Antisemitismus in Rothenburg: 1920 wurde die Synagoge in der Herrngasse mit Hakenkreuzen beschmiert – Damals als „Lausbubenstreich“ hingestellt

HalenkreuzschmierereiEs waren jene Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, als die Linken und die Rechten sich nicht nur politisch um die Zukunft Deutschlands stritten, sondern auch in einer bis dahin nicht gekannten Schlagkraft, mit Hass und Gewalt. Die Juden wurden wieder einmal zu den Sündenböcken gemacht und nach einem bereits lange anhaltenden literarischen und gesellschaftlichen Antisemitismus gesellte sich in erschreckender Weise der rassistische und gewalttätige Antisemitismus durch nationalistische und rechtsbündische Gruppen und Parteien hinzu, der sich in Deutschland bald als gesellschaftsfähig erwies, auch wenn er sich gegen Leib und Leben einzelne Menschen und Sachen richtete.

Derartigen Burschen das Handwerk legen

Dazu gehörten auch Hakenkreuzschmierereien. In Rothenburg gab es solche bereits Anfang August 1920. In der Nacht vom 5. auf den 6. August 1920 wurde das jüdische Gemeindehaus mit Synagoge in der Herrngasse Ecke Heringsbronnengasse mit einer Teerfarbe mit Hakenkreuzen beschmiert (obiges Foto Symbolbild). Über die Täter war und ist vermutlich bis heute nichts bekannt. Zu vermuten ist, dass die Hakenkreuzschmierer in den ausgeprägten rechtsgerichteten Kreisen Rothenburgs wohl bekannt waren, aus denen sie mutmaßlich auch stammten. Der „Fränkische Anzeiger“ berichtete am 6. August über die Tat, kommentierte und bezeichnete sie als „Lausbubenstreiche“:

„Der sittliche und moralische Tiefstand eines Teiles unseres Volkes ist in der Großstadt ja bekanntlich nur zu oft zu finden: die Kleinstadt aber steht dem auch nicht um ein Bischen [sic!] nach. Leider! Auch unser Rothenburg kann davon ein Liedchen singen, so wurde in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag an der hiesigen Synagoge sowie an verschiedenen Häusern unserer jüdischen Mitbürger und auch an anderen Häusern die Hausfronten und Fenster mit den bekannten Hakenkreuzen in Teerfarbe angeschmiert, dass es als Skandal bezeichnet werden kann, derartigen Gemeinheiten ansehen zu müssen. Am Bürgermeisterhaus soll die Haustür in der gleichen Nacht mittels Schrauben zugeschraubt worden sein.

Die Schutzmannschaft kann, das ist ja wohl Jedem klar, nicht überall sein und ohne Zweifel haben die Rowdies Obacht gegeben, dass sie ihre Machenschaften vollführen konnten zu einer Zeit als keine Gefahr im Verzuge war. Es kann und muss aber dafür die Allgemeinheit mitwirken, um derartigen Burschen das Handwerk zu legen. Ein jeder, der auch nur irgendwelche Verdachtgründe für die Ermittlung der Täter zu haben glaubt und ebenso ein Jeder, der solche gemeinen Lausbubenstreiche wahrnimmt, wird im Interesse unserer gesamten Einwohnerschaft und zum Besten unsres gesamten Volkes dringend ersucht, doch der Behörde sofort Mitteilung zu machen, um diese Unkrautpflanzen ihrer gerechten Bestrafung entgegenzuführen.“

Ob die Täter gefunden und überführt werden konnten, ist der Redaktion derzeit nicht bekannt. Wir wollen aber darüber in den Archiven noch recherchieren.

Stadtpfarrer: „Judas Geist ist der böse Geist unseres Volkes geworden“

Die Hakenkreuzschmiererei an der Rothenburg Synagoge war auch Thema in einem Familienabend des Evangelischen Arbeitervereins in Rothenburg, zu dem Stadtpfarrer Fabri im April 1924 eingeladen hatte. Der Geistliche hielt in dieser Versammlung eine Rede, die der „Fränkische Anzeiger“ am 3. April 1924 auszugsweise veröffentlichte. Fabri bezeichnete darin die Judenfrage als entscheidend, was bereits in der Bibel stehe. Der Pfarrer wörtlich:

„Wir erheben Anklage gegen das Judentum, nicht wie die, welche im blinden Hass gegen die Juden eifern. Das Judentum hat viel Schuld an dem Elend der Gegenwart in unserem Volke. Wir gehen nicht von dem Dogma aus, alles Jüdische ist schlecht. Wir sind auch gegen die Gewalttaten und wüste Schimpfereien gegen die Juden. Es ist beschämend, wenn man sieht, dass die Fenster der jüdischen Synagoge mit Hakenkreuzen beschmiert werden, damit beweisen die anderen doch wirklich nicht, dass sie eine edle Rasse sind. Vor diesem Antisemitismus muss gewarnt werden. Judas Geist ist der böse Geist unseres Volkes geworden; innerlich sind wir die Sklaven Judas geworden. Die Macht Judas zeige sich besonders im deutschen Schrifttum, im Theater, im Großkapital.“

Dadurch, so Pfarrer Fabri weiter, sei es möglich geworden, das deutsche Volk zum Sklaven Europas zu machen. Es sei nicht zu verkennen, dass die Juden anderes Blut in den Adern haben. „Deutschland soll von Deutschen beherrscht werden und nicht von Juden!“

Er sprach auch die Schieber und Wucherer an, das Gefährlichste aber sei der jüdische Geist der Verneinung wie er sich vor allem in den Zeitungen wie dem „Berliner Tagblatt“ und dem „Simplizissimus“ zeige. Auch der Zusammenhang zwischen Judentum und Bolschewismus liege auf der Hand. – Bei der Lektüre dieser Rede des Stadtpfarrers von Rothenburg, zwingt sich der Gedanke auf, er habe eine Vision von dem gehabt, was Adolf Hitler zu dieser Zeit in sein Manuskript „Mein Kampf“ in seiner Gefängniszelle in Landberg am Lech schreibt.

Schmiereien in der Stadt auch in den nachfolgenden Jahren

Nationalsozialistische Schmierereien hielten in den Jahren bis 1933 an. Immer weider mussten sich Polizei und Stadtrat damit befassen. Beispielsweise in der Sitzung vom 27. August 1932. Unbekannte hatten an zahlreiche Stellen der Stadt – Privathäuser, städtische Gebäude u. a. – beschmiert. Wie sich diese Schmierereien für die Stadt auswirkten, zeigte eine Reihe von Zuschriften, von denen der Oberbürgermeister einige vorlas. Beispielsweise wollte eine Gruppe von Touristen mehrere Tage in der Stadt bleiben, fuhren allerdings nach einem kurzen Aufenthalt weiter, weil an der Spitalbastei ein großes Hakenkreuz angebracht war. Städtische Arbeiter entfernten das Hakenkreuz, was ihnen erst nach zweimaligem Versuch glückte. Oberbürgermeister Liebermann bezeichnet das Anschmieren von Häusern als „unglaublichen Unfug“. Der „Fränkische Anzeiger“ zitierte Liebermann am 28. Februar:

„Für solche Schmierfinken sei eine Gefängnisstrafe viel zu gut, Lausbuben gehören wie Lausbuben bestraft. Der Vorsitzende bemerkte ausdrücklich, dass es durchaus möglich wäre, dass derartige Zeichen nicht immer von denen, deren Symbole solche Zeichen sind, angebracht werden, sondern dass dies auch von politischen Gegnern getan werden könnte.“

Daher richtete Dr. Liebermann an die Allgemeinheit den dringenden Appell, die Polizei zu unterstützen und alles aufzubieten, um solche Schmierfinken ausfindig zu machen.

 

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