Entnazifizierung (27): „Er ist dabei immer anständig geblieben!“ Über die Instrumentalisierung des Begriffs „Anstand“ vor der Rothenburger Spruchkammer – Epilog

Von Wolf Stegemann

Der Anstand ist ein zentraler Begriff von Sitten- und Tugendlehre(n), von Moralphilosophie und Moraltheologie. Gemeinsam mit anderen moralischen Kategorien unterliegt der Begriff Anstand geschichtsbedingten Interpretationen und ist aufgrund verbreiteter Unkenntnis seines Bedeutungsgehalts leicht instrumentalisierbar, umdeutbar, und dem Missbrauch preisgegeben.

Mit Anstand das Judentum ausgerottet

Das wird deutlich, wenn im Nationalsozialismus von Moral und Anstand gesprochen wurde. Hier steigert sich die Argumentation darüber, was „anständig geblieben zu sein“ heißt, ins Pathetisch-Brutale, wenn der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, in seiner berüchtigten Posener Rede vom 4. Oktober 1943 vor SS-Führern in einer bis dahin öffentlich nicht gekannten unverschleierten Sprache über die „Ausrottung des Judentums“ sagte:

„Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. – ‚Das jüdische Volk wird ausgerottet’, sagt ein jeder Parteigenosse‚ ‘ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.’ […] Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte…“

„Anständig geblieben zu sein.“ Mit dieser Phrase bewerteten nach dem Krieg Zeugen Tausende und Abertausende von Kriegsverbrechern, Nazi-Mördern, Gesetzesbrechern, SA-Schlägern und sprachen sie von moralischer und mitunter auch von individueller Schuld trotz Beteiligung an Hetze und Verbrechen frei, weil der Täter bei seinem Tun eben „anständig geblieben“ war. Dies gilt nicht nur für die Nürnberger Prozesse, auch für Verfahren in den Spruchkammern der Städte wie Rothenburg.

Mit „Anstand“ gegen die Juden gehetzt

Wer die Protokolle der Entnazifizierungs-Spruchkammern von 1946 bis 1949 liest, dem fällt auf, dass immer wieder das Mitmachen des Betroffenen am verbrecherischen Tun anderer oder sogar dessen eigenes Handeln von Zeugen mit den Worten relativiert wird: „Aber er ist dabei anständig geblieben!“ Dieser Satz kommt in fast allen Protokollen der Spruchkammer-Verfahren in Rothenburg vor. Als ob den Tätern, die in Rothenburg Judenhetze betrieben, jüdische Nachbarn verfolgt, sich an ihnen durch gesetzlichen Raub bereichert haben, die Menschen getreten, bespuckt, geschlagen und vertrieben und andere denunziert haben, dies nicht unbedingt angelastet werden dürfe, weil sie dabei „anständig“ geblieben waren. Damit reihten sich die Entlastungszeugen mit ihrem Begriff von „Anständigkeit“ in einen vielstimmigen Chor ein, der den Tätern die Unanständigkeit ihres Tuns absprechen wollten, wie drei Jahre zuvor es Heinrich Himmler bereits vormachte: Morden und dabei anständig zu bleiben!

Das Verbrechen legte sich wie ein Krake auf Städte und Dörfer

Die, die das taten, waren nicht anständig. Es waren Verbrecher. Das gesamte NS-Regime, das sich mit ihren uniformierten Organisationen und Hakenkreuzen auf Städte und Dörfer legte wie ein Krake, war ein verbrecherisches Regime, dem an allen Ecken und Enden des Reiches zugejubelt wurde. Hans Mommsen sagte einmal, dass Verbrechen, unmenschliches Verhalten des NS-Staates durchaus mit dem Wissens- und Bildungsstand des 20. Jahrhunderts erkannt werden konnte, wenn anfangs für viele auch nur ansatzweise. Es wurde auch erkannt. Das belegen die, die Widerstand leisteten, auch in Rothenburg, und das belegt auch das schon 1933 allseits bekannt-berüchtigte und überfüllte KZ Dachau. Bei der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Gunskirchen sagte Gerhard Bronner am 7. Mai 2005:

„Es gibt drei Dinge, die sich nicht vereinen lassen: Intelligenz, Anständigkeit und Nationalsozialismus. Man kann intelligent und Nazi sein. Dann ist man nicht anständig. Man kann anständig und Nazi sein. Dann ist man nicht intelligent. Und man kann anständig und intelligent sein. Dann ist man kein Nazi.“

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