Entnazifizierung (25): Die Spruchkammer Rothenburg machte Dr. Heinz Wirsching vom „strammen Nationalsozialisten“ zum Widerstandkämpfer. Die Frage bliebt unbeantwortet – warum?

Von Wolf Stegemann

Der 1904 in Rothenburg ob der Tauber als Sohn des Stadtamtmanns Hans Wirsching geborene Heinz Wirsching, der Volkswirtschaft studierte und dann Staatsbeamter wurde, sei, obwohl NSDAP-Mitglied, ein ausgemachter Gegner nationalsozialistischer Machenschaften gewesen. In welcher Position er auch war, habe er auf Recht und Ordnung geachtet – aber nicht im Sinne der Nationalsozialisten, sondern im Sinne von menschlicher Gerechtigkeit. Als stellvertretender Landrat im Sudetengau sei er einer der Wenigen gewesen, die sich aus seiner leitenden Beamtenposition heraus auch offen gegen Arisierungsmaßnahmen gewandt hätte und von Amts wegen eine Anzeige gegen die SS wegen Landfriedensbruch einleiten ließ, die dann von höherer Stelle unterschlagen wurde. Solche Aktionen hätten zu immer wieder neuen Strafversetzungen und sogar zur Überwachung durch die Gestapo geführt.

Dr. Heinz Wirsching

Dr. Heinz Wirsching

Angeblich von der Gestapo überwacht

Weiter steht in seiner Entnazifizierungsakte, dass durch sein korrektes dienstliches Verhalten, das auch gegen die Partei stand, Heinz Wirsching nach solchen Vorkommnissen immer wieder versetzt worden sei. 1938 in das Dezernat für Wahlangelegenheiten nach München. Dort habe er sich mit Erfolg gegen den bayerischen NS-Innenminister Wagner durchgesetzt, der von ihm eine unzulässige Berechnungsart der ungültigen Stimmen verlangt habe. Dies hätte ihm eine Versetzung zurück in den Sudetengau eingebracht, wo er von 1940 bis 1942 stellvertretender Landrat in einem „dortigen Bezirk“ gewesen sei. Auch dort sei er bei Ungerechtigkeiten und radikalen Verstößen des Kreisleiters und der Parteiinstanzen uneingeschüchtert gegen sie vorgegangen. Dies habe wiederum die Gestapo auf den Plan gerufen, die ihn überwacht hätte. Wirsching sei daraufhin wieder nach München in eine untergeordnete Dienststellung zurückversetzt worden, was auch empfindliche Gehaltseinbußen zur Folge gehabt hätte. Zeugen gaben in Zuschriften an die Spruchkammer Rothenburg an, dass Heinz Wirsching in den „jeweiligen Dienstorten“ Menschen geholfen hatte. Die Spruchkammer würdigte „nach Prüfung das Gesamtverhaltens Wirschings“ den Staatsbeamten so:

„Der Betroffene hat sich uneingeschränkt für alle Personen eingesetzt, die mit den NS-Dienststellen irgendwie Differenzen hatten und hat diese Differenzen entweder ganz abgebogen oder mindestens derart abgeschwächt, dass die Partei wenig oder gar nichts unternehmen konnte. Er hat besonders für politische Verfolgte einiges getan und hier Erfolg gehabt, allerdings auf Kosten seiner eigenen Person, da ihm dies von der Partei verübelt worden ist und nach und nach zu Spannungen führte, die mit einer Verfolgung durch die Gestapo endeten.“

Im Spruchkammer-Urteil fehlen Namen der Dienstsorte und Dienstzeiten

Allerdings wurden in der Begründung (außer München) weder Dienstorte noch Dienstzeiten genannt, in denen Dr. Heinz Wirsching in seiner angegebene Gegnerschaft zum NS-Regime überprüfbar gestanden haben will. Dennoch stufte die Spruchkammer den Sohn des Rothenburger Stadtamtmanns am 10. Oktober 1947 als „entlastet“ in die Gruppe V ein. Aufgrund seiner Lügen und dieser properen „Reinwaschung“ konnte Dr. Heinz Wirsching eine angebotene Anstellung als Rechtsrat bei der Stadt Rothenburg annehmen, die er bis zu seinem Weggang aus gesundheitlichen Gründen 1951 ausübte und dann Direktor und Aufsichtsratsvorsitzender der Bayerischen Landesbank wurde. 1969 bekam er das Bundesverdienstkreuz.

Heutige Recherchen im Widerspruch zur damaligen Verschleierung

Wer Einblick in die Akten der Spruchkammer Rothenburg hat, den mag stutzig machen, warum Dr. Heinz Wirschings Aufenthaltsorte, an denen er als leitender Staatsbeamter offen gegen nationalsozialistische Umtriebe gehandelt haben will, nicht genannt sind. Auch fehlt im Protokoll des Spruchs, der am 19. November 1947 Rechtskraft erlangte, die Angabe des öffentlichen Anklägers und des Protokollführers, was unter den in Einsicht genommenen rund 80 Entnazifizierungsprotokollen einmalig ist. Somit stutzig geworden und anderweitig recherchiert, wird festgestellt, dass die Angaben von 1947 den Recherchen von 2014 nicht standhalten. In dem schon 1977 erschienenen Buch „Bayern in der NS-Zeit“ (Hg. Prof. Broszat, Elke Fröhlich, Falk Wiesemann) wird in Band I ein junger Dr. Heinz Wirsching als „strammer Nationalsozialist“ dargestellt, der 1933 dem Ebermannstädter Bezirksamt als Aufpasser dem dortigen Landrat zur Seite gestellt wurde, um nationalsozialistischen Schwung ins Amt zu bringen. Dr. Manfred Franze griff das Thema Wirsching in seinem 2014 erschienenen Buch „Aufstieg und Machtübernahme der Nationalsozialisten in Forchheim, Ebermannstadt und in der Fränkischen Schweiz“ auf und beschreibt ausführlich Dr. Heinz Wirschings Wirken in Ebermannstadt, das nun gänzlich im Widerspruch zu den obigen Ausführungen der Spruchkammer Rothenburg steht.

Dr. Wirschings zu Unrecht entlastender Spruch

Dr. Wirschings zu Unrecht entlastender Spruch

An Hitlers Geburtstag 1939 zum Landrat von Falkenau befördert

Heinz Wirsching studierte in Würzburg, Rostock, München, Berlin und Erlangen Rechts- und Staatswissenschaften, war ab 1930 Geschäftsführer des Bayerischen Beamtenbundes und trat 1931 in den Bayerischen Staatsdienst ein. Am 1. Juni 1933 wurde er Regierungsrat an das Bezirksamt Ebermannstadt versetzt, trat nach eigenen Angaben 1935 in die NSDAP ein, was allerdings  gelogen war, denn er trat bereits am 1. März 1933 in die Partei ein (Nr. 3.663.203) und wechselte 1936 ins bayerische Innenministerium. Er verschwieg zudem, dass er ab 27. Oktober 1933 der SS angehörte und 1938 sogar NSDAP-Ortsgruppenleiter in München war. 1938 wurde er zum „kommissarischen Bezirkshauptmann“ im tschechischen Bischofteinitz und am 20. April 1939, dem Geburtstag Hitlers, zum Landrat in von Falkenau ernannt. An Hitlers Geburtstag wurden u. a. Lehrer, Staats- und Landesbeamte befördert, wenn sie sich um den Nationalsozialismus verdient gemacht hatten. Und das hatte sich Dr. Heinz Wirsching. Von dort wurde Heinz Wirsching zur Wehrmacht einberufen. Darüber steht in dem Spruchkammer-Protokoll, dass er damit der Überwachung von Partei und Gestapo entzogen war. Doch hätte die Gestapo bereits eine Anzeige auf den Weg gebracht und gegen ihn ein Verfahren wegen Mittäterschaft an einem „Verbrechen gegen Volk und Staat“ sowie wegen Verstoßes  gegen die Bestimmungen der Kriegsbewirtschaftung eingeleitet. Um was es sich dabei handelte, diese Information blieb die Spruchkammer schuldig, meinte aber, da sich Heinz Wirsching im Kriegseinsatz befunden habe, sei das Verfahren vom Kriegsgericht mit Zustimmung des Sondergerichts vorerst eingestellt worden. Wegen des Zusammenbruchs des Dritten Reiches wären dann keine Maßnahmen mehr gegen Heinz Wirsching ergriffen worden.

Bekanntmachung Wirschings im Wiesent-Boten vom 25. Juli 1933

Bekanntmachung Wirschings im Wiesent-Boten vom 25. Juli 1933

Hitler-Linde angeknickt: Wirsching brachte acht Verdächtige in Schutzhaft

Zu den heutigen Quellen: Im August 1933 verfügte Dr. Heinz Wirsching im Bezirksamt von Ebermannstadt „im Einvernehmen mit dem Kreisleiter der NSDAP“, dass die durch Rücktritte frei gewordenen Stadtratssitze von Ebermannstadt durch namentlich benannte Nationalsozialisten“ zu besetzen seien. In der Gegend um Ebermannstadt gab es etliche Unmutsäußerungen aus der Bevölkerung gegen den Nationalsozialismus. Beispielsweise wurde im benachbarten Niedermirsberg entdeckt, dass die am 20. April 1933 gepflanzte Hitler-Linde beschädigt wurde. Etliche Bürger wurden festgenommen, darunter auch der ehemalige Bürgermeister. Dazu Manfred Franze:

„Dr. Heinz Wirsching, stellvertretender Bezirksamtmann, reagierte scharf auf diesen Übergriff auf das ,Ehrenzeichen der nationalen Erhebung’, beschuldigte die Täter einer ,niedrigen Gesinnung’ und warnte alle diejenigen, ,die glauben, durch Taten und Reden die große Aufbauarbeit unseres Führers stören zu dürfen’.“

Wirschings Originalton in einer Bekanntmachung im Wiesent-Boten vom 25. Juli 1933:

„Ich habe im obenbezeichneten Fall 8 Personen in Schutzhaft nehmen lassen. Ich werde bei weiteren Störungsversuchen und weiteren Beleidigungen des deutschen Volkes, seiner Führer und der ihnen zu Ehren errichteten Gedenkzeichen mit größter Schärfe vorgehen…“

In Ebermannstadt Vereine gleichgeschaltet und Binghöhle arisiert

Im Oktober 1933 leitete Heinz Wirsching die Gleichschaltung der Vereine und Verbände, wobei er in die SA eintrat und sich selbst zum Vorsitzenden des TSV Ebermannstadt ernannte und den Bezirksschulrat zu seinem Stellvertreter. Somit war der Sportverein wie alle anderen Vereine durch das „stramme Wirken“ von Heinz Wirsching in nationalsozialistischer Hand. Heinz Wirsching trat in die SA ein. Vor der Rothenburger Spruchkammer begründete er dies mit der Absicht, durch seinen Eintritt als Leiter des Sportvereins andauernde Querelen zwischen der SA und seinem Verein glätten gewollt zu haben. Da dies keinen Erfolg hatte, sei er nach einem Jahr wieder aus der SA ausgetreten. 1935 war Heinz Wirsching zusammen mit Thomas Kraus an der „Arisierung“ (22. März 1935) der Binghöhle bei Streitberg in der Fränkischen Schweiz beteiligt. Die berühmte Schau-Höhle hatte einen jüdischen Eigentümer (Stadtarchiv Bamberg).

Als Familienmensch und Humanist gewürdigt

Im Krieg schwer verwundet, war es der Soldat Heinz Wirsching, dem nach Einschiffung von 30.000 Flüchtlingen und Verwundeten auf der „Wilhelm Gustloff“ in Gotenhafen wegen Überfüllung der Steg vor der Nase hochgeklappt wurde. Ein Schicksalsmoment, denn die Überfahrt nach Kiel sollte das Kreuzfahrtschiff 1945 nicht überstehen. Ein russisches U-Boot versenkte es. 1947 kam Wirsching von Bad Tölz nach Rothenburg ob der Tauber zurück,  wohnte in der Burggasse 17 und verzog mit Ehefrau Gertrud und zwei Kindern 1951 nach München. Zu seinem 100. Geburtstag veröffentlichte der „Merkur“ eine Würdigung Dr. Heinz Wirschings als Familienmensch und Humanist, der Plato und Goethe liebte. Ein halbes Jahr darauf starb er in einem Alten- und Pflegeheim in Lochham bei München.

___________________________________________________________

Quellen: Staatsarchiv Nürnberg, Spruchkammer Rothenburg, 7757/Ro/W. – Dr. Manfred Franze: „Aufstieg und Machtübernahme der Nationalsozialisten in Forchheim, Ebermannstadt und in der Fränkischen Schweiz“, Palm und Enke, Erlangen 2014 (wesentliche Informationen und Foto entnommen). – „Bayern in der NS-Zeit“ (Hg. Prof. Broszat, Elke Fröhlich, Falk Wiesemann), Band I, Oldenbourg 1977. – Bundesarchiv Berlin RS G5280ß und PK T0148. – Staatsarchiv Bamberg K8/13288. – Wiesent-Bote vom 25. Juli 1933 (Warnung) und vom 2. Oktober 1933. – Hilda Höhlein: „Ein Familienmensch und Humanist wird 100 Jahre alt“ in „Merkur“ München am 11. April 2009. – Telefon. Auskunft Dr. Manfred Franze am 16. Dezember 2014.
Dieser Beitrag wurde unter Entnazifizierung, Verwaltung Stadt / Bezirk abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>