Die Nordische Gesellschaft – eine ideologisch völkisch-rassische Organisation der NSDAP mit Rothenburgs bürgerlicher Hautevolee

An die Gaupropagandaleitung der NSDAP in Nürnberg, Prinzregentenufer 5, richtete der Rothenburger Kreispropagandaleiter Georg Höfler am 30. April 1935 (Az. 313) ein Schreiben, in dem er mitteilte, welche Rothenburger Personen der „Nordischen Gesellschaft“ zugehörig sein wollen. Ob sie allerdings tatsächlich Mitglieder dieser von den Nationalsozialisten 1933 reichsweit gleichgeschalteten Vereinigung wurden, kann hier nicht belegt, aber vermutet werden.

Die Chef-Arier der Nordischen Gesellschaft: Otto H. Drechsler, Hinrich Lohse, Alfred Rosenberg und Walter-Eberhard von Medem 1942; Foto: Bundesarchiv

Die Chef-Arier der Nordischen Gesellschaft: Otto H. Drechsler, Hinrich Lohse, Alfred Rosenberg und Walter-Eberhard von Medem 1942; Foto: Bundesarchiv

Lehrer, Geschäftsleute, Künstler, Beamte

Im Mittelpunkt ihrer völkischen und rassischen Ideologie stand der Gedanke, wie Karl Jessen 1997 in der Zeitschrift „Nordische Gesellschaft“ schrieb, dass sich in der „nordischen Rasse“ die germanisch-deutsche Kulturüberlegenheit manifestiere. Zu den 20 Rothenburger Mitgliedswilligen gehörten Personen – natürlich nur Männer – aus der so genannten guten Bürgerschicht wie Akademiker, Künstler, Geschäftsleute und Beamte. Auf dem ersten Blick die gesamte Hautevolee der Kleinstadt. Dazu gehörten in der Reihenfolge der Auflistung von 1935

der Arzt Dr. Theodor Beck (Marktplatz 6), Stadtamtmann Hans Wirsching (Mannstraße 7), Fabrikbesitzer Theodor Wünsch (Bahnhofstraße 15), Generalleutnant a. D. Karl von Staudt (Herrngasse 18), Reichsbahninspektor i. R. Fritz Boegner (Kapellenplatz 8), Zahnarzt Dr. Arthur Brühschwein (Bezoldweg 5), Handelsvertreter Oskar Meißner (Spitalgasse 25), Oberlehrer Leonhard Burkhardt (Wenggasse 2), Notar Richard Daimer (Pfürdtstraße 2), Musikdirektor Hans Feige (Klingengasse 4), Oberstudienrat Dr. Hans Gießberger (Jahnstraße 1), Oberlehrer i. R. Kurt Hayde (Herrngasse 30), Regierungsrat Otto Heilmann (Herrngasse 14), Druckereibesitzer Eduard Holstein (Herrngasse 1), Bankbeamter Alfred Pein (Taubertalweg 50b), Buchhändler Martin Pyczak (Rödergasse 18), Kunstmaler Rudolf Schacht (Klingengasse 4), Prof. Michael Schaeflein (Kapellenplatz 8), Tabakwarenhändler Karl Thinius (Galgengasse 30) und Gewerbe-Hauptlehrer Ernst Unbehauen (Nuschweg 8).

Darunter sind Namen, die in dieser Online-Dokumentation mehrmals als hartgesottene Nationalsozialisten auftauchen, auch als Antisemiten, manche in NSDAP-Ämtern oder in Parteigliederungen. Einige Namen tauchen in der nationalsozialistischen Geschichte Rothenburgs gar nicht mehr auf oder als Widerpart der Nazis wie Karl Thinius, der auch von der erwähnten Liste bereits von der Gaupropagandaleitung gestrichen wurde.

Nordische Gesellschaft 1933 mit reichsweiter Geltung gleichgeschaltet

Was war die „Nordische Gesellschaft“? Sie wurde bereits 1921 in Lübeck gegründet, wo sie auch ansässig und bemühte war, sich um wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen im Ostseeraum und um die „Pflege des nordischen Gedankens“ zu kümmern. Die jährlich veranstaltete „Nordische Woche“ sollte den Wirtschaftsraum Ostsee beleben und prägte die Stadtwerbung Lübecks bis in die 1960er-Jahre.

Parteipolitisch nicht gebunden, wurde die Nordische Gesellschaft, die bis 1933 „nie mehr als eine lokale Bedeutung besessen hatte“, wie Jürgen Elvert in „Europa und der Norden“ 1995 schrieb, ab Sommer 1933 gleichgeschaltet und im Juni 1934 dem Außenpolitischen Amt der NSADAP (APA) unterstellt. Für die Verbreitung ihrer Ideologie und Kulturpropaganda veranstaltete sie auch Sonnwendfeiern und als Höhepunkt ab 1934 jährliche „Nordische Reichstagungen“. Neben der Zentrale, dem Reichskontor in Lübeck, gab es zuletzt mehr als vierzig (mit den Gauen der NSDAP zusammenfallende) Kontore im ganzen Reich. Daneben existierten Verbindungsleiter in den Hauptstädten der nordischen Länder.

Himmler, Rosenberg und Darré gehörten auch dazu

1934 übernahm Hinrich Lohse, Gauleiter der NSDAP in Schleswig-Holstein, den Vorsitz der Gesellschaft, eine Position, die er bis 1945 behielt (Wolfgang Benz: Enzyklopädie Nationalsozialismus). Verbindungsmann des APA der NSDAP zur Nordischen Gesellschaft war bis 1938 Rosenbergs Privatsekretär, Thilo von Trotha. Zum „großen Rat“ dieser Gesellschaft gehörten neben Lohse und von Trotha auch Heinrich Himmler, Alfred Rosenberg und Walter Darré.

Im Oktober 1935 verfasste Rosenberg einen Tätigkeitsbericht seines APA, aus dem ersichtlich ist, dass er und Hinrich Lohse mit der Nordischen Gesellschaft vor allem politische Ziele mit internationaler Ausrichtung verfolgt haben. Dem Bericht ist unter anderem zu entnehmen, so in Hans-Günther Seraphims 1995 erschienenem Buch „Das politische Tagebuch Alfred Rosenbergs. 1934/35 und 1939/40“:

„Handelspolitisch sind meines Erachtens viel mehr Unterlassungssünden begangen worden und so hat sich das A.P.A. bewußt mehr auf die kulturpolitischen Aufgaben beschränkt. Zu diesem Zweck hat es die Nordische Gesellschaft ausgebaut, die früher kleine Gesellschaft ist in diesen 2 Jahren der Betreuung durch das A.P.A. zu einer entscheidenden Vermittlungsstelle der gesamten deutsch-skandinavischen Beziehungen geworden. Ihr Leiter (Lohse) ist vom A.P.A. bestimmt, die Kontore in allen Gauen werden vom entsprechenden Gauleiter geleitet. Mit Wirtschaftsgruppen und anderen Organisationen und Gliederungen der Partei, die nach Skandinavien hin Beziehungen unterhalten, sind entsprechende Abkommen getroffen worden, so dass der nahezu ganze Verkehr zwischen Deutschland und Skandinavien heute durch die Hand der Nordischen Gesellschaft geht.“

1936 verschmolz die Nordische Gesellschaft mit dem Nordischen Ring, einer Organisation, die sich vor allem der Verbreitung der Rassenlehre von Hans F. K. Günther widmete. Erst 1957 wurde die Nordische Gesellschaft aufgelöst.

Publikationen der Nordischen Gesellschaft

Die wichtigste gesellschaftseigene Publikation war die Monatsschrift „Der Norden“. Mit dem „Nordischen Ring“ wurde 1936 auch deren Monatsschrift „Rasse. Monatsschrift der Nordischen Bewegung“ übernommen. Außerdem war die Nordische Gesellschaft Herausgeber von Büchern, wie z. B. „Zwiegespräch zwischen den Völkern: Deutschland und der Norden“ und der „Nordland-Fibel“.

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Quellen: Staatsarchiv Nürnberg, NS-Mischbestand. – Karsten Jessen: „Nordische Gesellschaft“ in  Wolfgang Benz (Hrsg.): „Enzyklopädie des Nationalsozialismus“, München 1997. – Hans-Günther Seraphim „Das politische Tagebuch Alfred Rosenbergs. 1934/35 und 1939/40“, Göttingen/Berlin/Frankfurt 1995. – Wikipedia, Online-Enzyklopädie (2014).

 

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