Katholische Gemeinde St. Johannis: Pfarrer Wolfgang Müller war den üblichen Drangsalen der NS-Behörden ausgesetzt … Im Gottesdienst verlas er den gefälschten Möldersbrief

Pfarrer Wolfgang Müller

Pfarrer Wolfgang Müller

W. St. – Der katholischen Diaspora-Gemeinde St. Johannis stand drei Jahrzehnte lang Pfarrer Wolfgang Müller vor. Die Hälfte davon in der turbulenten Zeit am Ende der Weimarer Republik und dann in den schwierigen Jahren des Nationalsozialismus. Nach 1945 musste er sich um die seelischen Verwundungen seiner Gemeindeglieder und den Wiederaufbau kümmern. Wolfgang Müller, der 1927 aus Bayreuth kommend seinen Dienst als Pfarrer in Rothenburg antrat und ein Seelsdorgegebiet von 22 Kilometer Länge und 20 Kilometer Breite zu betreuen hatte, starb im Dienst seiner Gemeinde 1957. – 1883 im oberfränkischen Steinwiesen geboren, studierte Müller Theologie und wurde 1908 in Bamberg zum Priester geweiht.

Erste politische Turbulenzen bekam Pfarrer Wolfgang Müller bereits 1933 zu spüren. Der Vater des ersten Rothenburger Kaplans Josef Hildenbrand musste 1933 aus Bayreuth fliehen und kam auf Umwegen nach Rothenburg zu seinem Sohn Josef Hildenbrand. Er versteckte sich längere Zeit im Pfarrhaus und im Sanatorium Wildbad. Denn der Vater, bis dahin Gefängnis-Inspektor in Bayreuth, war auch Vorsitzender der lokalen „Bayerischen Volkspartei“ sowie Stadtrat und stand im Gegensatz zu den Nationalsozialisten. Diese  wollten ihn 1933 festnehmen. Wie diese Geschichte ausging, ist den Notizen, die Müller aber erst nach dem Krieg anfertigte, nicht zu entnehmen.

Konkordat hielt nicht, was es versprach

Gleich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten setzen gezielte Maßnahmen zur Einschüchterung der katholischen Gemeinde und ihres Pfarrers ein. Entgegen den Abmachungen, die im Konkordat zwischen Staat und Kirche 1933 getroffen worden waren, stellte die katholische Gemeinde in Rothenburg immer stärkere Ein- und Angriffe des NS-Staats gegen die katholische Kirche fest wie die Agitation gegen die Bekenntnisschule, Entfernung der Kreuze aus den Schulen, die Behinderung und Auflösung der katholische Vereine und Verbände. Schon 1933 wurden das Gemeindehaus und die Wohnung des Pfarrers nach Waffen durchsucht, der Pfarrer bei kleinsten Anlässen verhört, ihm – wie allen Geistlichen beider Konfessionen Lehrverbot an Mittel- und Volksschulen erteilt. Pfarrer Wolfgang Müller schrieb daher an das Erzbischöfliche Ordinariat in München am 18. August 1935 (Auszug):

„Bisher waren wir der Auffassung, dass die rein religiösen Vereine dem Tagesstreit entrückt seien, dass Marianische Kongregation, Apostolate u. dgl. Durch das Konkordat geschützt seien. Nun werden sogar Kirchenchöre als konfessionelle Vereine betrachtet…“

Johanniskirche vom Südosten gesehen

Johanniskirche vom Südosten gesehen

Katholische Vereine gingen klanglos unter

Zur Gemeinde gehört der 1883 gegründete katholische Gesellenverein (später Kolpingfamilien genannt), der  u. a. Durchreisende verköstigte – 1932 mit 632 Portionen Frühkaffee und Brot, 252 Abendessen, die vom Verein bezahlt wurden. Im täglichen Beiblatt der NSDAP-Zeitung „Völkischer Beobachter“ prangte auf einer Ausgabe im Jahr 1933 auf der Titelseite die Schlagzeile „Der politische Kampf der Gesellenvereine“. Die Nazis agierten gegen die Gesellenvereine. Daher schrieb der Diözesansenior der Gesellenvereine am 10. März 1936 an den Rothenburger Pfarrer Wolfgang Müller einen Brief, in dem er anfragte, ob der Gesellenverein in Rothenburg noch bestehe. Gleichzeitig beklagte er sich bei dem Pfarrer, dass in den letzten zwei Jahren zehn Schreiben an ihn gerichtet habe, die nicht beantwortet wurden. Jetzt beantwortete Müller das Schreiben. Angesichts der immer kleiner werdenden Zahl heimischer Jugendlicher und fehlender Zuwanderer müsse es den Ortspfarrern überlassen bleiben, ob der Gesellenverein bestehen bleibe oder nicht. Das war. Der Gesellenverein war nicht mehr aktiv. Eine Neugründung nach dem Krieg unterblieb.

Die dürftige Vereinskasse wurde aufgeteilt

Der Katholische Arbeiterverein Rothenburg wurde 1909 gegründet. Präses war der Pfarrer. Im Juni 1933 sperrten die NS-Behörden das Vereinskonto und machten Schwierigkeiten bei der Herausgabe der Vereinszeitung. 1934 beschloss die Generalversammlung des Katholischen Arbeitervereins Rothenburg die Umbildung in einen „Katholischen Männerverein“, der das kirchliche Leben in der Gemeinde fördern und Träger des religiös-kulturellen Lebens der Gemeinde nach außen und innen sein sollte. Die Vereinsfahne wurde umgestickt. Über ihren Verbleib ist nichts bekannt. 1939 beschlossen die Mitglieder, den Katholischen Männerverein aufzulösen. Zu den Unterzeichnern gehörten u. a. Theodor Schletterer, Gottfried Barth und Karl Büttner. Die Vereinskasse wurde zu Teilen dem Ortscaritasverband (100 RM) und der Rest Pfarrer Müller für heilige Messen übergeben. Eine Wiederbegründung nach dem Krieg fand nicht statt. Als Nachfolgeorganisation wurde die Katholische Arbeitnehmer Bewegung (KAB) gegründet.

Von 1925 bis 1939 unterhielten die „Töchter vom Allerheiligsten Erlöser“ (Würzburg) im Sanatorium Wildbad ein Kinderheim und widmete sich auch der Krankenpflege. Dem 1931 gegründeten Ortscaritasverband mit Krankenpflegeverein trat auch der Frauenverein der israelitischen Kultusgemeinde in Rothenburg mit einem Jahresbeitrag von zehn Reichmark bei mit der in einem Begleitschreiben zum Ausdruck gebrachten Erwartung: „Wir knüpfen mit der Überreichung dieses Betrages den Wunsch, dass es den Schwestern vergönnt sein möge, im Dienste wahrer Menschlichkeit segensreich zu wirken.“

Päpstliche Enzyklika „Mit brennender Sorge“ ohne Probleme verlesen

An Palmsonntag 1937 kam es zu einem weiteren kritischen Ereignis, das Pfarrer Wolfgang Müller als „das größte kirchliche Ereignis der Nazi-Ära“ beschrieb.

„Es musste in allen Gottesdiensten die Enzyklika Pius XII. ,Mit brennender Sorge’ verlesen werden. Wie das von Weihbischof Dr. Johannes Neuhäusler 1947 verfasste Buch ,Kreuz unterm Hakenkreuz’ berichtet, war das Material vom Prälaten Neuhäusler, München, Abt Korbinian Hofmeister von Metten und dem Rechtsanwalt Dr. Josef Müller, München, dem Bruder des Chronisten, nach Rom im November 1936 gebracht worden. Der Chronist kam zum Trio und mit ihm nach Rom, wie Pontius Pilatus ins Credo; er musste die Rolle des Unschuldigen aufsetzen und den Begleiter der interessanten Pilgerreise in die ewige Stadt machen. Blitzableiter gegenüber Gestapo – Geheimer Staatspolizei-Detektiven!

Die verschiedenen Hirtenbriefe der deutschen Bischöfe konnten hier (Rothenburg) ohne Anstand verlesen werden, ebenso wie die Enzyklika. Die Verlesungen wurden zwar polizeilich überwacht. Der evangelische Polizeimeister war uns wohlgesinnt. Er hat manchen geschluckt, wie sich nach dem Krieg herausstellte…“

Eine zusätzliche Belastung war für die Pfarrei St. Johannis 1938 die so genannte „Heimführung der Volksdeutschen“, gleichsam ein Vorspiel für die nach Beginn und Beendigung des Krieges einsetzende Flüchtlingsströme, die sich über Städte und Dörfer ergossen haben. Flüchtlinge aus der Westfront 1939, Evakuierte aus den vom Bombenkrieg bedrohten Städten. Ab 1945/46 kamen die Ostflüchtlinge dazu.

"Mit großer Sorge": Kopie des handschriftlichen Entwurfs der Enzyklika von Kardinal Faulhaber. Das Original befindet sich im Archiv des vatikanischen Staatssekretariats

“Mit großer Sorge”: Kopie des handschriftlichen Entwurfs der Enzyklika von Kardinal Faulhaber 1937. Der Papst hat dann aus “großer” Sorge “brennende” Sorge gemacht und den gesamten Entwurf verschärft. Das Original befindet sich im Archiv des vatikanischen Staatssekretariats.

Gefälschter Möldersbrief in der Kirche verlesen

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bekam Pfarrer Wolfgang Müller eine Verwarnung, weil er für polnische Zwangsarbeiter/innen einen so genannten Polen-Gottesdienst abgehalten hatte. Als er in der Kirche den so genannten Mölders-Brief verlas, wurde Müller vom NS-Landrat vorgeladen und verhört. Beim Möldersbrief handelt es sich um ein gefälschtes Schriftstück, das durch den britischen Secret Intelligence Service im Januar 1942, unmittelbar nach dem Unfalltod des populären Luftwaffenoffiziers Werner Mölders, im Rahmen der psychologische Kriegsführung in Umlauf gebracht wurde und sich in kürzester Zeit verbreitete. In dem angeblichen Schreiben an einen Stettiner katholischen Propst namens Johst wies sich der Kriegsheld kurz vor seinem Tod scheinbar als gläubiger Katholik mit einer tiefen religiösen Überzeugung aus, der Distanz zum Nationalsozialismus hielt. Der Brief wurde vor allem von katholischen und evangelischen Bevölkerungsschichten aufgegriffen und als eindrucksvolles Dokument des katholischen Widerstands gegen das NS-Regime interpretiert. Der Brief löste große Nervosität bis in die höchsten Spitzen des Regimes aus. Ein Kopfgeld von 100.000 RM war für die Ergreifung des Verfassers ausgesetzt. Auf Vervielfältigung und Weiterverbreitung des Briefes standen Verhaftung und Einweisung in ein Konzentrationslager. An die Echtheit des Möldersbriefes wurde in Deutschland auch nach dem Krieg noch lange geglaubt. Erst im Jahre 1962 räumte der britische Geheimdienst ein, den gefälschten „Möldersbrief“ seinerzeit lanciert zu haben.

Bombardierung der Stadt: dies ater

Die Bombardierung Rothenburgs am 31. März 1945 notierte der katholische Pfarrer als einen schwarzen Tag „dies ater“ in seinen Erinnerungen:

„Am Morgen hatten wir unsere Zeremonien und unser Auferstehungsamt gehalten. Eine Auferstehungsfeier am Abend und ein Osterfest blieben uns versagt. Um 8.45 Uhr gab es Alarm. Ein Jagdfliegerverband kreuzte dauernd in unserem Raum. Um 10.15 Uhr gab’s letzten Katastrophenalarm. Vom Luftraum über dem Rathaus aus blitzten die Brand- und Sprengbomben fünf Minuten lang – in der Stadt krachte es. Fünf Minuten später sah man den ersten Brand. […] 40 % der Häuser der Stadt waren betroffen und brannten drei Tage lang – das Osterfest des Weltkrieges. […] Der Herr hatte Erbarmen. Es war aus unserer Gemeinde kein Leben zu beklagen, alle gerettet. Gott sei heute noch Dank dafür. Unsere Pfarrkirche St. Johannis war gerettet. Siebzehn Tage lang währte noch der Kriegszustand um und über Rothenburg. […] In der Nacht zum 17. April wurden alle Stege und Brücken gesprengt […] Ab 10 Uhr am 17. April waren wir ,amerikanisch’.“

Die Stadtverwaltung löste sich vorerst auf. Funktionstüchtig blieben die kirchlichen Einrichtungen. Pfarrer Müller: „Nun wurde auf der ganzen Linie zur Sammlung geblasen, die Kirchen und Konfessionen waren das einzig Bestehende. Beide wurden zu Kristallisationspunkten des neuen Aufbaus.“

Kinderheim im Wildbad

Kinderheim im Wildbad

Flüchtlinge stärkten die katholische Gemeinde

Die vielen Flüchtlinge der ersten Nachkriegszeit, die es seelsorgerlich und auch praktisch zu versorgen galt, waren eine Belastung für die katholische Gemeinde, die nun zur Flächen-Diaspora sich ausdehnte. Das machen Zahlen besonders deutlich: Um das Jahr 1900 gehörten zum Sprengel der Kirche St. Johannis rund 600 Katholiken. Davon lebten 530 in der Stadt. 1938 waren es 1.100 Katholiken und 1947 lebten in Rothenburg-Stadt rund 1200 Katholiken, im gesamten Sprengel war es 4.500 Katholiken. Das lag an den Flüchtlingen, die aus katholischen Gegenden des Reiches kamen wie beispielsweise aus dem Sudetenland, Schlesien und dem Banat. Das war in allen Diaspora-Diözesen in Franken so. Beispielsweise lebten im Erzbistum Bamberg rund 550.000 Katholiken, 1949 waren es 800.000.

Todesanzeige im "Fränkischen Anzeiger"

Todesanzeige im “Fränkischen Anzeiger”

Erich Lauterbach zu Wolfgang Müller: „Garant des konfessionellen Friedens“

Pfarrer Wolfgang Müller und seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Gemeindeleitung von St. Johannis meisterten dies, so dass Rothenburgs Oberbürgermeister Dr. Erich Lauterbach, bis 1945 NSDAP-Beigeordneter in Würzburg, am 70. Geburtstag des Pfarrers im Jahr 1953 in seiner Laudatio sagen konnte: „Alle Kreise Rothenburgs haben Sie lieb gewonnen.“ Er nannte den Jubilar einen Garanten des konfessionellen Friedens in der Stadt. Der Geistliche Rat Wolfgang Müller starb am 24. März 1957. Das Requiem fand in seinem Heimatort Steinwiesen statt, wo er auch bestattet wurde.

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Der gefälschte und verbreitete Mölders-Brief an Propst Johst in Stettin, ohne Datum:

Mein lieber Herr Propst!
Zu den schönsten Stunden an der Front gehören die Stunden, in denen ich Ihre lieben Briefe lesen kann. Seien Sie nicht böse, väterlicher Freund, wenn ich Urnen nicht immer gleich antworten kann, aber die Zeit fehlt. Über meine Arbeit habe ich Ihnen schon im vorigen Briefe ausführlich berichtet, aber sie ist immer noch die gleiche. Inzwischen sind wieder viele meiner Kameraden gefallen. Aber die Angst vor dem Tode haben wir verlernt, denn was ist der Tod anderes als eine kurze Trennung, dann ein besseres Wiedersehen im Jenseits. Viele der sogenannten „Lebensbejahenden“, die uns noch zu Anfang der großen Schlachten verlachten und verspotteten, holen sich jetzt bei „lebensverneinenden Katholiken“ Mut und Kraft. Sie beneiden uns, daß wir über dies irdische Leben leichter hinwegkommen als sie, an dem die Anderen mit allen Fasern ihres Herzens hängen, sie haben den Spott und Hohn im Angesicht unserer seelischen Stärke, die wir allein unserem Glauben verdanken, verlernt. Viele sind bekehrt und setzen das
Ideal jetzt höher als alle irdischen Schätze und Verlockungen. Und ich glaube, daß hierin ein tiefer Sinn des Krieges liegt. Es ist an der Zeit, daß die Menschen wieder glauben lernen, wieder beten lernen. Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, daß durch unser katholisches Beispiel viele besser und glücklicher geworden sind. Ihr Spott verwandelt sich in Achtung, in Liebe. Für sie ist es nicht so leicht wie für uns, aber es gibt nichts Schöneres, als wenn ein Mensch sich durch allen Schlamm sich durchgerungen hat zum Erkennen, zum Licht, zum wahren Glauben.
Um mich brauchen Sie keine Sorge zu haben. Wenn ich eines Tages mein Leben für die Freiheit unserer Nation hingeben muß, die Gewißheit kann ich Ihnen geben, ich falle im alten Glauben, gestärkt durch die Sakramente der Kirche. Wenn auf dem letzten Gang mein Priester auch nicht mehr dabei sein kann, so verlasse ich diese Erde im Bewußtsein, in Gott einen gnädigen Richter zu finden. Noch aber habe ich die feste Hoffnung, daß sich alles zum Guten wenden wird.
Schreiben Sie mir bald wieder und gedenken Sie im Gebet Ihres
gez.: Werner Mölders

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Quellen: Bruno Neundorfer „Aus der Geschichte der Pfarrei 1893-1993“ in: „Erbe und Auftrag. 100 Jahre Pfarrei St. Johannis – 190 Jahre katholische Gemeinde Rothenburg ob der Tauber“, hgg. von der kath. Gemeinde Rothenburg, 1993. – Wikipedia, Online-Enzyklopädie (zu Möldersbrief , 2013). – FA vom 25. März 1957.
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