Jahrestagung der Gesellschaft für fränkische Geschichte 1934: Oberbürgermeister Dr. Liebermann informierte die Historiker darüber, das Hitler vom Himmel gesendet wurde

Der 1934 renovierte Kaisersaal,Tagungsstätte der Gesellschaft für fränkische Geschichte 1934 in Rothenburg

Der 1934 renovierte Kaisersaal,Tagungsstätte der Gesellschaft für fränkische Geschichte 1934 in Rothenburg ob der Tauber

Von Wolf Stegemann

Als die „berufenste Stelle für die wissenschaftliche Erforschung unseres Frankenlandes“ bezeichnete der „Fränkische Anzeiger“ am 18. Juni 1934 die „Gesellschaft für fränkische Geschichte“, die zum 16. und 17. Juni nach Rothenburg ob der Tauber zu ihrer Jahrestagung eingeladen hatte. Nicht zum ersten Mal, denn 1911 und 1923 tagte die Gesellschaft ebenfalls in Rothenburg und sollte 1946 und 1973 nochmals in den Mauern Rothenburgs ihre Mitglieder versammeln. Seitdem nicht mehr.

Anton Chroust

Anton Chroust

Dass zu Beginn des NS-Regimes die Geschichtsforscher in Rothenburg tagten, war aus der Rothenburger Sichtweise von 1934 „eine Auszeichnung der besonderen Art“, schreibt die Zeitung, „bildet doch gerade Rothenburg eine Stätte, die für die Arbeiten der Gesellschaft von besonderer Bedeutung ist“. Der geschäftsführende Vorsitzende der Gesellschaft, Geheimrat Prof. Anton Chroust (1864-1945) aus Würzburg erklärte namens des Vorstands die Bedeutung: Rothenburg sei in ganz Deutschland und darüber hinaus die deutscheste Stadt. Das hörten die Rothenburger gerne, bezeichneten sie sich doch selbst so. Nach 1933 wurden die Begriffe das Deutscheste mit dem Nationalsozialistischen verknüpft, wozu die Rothenburg besuchenden NS-Paladine das Ihre dazu beitrugen und die Stadt daraus ein touristisches Geschäftsmodell entwickelte, wie man heute sagen würde. In Hitlers auf zwölf Jahre reduziertem „Tausendjährigen Reich“ schickte die NS-Propaganda Jahr für Jahr Touristen zu Tausenden von allen Winkeln Deutschlands in die engen Gassen der deutschesten aller deutschen Städte. Interessant, dass die Historiker mit ihrer Tagung Steigbügelhalter jener Propaganda waren. Andere Verbände folgten: die Metzger, Hoteliers, Reiseunternehmer und die vielen NS-Organisationen.

Im deutschen Reich ist ein „Stern aufgegangen“

Doch vorerst tagten 1934 die Geschichtsforscher in Rothenburg, die von Oberbürgermeister Dr. Friedrich Liebermann und NSDAP-Kreisleiter Fritz Mägerlein begrüßt wurden. Liebermann erinnerte an das Jahr 1923, als die Gesellschaft für fränkische Geschichte ebenfalls in den Mauern tagte, und die Zeichen, so Liebermann, auf wirtschaftlichem und politischem Niedergang standen. Doch sei das jetzt anders. Denn schon im letzten Jahr sei ein „Stern aufgegangen“. Die Versammlung heute, im Jahr 1934, „finde nun im Jahre des neuen Aufstiegs statt. … Heute müsse ein Gefühl des Glückes Platz greifen, das der Tat des Mannes zu verdanken sei, der vom Himmel gesandt wurde“, rief der Bürgermeister den Historikern zu, die als Wissenschaftler sicherlich andere Kriterien für Hitlers Kanzlerschaft verantwortlich machten als den Himmel. Vielleicht.

In seiner Dankesrede blickte denn auch das Vorstandsmitglied Anton Chroust in die Vergangenheit und schmeichelte den Rothenburgern und ihrer Stadt, „in der jeder Stein von seiner ernsten und stolzen Vergangenheit erzählt“. Und weiter sagte er:

„Zwar gebe es größere Reichsstädte in deutschen Landen – was das benachbarte Nürnberg  für die deutsche Kultur, geistig, künstlerisch und wirtschaftliche geleistet hat, könne Rothenburg nicht erreichen – aber die über schwerste Zeit hinüber getragene Verehrung der Vergangenheit, das Bewusstsein, das jeder Rothenburger in sich trägt, Künder einer großen Überlieferung zu sein, die zu pflegen ihm Ehre und Pflicht ist, sei das, was Rothenburg  mit in den Vordergrund stellen lässt … Wer Rothenburg erlebt hat, der erlebt hier die deutsche Kultur. Darum sei Rothenburg für jeden Deutschen, besonders aber für die, die das Frankenland lieben und hochhalten, ein Wallfahrtsort. Die Gesellschaft für Fränkische Geschichte tage diesmal unter dem Stern des wiedererstandenen Vaterlandes und auch in diesem neuen Deutschland, das alter Väter Sitte ehrt, das uns die alte Einfachheit, die alte Volksgemeinschaft bringt, wird Rothenburg als einer der schönsten Edelsteine glänzen und als Vorbild und Beispiel seiner hohen Güter, nach denen zu streben  uns der Führer gelehrt hat“.

Damit endete der geschäftsführende Vorsitzende seine Rede. Über die Reaktion der Zuhörer berichtet die Lokalzeitung: „Brausender Beifall.“ Nach Unterhaltungseinlagen der „Hans-Sachs-Vereinigungs-Kapelle“ und von Hans-Sachs-Schwänken, nach dem Singen „altfränkischer Liedlein klang der Begrüßungsabend im Wildbad aus.

NSDAP: Hohe Aufgabe, dem Frankenvolk seine Geschichte zu vermitteln

Anderntags trafen sich die Mitglieder der Gesellschaft zu ihrer 30. Jahresmitgliederversammlung im Kaisersaal, zu der die Stadtkapelle mit Musikstücken des Rothenburger Komponisten Erasmus Widmann aufspielte. Mit einem kräftigen Ruf „Heil Hitler“ eröffnete der Vorsitzende der fränkischen Gesellschaft, Dr. Erwein Graf von Schönborn-Wiesentheid (1877-1942), die Versammlung, dankte für die Gastfreundschaft und lobte die Stadt, „in dessen Mauern alles den Geist altfränkischen Lebens atmet, dessen Türme und Wehrgänge von der alten Geschichte erzählen und in dem Gegenwart und Vergangenheit sich in so schöner Weise die Hände reichen“.

Solche Worte gefielen dem Oberbürgermeister Dr. Liebermann, der gerührt das Wort ergriff und die Grüße des Ministerpräsidenten Ludwig Siebert übermittelte. Sodann sprach er wie vortags wieder von dem „Stern“, der im neuen Deutschland aufgestiegen sei (ohne ihn zu nennen, wohl Adolf Hitler gemeint). „Der Aufstieg, der jetzt begonnen habe, sei gerade für die Gesellschaft für Fränkische Geschichte von besonderer Bedeutung.“ Heute komme es mehr auf die tiefere Bedeutung der Stammeszugehörigkeit an, als das früher der Fall war.

„Daraus ergebe sich auch die unbedingte Notwendigkeit der Existenz der Gesellschaft für fränkische Geschichte. … Der Begriff Franken wird künftig bei der Tätigkeit der Gesellschaft eine eminente Bedeutung bekommen.“

Liebermann wünschte namens der Stadt den Verhandlungen der Gesellschaft auf der heutigen Tagung den allerbesten Erfolg. Vermutlich ging es dabei um die Gleichschaltung des Vereins, die bis Oktober des Jahres vollzogen sein musste. Denn es standen auch neue Ausschusswahlen auf dem Programm. NSDAP-Kreisleiter Fritz Mägerlein überbrachte in Vertretung des Frankenführers Julius Streicher Grüße.

„Die Gegenwartsaufgaben, die der Nationalsozialismus dem deutschen Volk gestellt hat und die zukunftsgestaltende Arbeit kann nur geleistet werden, wenn dieses Volk den Zusammenhang mit seiner Vergangenheit nicht verliert und den Schöpfungen und der Arbeit der Männer dieser Vergangenheit die nötige Ehrfurcht und Achtung entgegenbringt. Die Gesellschaft für fränkische Geschichte hat die hohe Aufgabe, dem Frankenvolk seine Geschichte zu vermitteln.“

Nach dem anschießenden Festvortrag „Neue Wege in der fränkischen Landesforschung“ von Dr. Friedrich Maurer (Erlangen) befasste sich die Versammlung mit Vereins-Regularien und dem Kassenstand in Höhe von 10.700 Reichsmark, machten dann Rothenburgs Oberbürgermeister Dr. Liebermann zum Mitglied und beschlossen die Versammlung so, wie sie begonnen hat, mit einem kräftigen „Heil Hitler“.

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Zur Sache: Die Gründung der Gesellschaft geht auf eine Initiative des in Graz geborenen, 1898 an die Universität Würzburg berufenen Historikers Prof. Dr. Anton Chroust (1864-1945) zurück. Chroust gelang es am 17. Dezember 1904, eine aus Vertretern des Staates, der Städte und der Kirchen, des Adels, des Bürgertums, der Geschichtswissenschaft an den beiden fränkischen Universitäten, der Archive und der Bibliotheken zusammengesetzte Versammlung nach Nürnberg einzuberufen. Diese beschloss die förmliche Konstituierung einer Gesellschaft für fränkische Geschichte. Chroust entwickelte sein anspruchsvolles Programm mit dem Hinweis darauf, dass in mehr systematischer Weise als bisher für die Veröffentlichung und Bearbeitung der Quellen zur fränkischen Geschichte Sorge getragen werden müsse. Modell stand die 1881 gegründete Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde.

Die Gesellschaft für fränkische Geschichte hat laut Satzung die Aufgabe, „die Erforschung der Geschichte im Bereich des ehemaligen fränkischen Reichskreises, seiner Territorien und angrenzenden Gebiete dadurch zu fördern, dass sie die Quellen der politischen Geschichte, der Rechts-, Verfassungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, der Kirchen-, Kunst- und Kulturgeschichte sowie der Münzkunde, der Genealogie, Heraldik und Sphragistik in einer den Anforderungen der Geschichtswissenschaft entsprechenden Weise bearbeiten lässt und die Ergebnisse durch Editionen, Regesten und Darstellungen allgemein zugänglich und verwertbar macht.“ – Dem Vorstand gehören heute an: Heinrich Freiherr von Pölnitz (Egloffstein), Paul Freiherr von und zu Franckenstein (Ullstadt), Dr. Erich Schneider (Schweinfurt), Wolfgang Graf zu Castell (Castell).

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Quelle: „Fränkischer Anzeiger“ vom 18. Juni 1934

 

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