Der Morgenthau-Plan wollte aus Deutschland eine Agrarwüste machen. Doch Proteste verhinderten dies. Ein starkes Deutschland sollte ein Bollwerk gegen den Kommunismus sein

"Morgenthau-Plan"-Kunst-Installation von Anselm Kiefer 2012

“Morgenthau-Plan”-Kunst-Installation von Anselm Kiefer 2012

W. St. – Der so genannte „Morgenthau-Plan“, ein im September 1944 vom damaligen amerikanischen Finanzminister Henry Morgenthau Jr. vorgelegtes Memorandum, spiegelt die widersprüchliche Debatte in den USA, wie unter den Alliierten über die wichtigste Frage am Ende des Zweiten Weltkrieges diskutiert wurde: Welche Konsequenzen waren aus Krieg und Völkermord zu ziehen? Gab es politische, wirtschaftliche und juristische Möglichkeiten, künftigen Massenmorden vorzubeugen oder zumindest deren Wahrscheinlichkeit einzudämmen? Freilich wurde diese Zielrichtung des Memorandums alsbald von einer Flut antisemitischer Anwürfe gegen Morgenthau überdeckt. Die überfällige Neubewertung förderte in neuester Zeit allerdings Überraschendes zutage.

Plan der Zerlegung Deutschlands

Plan der Zerlegung Deutschlands

Plan kam durch Indiskretion an die Öffentlichkeit

Der „Morgenthau-Plan“ war ein von US-Finanzminister Henry Morgenthau veranlasster Entwurf zur Umwandlung Deutschlands in einen Agrarstaat nach dem absehbaren Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg. Das sollte langfristig verhindern, dass Deutschland je wieder einen Angriffskrieg führen könne.

Das Memorandum wurde im August 1944 im US-Finanzministerium erstellt und durch eine Indiskretion am 21. September 1944 in den USA veröffentlicht. US-Präsident Franklin D. Roosevelt unterstützte zuerst den Plan, verwarf ihn aber nach einigen Wochen. Daher gelangte der „Morgenthau-Plan“ nie in ein konkretes Planungsstadium.

Bedeutung erhielt der Plan erst durch die nationalsozialistische Propaganda, die ihn ab September 1944 als Plan des so genannten Weltjudentums zur „Versklavung“ der Deutschen darstellte und damit ihre Durchhalteparolen begründete. Im rechtsextremen Geschichtsrevisionismus wird auch heute noch der für die spätere Besatzungspolitik der Alliierten bedeutungslose Entwurf wegen der jüdischen Herkunft und Regierungszugehörigkeit des Initiators weiter analog zur nationalsozialistischen Propaganda für antisemitische Verschwörungstheorien benutzt („Morgenthau-Legende“).

US-Finanzminister .... Morgenthau Jr.

US-Finanzminister Henry Morgenthau Jr.

Enkel jüdischer Einwanderer aus Mannheim

Henry Morgenthau, geboren 1891 in New York, gestorben 1967 ebenda, war der Enkel eines Einwanderers aus Mannheim. Er studierte Architektur und Agronomie. Präsident Roosevelt holte ihn 1931 als Fachmann für landwirtschaftliche Fragen nach Washington. 1933 avancierte er zum Unterstaatssekretär und war von 1934 bis 1945 Staatssekretär im Schatzamt. Besonders war er auch am New Deal (Reformen, Umverteilungen) und an der Vorbereitung der Bretton-Wood-Konferenz beteiligt. Nach seinem Rücktritt im April 1945 blieb Morgenthau mehrere Jahre aktives Mitglied einer Gruppe, die sich (zusammen mit anderen Prominenten wie Eleanor Roosevelt, der früheren First Lady) für einen „harsh peace” mit Deutschland einsetzte. Im Oktober 1945 publizierte Morgenthau ein Buch mit dem Titel „Germany Is Our Problem“ („Deutschland ist unser Problem“, Verlag Harper and Brothers). Darin erklärte er seinen 14-Punkte-Plan:

1. Demilitarisierung Deutschlands. – 2. Neue Grenzen: Aufteilung Ostpreußens zwischen der Sowjetunion und Polen, Polen soll Schlesien erhalten, Frankreich das Saarland und einige linksrheinische Gebiete zwischen Rhein und Mosel. – 3. Teilung Deutschlands in zwei unabhängige Staaten im Norden und Süden, Zollunion zwischen dem Südstaat und Österreich. – 4. Vollständige Demontage im Ruhrgebiet einschließlich Rheinland und angrenzenden Industrierevieren, Verwaltung des Gebiets als internationale Zone von der UNO, Verbot der Re-Industrialisierung auf absehbare Zeit. 5. Entschädigungen und Reparationen aus dem derzeitigen Besitz, aber keine künftigen Zahlungen oder Überlassungen. – 6. Entnazifizierung von Schulen, Universitäten, Zeitungen, Rundfunk, Schließung und Neuaufbau durch eine alliierte Erziehungskommission. – 7. Politische Dezentralisierung, stärkere Föderalisierung. – 8. Steuerung der Volkswirtschaft durch Deutsche, keine Verantwortung der Militärbehörden. – 9. Kontrolle der deutschen Volkswirtschaft durch die UNO in den nächsten zwanzig Jahren, um den Aufbau einer Militärindustrie zu verhindern. – 10. Zerschlagung des Großgrundbesitzes, Verteilung an die Bauern., Änderung des Erbrechts. – 11. Bestrafung von Kriegsverbrechen. – 12. Verbot von Uniformen und Paraden. – 13. Verbot für Deutsche, Luftfahrzeuge zu führen. – 14. Rückzug der amerikanischen Truppen, die Nachbarländer Deutschlands sollen die Besatzungsaufgaben wahrnehmen.

Entstehung des Morgenthau-Plans

Entstanden ist der Plan auf der Konferenz von Teheran 1943, wo die alliierten Staaten USA, Großbritannien und die Sowjetunion einen Grundkonsens über eine Teilung Deutschlands, Abtrennung ostdeutscher Gebiete und Entmachtung Preußens erzielten, sich aber nicht über konkrete Details dazu verständigten. Auch über Demontage, Entmilitarisierung und Bestrafung von nationalsozialistischen Tätern war verhandelt worden. Im Anschluss daran entwickelten verschiedene britische und amerikanische Ministerien je eigene Pläne zur alliierten Deutschlandpolitik nach dem Krieg. Anfang 1944 bildeten der britische, sowjetische und US-Außenminister die „Europäische beratende Kommission“ (EAC), welche die Kapitulationsbedingungen und ein Besatzungsstatut für Deutschland ausarbeiten sollte. Bis zum Sommer 1944 verfassten Beamte des US-Außenministeriums zwei Denkschriften, die eine erzwungene Teilung Deutschlands ablehnten, seine baldige wirtschaftliche Erholung anstrebten, Reparationen durch Produkte statt durch Geldbußen und ein hohes Produktionsniveau bei geringen alliierten Kontrollen sowie eine umfassende Demokratisierung Deutschlands favorisierten.

Beteiligte der Quebec-Konferenz im September 1944; v. l.: Earl of Athlone (General-Gouverneur of Canada), Th. Roosevelt (US-Präsident), Winston Churchill (Premier Großbritannien) und Mackenzie King (Premier Kanada).

Beteiligte der Quebec-Konferenz im September 1944; v. l.: Earl of Athlone (General-Gouverneur of Canada), Th. Roosevelt (US-Präsident), Winston Churchill (Premier Großbritannien) und Mackenzie King (Premier Kanada)

Auseinandersetzung über die Zukunft Deutschlands in den USA

Im Juni 1944 erschien zudem das von US-General Eisenhower gebilligte „Handbuch für die Militärregierung in Deutschland“, das eine deutsche Zentralregierung, baldigen Wiederaufbau, Selbstversorgung Deutschlands und deutsche Exportüberschüsse für Europa vorsah. Deutschland sollte daher einen Großteil seiner Industrie behalten, und die Deutschen sollten ausreichende Lebensmittelrationen erhalten. Anfang August erschien die dritte Version dieses Handbuchs. Morgenthau las das Buch und auch die zweite Denkschrift des Außenministeriums. Beides erachtete er als unzureichend und informierte in London seine Gesprächspartner Eisenhower und Churchill sowie andere Teilnehmer der Konferenz über seine Bedenken: Deutschland müsse seine Fähigkeit zum Krieg dauerhaft verlieren, daher müsse man seine Rüstungs- und Schwerindustrie irreversibel abschaffen, was auch dem Wiederaufbau und der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit Großbritanniens dienen sollte. Nach seiner Rückkehr in die USA bildete Henry F. Morgenthau Jr. Mitte August 1944 einen Ausschuss für Deutschlandpolitik in seinem Finanzministerium und informierte US-Präsident Roosevelt über seine Kritik am Handbuch General Eisenhowers. Bei einer Kabinettssitzung am 25. August teilte Roosevelt seine Kritik, die bisher vorgesehenen Maßnahmen für Deutschland seien zu mild, denn die ganze deutsche Nation habe gegen Grundlagen der Zivilisation verstoßen. Historiker beurteilen Roosevelts damalige Haltung als Rücksicht auf die Reparationsforderungen Stalins, auf britische Exportinteressen und auf die US-Bevölkerung während seines Wahlkampfs um die Wiederwahl.

Roosevelt ließ einen Kabinettsausschuss bilden, der Richtlinien für die alliierten Truppen in Deutschland festlegen sollte. Das US-Außenministerium schrieb ein neues Memorandum.  Danach sollte eine Deindustrialisierung Deutschlands nur durch Töten oder Ausweisen vieler Deutscher möglich sein. Reparationen seien dann unmöglich. Auch eine Teilung Deutschlands wurde weiterhin abgelehnt. Am 2. September wurde dann ein erster Entwurf zu Morgenthaus Ansichten vorgelegt, der später „Morgenthau-Plan“ genannt wurde. Der Volltext ist auch heute noch unbekannt.

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Henry Morgenthau Jr. als Beifahrer von US-Präsident Roosevelt

Abstimmung zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten

Churchill und Roosevelt vereinbarten auf der 2. Quebec-Konferenz  (11. bis 19. September 1944) ein Abkommen, das allgemein formulierte gemeinsame Ziele wie die Verhinderung einer deutschen Wiederaufrüstung und die Demontage der Rüstungsindustrien festlegte. Zum Schluss enthielt der Abkommenstext einen Satz aus dem Entwurf Morgenthaus:

„Dieses Programm zur Ausschaltung der Kriegsindustrie in Ruhr und Saar soll Deutschland in ein Land mit vorwiegend agrarischem und ländlichem Charakter verwandeln.“

Dagegen protestierten der britische Außenminister Anthony Eden und der US-Außenminister Cordell Hull. Das britische Kabinett lehnte die Agrarisierungsformel des Québec-Abkommens ebenfalls ab. Durch eine gezielte Indiskretion wurde der Plan am 21. September 1944 in die Öffentlichkeit gespielt. Die öffentliche Reaktion war so ablehnend, dass sich Roosevelt distanzierte. Auch Churchill distanzierte sich von den Vorstellungen über die wirtschaftliche Zukunft

Ende September 1944 wurde der Morgenthau-Entwurf endgültig fallen gelassen, ohne dass sich die zuständigen Gremien damit befasst hatten. Der Entwurf spielte daher für die tatsächliche Besatzungspolitik der Alliierten im Nachkriegsdeutschland keine Rolle. Am 12. April 1945 starb Franklin D. Roosevelt. Dessen Nachfolger Harry S. Truman hörte auf Berater, denen nicht Deutschland, sondern die Sowjetunion das eigentliche Problem war. Die Amerikaner kalkulierten bereits insgeheim mit einem starken Nachkriegs-Deutschland als „Bollwerk gegen den Kommunismus“. – So wurde aus dem Deutschlands Wirtschaft vernichtenden  Morgenthau-Plan schließlich der Deutschlands wirtschaftliche Existenz aufbauende Marshall-Plan.

Steilvorlage für die NS-Propaganda in Deutschland

Seit Bekanntwerden des „Morgenthau-Plans“ ab September 1944 nutzte die NS-Propaganda ihn zur Verteufelung des amerikanischen Gegners. Anfang Oktober 1944 berichtete der „Völkische Beobachter“, die amerikanischen Pläne liefen darauf hinaus, 30 Millionen Deutsche dem Hungertod preiszugeben. Der Plan des „Juden Morgenthau“ wurde mit dem 1941 erschienenen Buch „Germany must perish“ („Deutschland muss untergehen“) von Theodor N. Kaufman in eine Reihe gestellt, das die Sterilisierung der gesamten deutschen Bevölkerung vorschlug und von Goebbels umgehend als „Kaufman-Plan“ bezeichnet und veröffentlicht wurde. Goebbels stilisierte die Schrift des in den USA gänzlich unbekannten Kaufman zum persönlichen Deutschland-Plan Roosevelts hoch und veranlasste, sie in einer kommentierten Dokumentation mit dem Titel „Das Kriegsziel der Weltplutokratie“ unters Volk zu bringen. Bis heute dienen diese Publikationen rechtsradikalen Gruppierungen als willkommener Aufhänger für antisemitische Propaganda. Der Versuch der NS-Propaganda, in der Schlussphase des Krieges der Bevölkerung in Deutschland die bevorstehende britische und amerikanische Besatzung in Schreckensfarben darzustellen, misslang.

Morgenthau-Buchtitel

Morgenthau-Buchtitel

Historische Einordnungen

Dass Morgenthaus Entwurf trotz seiner realpolitischen Irrelevanz in einer verzerrten Form gedeutet und weiter überliefert wurde, führen Historiker auf die Funktion der Entlastung von der notwendigen Auseinandersetzung mit und Verantwortung für die Folgen der NS-Zeit zurück. Der Entwurf eignete sich dazu, den Alliierten mindestens als Absicht jene Art von Verbrechen zu unterstellen, die Deutschland unter dem NS-Regime vollzogen hatte. Von da aus wurde der US-amerikanischen Besatzungsmacht das moralische Recht zu den NS-Prozessen, zur Umerziehung und Entnazifizierung oft bestritten.

Demgegenüber urteilte der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, Wolfgang Benz: Morgenthau sei Anhänger agrarromantischer Ideen gewesen und habe die von ihm angestrebte Umwandlung Deutschlands in einen Agrarstaat nicht nur als Bestrafungsakt und Maßnahme zur Verhinderung eines weiteren Krieges verstanden, sondern auch als Umsetzung einer positiven Utopie. Benz zählt die geschichtsrevisionistische Rezeption des Morgenthau-Entwurfs zu den wichtigsten fortwirkenden „Legenden über den Nationalsozialismus“:

„Der Morgenthau-Plan spielt als Beweis jüdischen und amerikanischen Vernichtungswillens gegenüber Deutschland eine beträchtliche Rolle, die mit der historischen Realität nur wenig zu tun hat, aber als antiamerikanisches und antijüdisches Stimulans bis zum heutigen Tag wirksam ist. […] Für die Besatzungs- und Deutschlandpolitik der Alliierten blieb die Episode ohne Bedeutung. Aber Goebbels und Hitler benutzten ‚Judas Mordplan‘ zur ‚Versklavung Deutschlands‘ mit so großem Erfolg für ihre Durchhaltepropaganda, dass bei vielen der Glaube entstand, das Programm sei 1945 realisiert worden. In der rechtsextremen Publizistik spielt der Plan diese Rolle heute noch.“

Der Historiker Johannes Heil urteilt über die häufige Heranziehung des Morgenthau-Topos für aktuelle politische Konfliktthemen:

„Den Urhebern solcher Argumente … dürfte entgangen sein, dass die heutige Bekanntheit des Morgenthau-Plans, oder besser: seines Titels, nur das Ergebnis eines Missgeschicks und seiner propagandistischen Ausschlachtung durch die Nationalsozialisten ist. Dabei wirkten drei Punkte: Die inoffizielle Denkschrift des Henry Morgenthau wurde im Sommer 1944 bekannt. Ihr Verfasser war Jude. Ihr jüdischer Verfasser war Angehöriger der amerikanischen Regierung. Damit konnte der ‚Morgenthau-Plan‘ in der NS-Propaganda das werden, was er eben nicht war: offizielle und die Ziele des Gegners entlarvende Politik.“

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Quelle: In der Hauptsache nach Wikipedia, Online-Enzyklopädie (Version März 2013)
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