„Kristallnacht“ 1938: 91 Menschen erschlagen, 171 Synagogen abgebrannt, 7.500 Geschäfte zerstört und 26.000 Juden im KZ – Mit Kommentar von Prof. Hans Mommsen

Auf den traditionellen „Kameradschaftsabend“ der Alten Kämpfer im Münchener Bürgerbräu erfuhren Hitler und Goebbels am 9. November 1938, dass der von Herschel Grynszpan angeschossene Legationssekretär von Rath in Paris seinen Verletzungen erlegen war. Goebbels hielt daraufhin eine antisemitische Hetzrede, worauf die versammelten Gauleiter und Parteiführer ihre Dienststellen, SA, SS und Hitlerjugend anwiesen, gegen die Juden vorzugehen. In der Nacht zum 11. November wurden daher in ganz Deutschland jüdische Einrichtungen demoliert, Synagogen angezündet und jüdische Bürger misshandelt oder gar erschlagen. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Rothenburg keine Juden mehr und die Synagoge in der Herrngasse war bereits demoliert. Die Rothenburger verrichtete dies bereist Wochen vorher.

Synagoge brennt, Tuschezeichnung von Tisa von der Schulenburg

Synagoge brennt, Tuschezeichnung von Tisa von der Schulenburg

Insgesamt fielen der „spontanen Volkswut“, wie die Propaganda die gelenkte Aktion nannte, 7.500 Geschäfte und 171 jüdische Gotteshäuser zum Opfer, 91 Menschen wurden ermordet, 26.000 in Konzentrationslager eingewiesen. Wegen des Scherbenmeers in den Städten bürgerte sich die Bezeichnung „Kristallnacht“ für die Ausschreitungen ein; der Volksmund ergänzte den Begriff im Stil der Großsprecherei der Propaganda zur „Reichskristallnacht“.

Dem Straßenterror folgte eine Welle von administrativen Maßnahmen zur weiteren Entrechtung der deutschen Juden: Zunächst einmal wurde verfügt, dass die fälligen Versicherungsentschädigungen an das Reich abzuführen seien, außerdem wurde den Juden als „Buße“ eine „Kontribution“ von 1 Milliarde Reichsmark auferlegt. Am 12. November folgte ein Verbot für Juden, Theater zu besuchen, am 15. November wurde die Entfernung jüdischer Kinder aus öffentlichen Schulen angeordnet, am 29. November schuf ein „Judenbann“ die Möglichkeit, die Juden Aufenthaltsbeschränkungen zu unterwerfen, im Februar 1939 entstand in Berlin die „Reichszentrale für die jüdische Auswanderung“. Die Kristallnacht führte zudem zu einer drastischen Beschleunigung der Arisierung jüdischer Betriebe.

Friedemann Bedürftig „Drittes Reich. Das Lexikon“, 2002

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Kurzkommentar: Testfall für die physische Ausschaltung

Die „Reichskristallnacht“ war für die Nazis der Testfall, wie weit sie bei der Bevölkerung gehen konnte, die Juden nach der gesellschaftlich-sozialen Absonderung auch physisch auszuschalten.

Während die „Reichskristallnacht“ weithin auf öffentliche Ablehnung gestoßen war, und zwar nicht wegen der antisemitischen Stoßrichtung, sondern wegen der Durchbrechung der öffentlichen Ordnung, vollzogen sich die anschließenden Schritte der Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben und ihre vollständige soziale Absonderung, ohne dass nennenswerter Widerstand oder Proteste geltend gemacht wurde. Die NS-Satrapen, denen Himmler die grauenvolle Wahrheit enthüllte, waren wenig geneigt, davon mehr als das Nötigste weiterzugeben.

Der Gesamtzusammenhang der Ermordung von mehr als viereinhalb Millionen europäischer Juden blieb daher den Zeitgenossen verborgen. Einzelheiten des Geheimnisses waren hingegen in ihren vielfältigen Facetten vermutlich der Mehrheit der erwachsenen Deutschen in dieser oder jener Form vertraut. Die Größe des Verbrechens und dessen moralische Dimension machten es unbegreiflich. Das gilt auch für die ausländische öffentliche Meinung und die alliierten Regierungen, die zögerten, die ihnen zukommenden Informationen vollständig zu rezipieren. Dabei gehörte nicht viel dazu, das Schicksal der deportierten Juden zu ermessen.

Diejenigen, die sich einmal dazu durchgerungen hatten, den fundamentalen Unrechtscharakter des NS-Herrschaftsregimes innerlich zu akzeptieren, erfuhren genug, um sich in dieser Beziehung zu vergewissern. Aber das war eine kleine Minderheit. Die große Mehrheit fügte sich in die vom Regime feilgebotene kollektive Verantwortung.

Prof. Dr .Hans Mommsen

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Zur Zeichnung: Tisa Gräfin von der Schulenburg (1903-2001) lebte als Nonne (Sr. Paula) und Künstlerin seit 1952 im Dorstener Ursulinenkloster. Sie war die Schwester von Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, der zu den Hitler-Attentätern vom 20. Juli 1944 gehörte und hingerichtet wurde.

 

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