik das Verborgene hervorgeholt

Nicht nur Max Tau, auch die Nobelpreisträgerin Nelly Sachs war von Bernhard Doerdelmann selbst, der auch unter dem Pseudonym Cornelius Streiter schrieb und arbeitete,  auch von seiner Arbeit sehr angetan, wenn sie ihm über seine Gedichte schrieb:

Doerdelmanns Haus an der Koboldzeller Steige (2. v. u.) um 1960

Doerdelmanns Haus an der Koboldzeller Steige (2. v. u.) um 1960

Bedrohungen: Die Polizei stand auch schützend vor dem Haus

Ruhe und Harmonie fand Doerdelmann in Rothenburg kaum. Er wurde auch angefeindet und seine Familie bekam offene und versteckte Drohungen von Neonazis. „Dies war latent“, sagt Katjana Doerdelmann, die beispielsweise bei  akuten Bedrohungen, nach dem Münchener Olympiade-Attentat 1972 zur Großmutter nach Dortmund geschickt wurde. Sie erinnert sich auch, dass die Polizei die Post Bernhard Doerdelmanns auf Sprengstoff untersuchte und auch die Präsentationsstände des Holstein-Verlags auf den Buchmessen. Bernhard Doerdelmann stand wegen seiner Hinwendung zu Israel auf einer so genannten „Abschussliste“ der Neonazis. Unter Druck geriet die Familie auch, als 1980 in Erlangen der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Nürnberg, Rabbiner Shlomo Lewin, mit seiner Lebensgefährtin von Neonazis – vermutlich der „Wehrsportgruppe Hofmann“ – an der Haustür erschossen wurde, nachdem sie geklingelt hatten. „Anschließend überwachte die Polizei verstärkt unser Haus an der Koboldzeller Steige.“ Die letzte Drohung kam 2005 mit der Post. Da war Bernhard Doerdelmann schon lange gestorben und seine Frau in der Schweiz. Nun ängstigte sich die Tochter, die mit ihren beiden Söhnen wieder in Rothenburg wohnt. „Seither ist aber nichts mehr passiert“, sagt sie.

Auch die Arabische Liga bezog das „Israel-Forum“

Die in Rothenburg herausgegebene und in einer Auflage von 4.000 Exemplaren gedruckte Zeitschrift „Israel-Forum“, dessen Herausgeber und Chefredakteur Hans Landsberger in Haifa/Israel wohnte, hatte Leser in vielen Ländern der Welt, in Belgien genauso wie in Bolivien, in Schweden wie in der Schweiz, in den USA wie in Ungarn, vor allem aber in Deutschland und Israel. Dieter Balb schrieb 1972 im „Fränkischen Anzeiger“: Das Israel-Forum „tritt für ein hohes menschliches Ideal ein, für das Verstehen der Völker untereinander“. Wichtig ist aber auch das Aufeinanderzugehen, das Verstehen und Verständnis in Deutschland für Israel, damals noch Zufluchtsstätte der Holocaust-Überlebenden. Dafür warb Doerdelmann unentwegt, dessen Frau Erika Doerdelmann-Kolbe sich für das „Israel-Forum“ ebenfalls stark engagierte. So bezog allein das Schulamt Köln monatlich 300 und die Stadt Essen 50 Exemplare des „Israel-Forums“. Zu den Abonnenten gehörten auch die Botschaft des damaligen Königreichs Libyen und das Bonner Büro der Arabischen Liga, die allerdings nicht offiziell als Bezieherin auftrat, sondern über den Namen einer Sekretärin.

Den deutschen Lesern das Leben in Israel näher gebracht

Die Themenpalette der rund 40 Seiten umfassenden Hefte war breit gefächert. Sie informierten in Bild und Text über den Alltag in Israel, über Politik und Literatur, Kunst und Religion, über das Bauen und Planen in der Wüste, über das dortige Miteinander und Gegeneinander, über die Jugend und ihre Schulen, den Sport und das Militär, Kolchosen und Kibbuze, über Städte und Oasen, über die dortigen „Jeckes“ (deutsche Juden), die bereits früh in Palästina einwanderten oder die, die es geschafft hatten, die Konzentrationslager zu überleben. So mancher Artikel über den wieder öffentlich aufkeimenden Antisemitismus in der Bundesrepublik der 1960er-Jahre führte zu Anfragen im Deutschen Bundestag.

Eine Vielzahl bekannter Autoren und Autorinnen

Landsberger in Haifa und Doerdelmann in Rothenburg schafften es, gute und kompetente Mitarbeiter zu gewinnen, darunter Schalom Ben Chorin und Erwin Jaeckle, Erich Bloch und Erna Stein, Luise Rinser und Frieda Hebel, Heiner Lichtenstein und Albert Neven DuMont, Hans Elsberg und Astrid Grahmann sowie viele andere, mitunter auch arabische Autoren.

Doerdelmann-EmunaEin unstetes aber zielbewusstes Arbeitsleben

Bernhard Doerdelmann durfte in Recklinghausen keine höhere Schule besuchen, da seine Mutter bei den Nazis als regimefeindlich und judenfreundlich galt. Von 1946 bis 1950 studierte er privat Musik und Musikgeschichte und schrieb, gerade erst 17 Jahre alt, für deutsche und schweizerische Zeitungen und Zeitschriften Musik- und Theaterkritiken. Von 1952 bis 1954 arbeitete Doerdelmann als Kulturredakteur bei der „Westfälischen Rundschau“ in Recklinghausen und veröffentlichte 1955 sein erstes Buch, dem ein halbes Hundert folgen sollte. 1956 begann er als freier Mitarbeiter bei der ARD, dem RIAS, dem ORF und anderen Sendern. Von 1959 bis 1961 arbeitete er als Redakteur und Lektor einer Jugendzeitschrift in der Schweiz, ging dann – wie oben dargestellt – zum Gebr. Holstein-Verlag nach Rothenburg ob der Tauber, wo er auch jüdische Autoren verlegte wie Max Brod oder Mosheh Ya’aqov Ven-gavriel. Der Spiegel berichtete regelmäßig über neue Veröffentlichungen im Holstein-Verlag, beispielsweise über Max Brods neuesten Band in der Ausgabe 40/1962:

„Der ,feine Herr mit den schmalen, viel- und dünngefurchten Wangen’ – die Story-Figur ähnelt dem 78-jährigen Autor – sinnt plaudernd ,vergleichsweise behaglichen Zeiten’ nach. Als kaum Zwölfjährigen, den ,daheim in Prag’ eine ,kieselharte Klaviertante’ an den Tasten drillte, zog ihn, am Pianino eines Nordsee-Badehotels, eine backfischige ,Klavier-Schwester’ zu ,ferialen Übungen’ im Musizieren und in frühweiblichen Launen heran. Auch in den übrigen Erzählungen des Bandes hält es Romancier und Kafka-Herausgeber Brod mit der Beschaulichkeit, und selbst der Verlagsort ist dem altväterischen Charakter der uneinheitlichen Sammlung angepaßt. (Verlag J. P. Peter, Gebr. Holstein, Rothenburg ob der Tauber; 176 Seiten; 8,80 Mark).“

Theater- und LIteraturkritiker Bernhard Doerdelmann (re.) - die weietern Personen, Ort und Datum sind nicht bekannt; Foto: privat

Theater-, Musik- und Literaturkritiker Bernhard Doerdelmann (re). – Die weieteren Personen, Ort und Datum sind nicht bekannt; Foto: privat

Einer der „profiliertesten Lyriker der Gegenwart“

1980 wurde die gesamte Buchproduktion des Holstein-Verlags in Rothenburg eingestellt. Bernhard Doerdelmann, nun  arbeitslos,  fand wegen seiner gesundheitlichen Beeinträchtigung, die seine Mobilität einschränkte, keine Anstellung mehr.  In Fachkreisen galt er als einer der „profiliertesten Lyriker der Gegenwart“, war Mitglied des PEN-Zentrums, der Europäischen Autorenvereinigung DIE KOGGE, deren Studienpreis er 1975 erhielt. Seine Gedichte wurden in 36 Sprachen übersetzt. Die Hauptveröffentlichungen sind die umstrittene, surrealistische Erzählung „…und aus allem wird Seife gemacht“, sein Gedichtband „Es segelt der Mond durch die rötlichen Wolken“, „Tau im Drahtgeflecht“ (Lyrik der Versöhnung nichtjüdischer Autoren unter dem Pseudonym Cornelius Streiter).

Niveauvolle Artikel im „Fränkischen Anzeiger“

Bernhard Doerdelmann gehörte in Rothenburg auch der erweiterten Feuilleton-Redaktion des „Fränkischen Anzeigers“ an. Seine niveauvollen Artikel sind sicherlich noch vielen Lesern in guter Erinnerung. Im Killy-Literaturlexikon steht über ihn:

„Er griff als Lyriker mit sozialkritischer Intention  zunächst epigonal auf Motive, Metaphern und Verstechniken aus dem Kontext der expressionistischen „Menschheitsdämmerung” zurück [...]. Später trat pointierte, in Verse gesetzte Polit-Rhetorik unvermittelt neben Gedichte, in denen sich ein lyrisches Ich in der Einsamkeit vor dem Tod zu verlieren droht…“

Bernhard Doerdelmann starb bei einem Zimmerbrand in seinem Haus an der Koboldzellr Steige 1988 im Alter von 58 Jahren.

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Dem Verfasser sei eine persönliche Erinnerung als Nachbemerkung gestattet: „Wie die Begegnung mit Doerdelmann für den eingangs zitierten Max Tau überzeugend war, so spürte ich bei meiner ersten Begegnung mit Bernhard Doerdelmann, dass ich einem außergewöhnlichen Mann und Lyriker gegenüberstand. Heute weiß ich nicht mehr, wie es zu dieser Begegnung kam. Egal. Danach, in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre trafen wir uns öfter in Rothenburg. Bei ihm im engen Haus an der Koboldzeller Steige und zu Literaturgesprächen in der Weinstube Speerer in der Herrngasse, an denen noch der Rothenburger Mundartdichter Wilhelm Staudacher und Dieter Balb vom Fränkischen Anzeiger teilnahmen. Meine Frau und ich luden Erika Doerdelmann-Kolbe zu uns nach Gelsenkirchen ein, um für ein Buch ihre Eindrücke beim Spaziergang durch diese damals noch pulsierende Ruhrgebietsstadt zu schreiben. Sie tat es gerne. – Jahrzehnte vergingen. Zufällig stieß ich Ende 2013 im Internet auf den Namen Katjana Doerdelmann. Sie wohnt wieder in ihrem Rothenburger Elternhaus. Ich erinnere mich an sie, als sie noch ein 13-jähriges Mädchen war. Auch sie erinnerte sich an mich, als ich sie anrief. Damit schloss sich nach 35 Jahren für mich ein Kreis, der mit der unvergesslichen Begegnung mit Bernhard Doerdelmann begann.“

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Selbstständige Veröffentlichungen: „Perspektiven. Gedichte“, o. O. 1955 – „… und aus allem wird Seife gemacht“, Erzählung, Egnach/Schweiz, Clou 1960. – „Es segelt der Mond durch die rötlichen Wolken“, Gedichte in japanischen Formen, ebd. 1960; Rothenburg, Peter Verlag Gebr. Holstein 1968. – „Ladung zum Verhör. Bühnenparabel in einem Akt“, Mindelheim, Bühnenvertreib Langer 1963. – „Viadukte der Hoffnung“, Gedichte, Dülmen, Kreis der Freunde Peter Coryllis 1963. –  „… gültig bis auf Widerruf. Zeit- und andere Gedichte“, München, Delp 1968. – „Quergelesen“, Gedichte, Rothenburg Selbstverlag 1968. – „Widerworte“, Karlsruhe, John 1968 (Illustr.). – „Gestern. Ein lyrisch-parodistisches Stück in zwei weiblichen Akten“, Rothenburg, 1969. – „Einladung. Anthologie eines Gedichts“, ebd. 1970. – „Druckfehlerberichtigung und andere Korrekturen“, München Delp 1972. – „Winkelried“, Rothenburg Vaganten-Edition 1973. – „Kurz vor meinem ersten Tod“, Gedichte, München Delp 1981. Herausgabe: „Hiroshima-Lyrik. Dona nobis pacem. Eine „Missa profanis contra bellum“, Übersetzung aus dem Japanischen von T. Eigen-Hofmann, Fürstenfeldbruck/Bayern Steinklopfer [1958; Cornelius Streiter]. – „Tau im Drahtgeflecht“, Philosemitische Lyrik nichtjüdischer Autoren, Rothenburg  Gebr. Holstein 1961 [Cornelius Streiter]. – „Freundesgabe für Max Tau: Gratulationen zu seinem 70. Geburtstag“, Rothenburg: J. P. Peter Gebr. Holstein 1967. – „Die Polizei und die Deutschen“, München: Delp 1968. – „Minderheiten in der Bundesrepublik“. ebd. 1969. – Mundartliterarische Reihe. Rothenburg  Gebr. Holstein. – Quellen: Gespräche Katjana Doerdelmann mit Wolf Stegemann (2013, 2014). – Dieter Balb „Eine Zeitschrift schlägt Brücken nach Israel“ im Fränkischen Anzeiger vom 9./10. September 1972. –Literaturkalender „Spektrum des Geistes“ (1969 und 1979), Hartfried Voss Verlag München. – Brief  Prof. Dr. Joachim Göschel (Forschungsinstitut für deutsche Sprache, Sprachatlas, Marburg 6. Januar 1981).
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