Inszenierte Empfänge propagandistischer Massen-Besuche mit Musik, Fahnen und „Sieg Heil“-Reden: 1400 auslandsdeutsche Jugendliche und 800 Sudetendeutsche – zwei Beispiele

Von Wolf Stegemann

Mit der Handhabung großer Besuchergruppen mit oft über 1.000 Personen konnte Rothenburg schon immer gut umgehen. Erst recht im Dritten Reich, als Massenauftritte zur inszenierten nationalsozialistischen Propaganda gehörten. Betriebs- und Berufsgruppen aus dem gesamten Reich, Parteigliederungen aus allen deutschen Landschaften besuchten die Stadt und wurden in der Tauberstadt nach einem fast immer gleich ablaufenden Programm mit Marsch zum Marktplatz, dortiger Begrüßung durch Partei und Bürgermeister mit Reden gleichen Inhalts, mit Fahnen und Heil-Rufen, mit Marschmusik und Schäfertanz empfangen.

NS-Plakat zum Auslandsdeutschtum

NS-Plakat zum Auslandsdeutschtum

Beispielsweise kamen am 24. November 1937 Angehörige des „Adolf-Hitler-Marschblocks der Reichsparteitage“ in sechs Bussen von Nürnberg nach Rothenburg. Dieser Gruppe gehörten 200 Politische Leiter aus deutschen Grenzgebieten an. Auf dem Tagesprogramm standen Empfang und Begrüßungsreden mit „Sieg Heil“ auf Hitler und den Frankenführer Streicher, das Festspiel „Der Meistertrunk“, Besichtigung der Stadt und Abschiedreden mit „Sieg Heil!“ auf den Führer und den Frankenführer.

Solche Besuche fanden sich anderntags spaltenweise im „Fränkischen Anzeiger“ wieder, wobei der heutige Leser oft nicht weiß, was in den Berichten propagandistisch erfunden ist, was übertrieben dargestellt ist und was nicht. Nach heutiger Sicht ist es oft unverständlich, dass das hohle sich immer wiederholende Pathos in den Reden der „Hoheitsträger“ von den Volks- und Parteigenossen überhaupt ernst genommen werden konnte. Die beiden hier geschilderten Massengruppenbesuche, einmal 1.400 auslandsdeutsche Jugendliche 1935 und dann 800 Sudetendeutsche 1938 mögen Beispiele dafür sein.

Auslandsdeutschen Jugendlichen wurde Deutschland gezeigt

In Kuhlmühle in der ehemaligen Gemeinden Dranse, ein heutiger Ortsteil der Stadt Wittstock/Dosse im Landkreis Ostprignitz-Ruppin in Brandenburg errichtete die NSDAP für die Hitlerjugend eine Führerschule sowie einen so genannten Thinkplatz für internationale Jugendtreffen, das so genannte „Deutschlandlager“. Nach Fertigstellung lud das NS-Regime  1935 erstmals Jugendliche von Auslanddeutschen aus aller Welt zu einem dieser Lagerveranstaltungen ein, um einerseits Auslandsdeutsche wieder zu bewegen, in ihre alte Heimat zurückzukehren und anderseits deren Jugend etwas „von der Heiligkeit des vergossenes Blutes“ der deutschen Jugend im Ersten Weltkrieg und von den „Glauben an die Ewigkeit des deutschen Volkes und seiner welterlösenden Sendung“ nahezubringen. Daher wurden die 1.400 Auslands-Jugendlichen von Kuhlmühle aus mit 45 Reisebussen in die Vorzeigestadt der Nationalsozialisten, Rothenburg ob der Tauber, gefahren. Das war im August 1935.

Von der Stadtkapelle empfangen

Die Rothenburger Gendarmerie lotste die Busse zum Bezoldweg. Am Klingentor hatte sich bereits ein Empfangskomitee mit dem Gau-Propagandaleiter Beselsöder, dessen Stellvertreter Schöller, Rothenburgs NSDAP-Kreisleiter Steinacker und Vertreter des Kreisstabs und dem Standartenführer der SA, Obersturmbannführer Arlt, eingefunden. Als Vertreter des Hitlerjugend-Gebiets 18 Franken waren der Stabsführer. Oberbannführer Keß und Bannführer Lorenz Schmidt, gekommen, außerdem der Bannführer B 19, Unterbannführer Eierstock. Angetreten waren zudem eine Ehrenschar der Rothenburger Hitlerjugend mit dem Bannspielmannszug und ein Ehrenzug des Jungvolks sowie der Stadtkapelle in historischen Uniformen.

NS-Propaganda der Auslandsdeutschen in Italien

NS-Propaganda der Auslandsdeutschen in Italien

Mit bunten Wimpeln „im Ehrenkleid des Führers“

Transparente an den Bussen gaben Auskunft, woher die auslandsdeutschen Jugendlichen kamen: aus Portugal, Mexiko, Kolumbien, Norwegen, Panama, Ungarn, Peru, Persien, Lettland, Luxemburg, Argentinien, Kuba, Palästina, Guatemala, Ägypten, China Griechenland, Dänemark, Italien, Frankreich, Afrika, England, den Niederlanden, der Türkei und der Schweiz. Die Jugendlichen hatten braune HJ-Uniformen an (Fränkischer Anzeiger: „im Ehrenkleid des Führers“). Als die 1.400 Jungs in die Stadt marschierten, gaben sie mit ihren mitgebrachten nationalen Wimpeln und den Hakenkreuzfahnen dennoch ein buntes Bild ab. „Auf  allen Straße wurden die Jungen mit begeisterten Heilrufen empfangen“ schrieb der „Fränkische Anzeiger“. Auf dem Marktplatz stellten sich die Gäste im Karree auf, um dem historischen Schäfertanz zuzusehen. Von der Rathaus-Altane begrüßte Oberbürgermeister Dr. Friedrich Liebermann die Jugendlichen:

„Das alte Rothenburg möchte euch den Geist des Mittelalters kund tun. Deutscher Geist und völkische Kraft finden hier in den herrlichen alten Bauwerken ihren Ausdruck. …“

Oberbannführer Minke, der die Gäste begleitete, dankte u. a. mit den Worten:

„Wir haben das unendliche Glück, unsere auslandsdeutschen Kameraden […] nach Rothenburg führen zu dürfen, […] ihnen vor Augen zu führen, wie Volksgemeinschaft in Deutschland unter der Führung Adolf Hitlers gewachsen ist. Man kann gar nicht ermessen, welch beglückendes Gefühl unter den auslandsdeutschen Kameraden herrscht, die alles das zum ersten Mal erleben.“

Nachdem den Jugendlichen unter Führung der SS, SA und HJ die Stadt gezeigten und sie verköstigt worden waren, wurden sie – wiederum mit Reden und Marschmusik – am Judenkirchhof (heute Schrannenplatz) verabschiedet und ihnen eine gute Weiterfahrt gewünscht.

 

800 "heimgeholte" Sudetendeutsche 1938 auf dem Marktplatz in Rothenburg ob der Tauber

800 “heimgeholte” Sudetendeutsche 1938 auf dem Marktplatz in Rothenburg ob der Tauber

„Sudetendeutsche Brüder“ kehrten „Heim ins Reich“

Nachdem Adolf Hitler die Weisung vom 21. April und 30. Mai 1938 verfügte, die Tschechoslowakei zu „zerschlagen“, heizten die Nationalsozialisten die Stimmung nach einer Autonomie der Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei zu einer internationalen Krise an. Die angestachelten Forderungen des Führers der „Sudetendeutschen Partei“, Henlein, waren dermaßen hoch, dass sie Prag nicht erfüllen konnten. Gräuelmärchen wurden von der NS-Propaganda verbreitet, Vermittlungsvorschläge abgelehnt und Kriegsdrohungen ausgesprochen. Im „Münchner Abkommen“ vom 29./30. September 1938 stimmte der britische Premier Chamberlain schließlich zu, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland an das Reich abzutreten hatte („Heim ins Reich“). Da hatten die Deutschen schon längst beschlossen, danach die Tschechoslowakei zu vernichten.

Postkarte aus dem heimgeholten Sudetenland

Postkarte aus dem heimgeholten Sudetenland

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Reich war die „Heimholung“ des Sudetenlandes ein weiterer propagandistischer Erfolg Hitlers, der vor allem im nahen Bayern ausgekostet wurde. Dazu trug auch Rothenburg bei, als Wochen später rund „800 sudetendeutsche Brüder“ auf dem Marktplatz als Ehrengäste empfangen wurden. Kurz vorher waren es 1.000 ins Reich „zurückgekehrte“ Österreicher, jetzt Ostmärker genannt, gewesen, die am Nürnberger Reichsparteitag teilgenommen und Rothenburg besucht hatten.

 

Stadtkapelle empfing die Gäste mit dem „Egerländer Marsch“

Die 800 Sudetendeutschen kamen mit einem Sonderzug der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ in Rothenburg an, wo sie am Bahnhof nicht nur von Vertretern der NSDAP, sondern auch von der Stadtkapelle in Spielmannstracht, die den „Egerländer Marsch“ intonierte, empfangen wurden. „Der Fränkische Anzeiger“ berichtete:

„Unter ständigen Heilrufen verließen die Gäste den Bahnhof und nahmen, empfangen von den Führern, in einem großen Zug Aufstellung. Die Hitlerjugend, die Fliegerschule und Schüler der Oberschule und die Volksschuljugend standen bis in die Stadt hinein Spalier. Am Rathausportal wurden die vom NSDAP-Kreisleiter Karl Steinacker und weiteren Parteigenossen sowie von Bürgermeister Dr. Schmidt empfangen, der die Gäste willkommen hieß.“

Er erinnerte an die Zeit vor der „Heimholung ins Reich“ und übertrieb dabei propagandagetreu die tatsächliche Situation. Seine Rede wurde stets mit „brausenden Heil-Rufen“ unterbrochen:

„Damals waren sie noch Deutsche in fremdem Land, heute sind sie Volksgenossen im Reich. Seien sie herzlich willkommen in unserer schönern alten Stadt! Wir freuen uns, dass wir ihnen nach den Tagen des Leides, der Qual, der Sorge, der Not und des Elends, Stunden der Freude bereiten können. […] Mehr als tausend Jahre Geschichte spielt hier in den alten Mauern, deutsche Geschichte mit all den Höhen und Tiefen. […] Bleiben sie so treu wie bisher mit dem Volk, dem Reich und dem Führer verbunden.“

Briefmarken mit Aufdruck nach der "Befreriung"

Briefmarken mit Aufdruck nach der “Befreriung”

Es braust ein Ruf wie Donnerhall: „Wir danken unserm Führer!“

Daraufhin sollen, so die Zeitung, stürmische Rufe „Wir danken unserm Führer“ über den Marktplatz gebraust sein. Auch Kreisleiter Steinacker, selbst Sudetendeutscher, erinnerte an den Anschluss:

„In jenen Tagen haben die Jahre der Not und des Elends, der Knechtschaft und des Terrors ihr Ende gefunden. Ein Traum, eine Sehnsucht, ein Wunsch von euch, aber auch von uns, hat damals seine Erfüllung gefunden durch den stahlharten Willen des Führers (erneut branden Heilrufe auf), Nun sind sie über die einstigen Grenzen gekommen Grenzen gekommen ins herrliche fränkische Land. In den Gau Julius Streichers…“

Der sudetendeutsche Reiseleiter Schmidt dankte mit den Worten, dass sie sich im Frankenlande nicht fremd fühlten, sondern als Brüder, die heimgekehrt seien in die Heimat und die noch fanatischere Kämpfer für den Führer und sein großes Werk sein würden. Nach Besichtigung der Stadt, einer Vorführung des historischen Schäfertanzes und Aufenthalt in Gaststätten machten sich die 800 Sudetendeutschen wieder auf den Weg zum Bahnhof. Vom Marktplatz bis zum Bahnhof erschallten in Sprechchören der Achthundert: „Wir danken der Stadt Rothenburg“, „Wir danken euch für den Empfang“, „Auf Wiedersehen!“. Dann sangen sie während des Marsches zum Bahnhof die „Kampflieder der Bewegung“. Um 17.30 Uhr fuhr der Sonderzug Richtung Nürnberg. Der Propagandaspuk mit 800 Sudetendeutschen und ständigen Heilrufen auf dem Führer war vorbei!

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Quellen: Fränkischer Anzeiger vom 7. August 1935 und 25. Mai 1937.
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