Als Arbeitsmaid des Reichsarbeitsdienstes 1944 im Lager Siechhaus. Elisabeth Schaible: „Es war meine schönste Zeit, einmalig wunderschön und unvergesslich!“

RAD-Arbeistlager Siechhaus; Foto: Stadtarchiv Rothenburg (W. Welzer)

RAD-Arbeistlager Siechhaus; Foto: Stadtarchiv Rothenburg (W. Welzer)

W. St. – Hatten die Männer des Rothenburger Reichsarbeitsdienstes ihr „Herzog Friedrich von Franken“-Lager stadtnah am Topplerweg, so musste die „weibliche Jugend“ des Reichsarbeitsdienstes (RADwJ) etwa 20 Minuten bis in der Stadt laufen. Denn die „Arbeitsmaiden“ hatten ihre Unterkunft im Siechhaus. Das Haus hatte für die 50 dort  untergebrachten Mädchen und drei Führerinnen auch die Funktion eines so genannten „Kulturlagers“. Es wurde gesungen, musiziert, Literatur gelesen. Aber hauptsächlich gearbeitet. Elisabeth Schaible aus Stuttgart beschreibt ihre Ankunft in Rothenburg und das Siechhaus, wohin sie mit zwei Freundinnen am 3. April 1944 von Stuttgart aus zum Dienst befohlen worden war. Nur widerwillig fuhr sie nach Rothenburg. Um es vorweg zu sagen: Sie war dann bei ihrer Abreise von der Tauberstadt von dieser total begeistert.

„Als wir in Rothenburg am Bahnhof mit unseren Koffern ausstiegen, wanderten wir zu Dritt die 20 Minuten zum Lager hinunter. An der Stelle, wo der Feldweg zum Lager von der Hauptstraße abzweigt, war damals ein Brunnen, an dem ein Schild befestigt war „(K)ein Trinkwasser“. Unter Gelächter erfrischten wir uns, um dann die letzten hundert Meter zum Lager zurückzulegen. Bei der Ankunft an dem riesigen Garten, der zu dem Haus gehörte, wurden wir mit fröhlichem Geschrei empfangen. Das Haus hatte einen Speisesaal für etwa 50 Personen. „Oben in der Mitte saßen die Führerinnen, rechts und links von der Hauptführerin Fräulein Groß die Wirtschaftsführerin und die Sekretärin. Dahinter befand sich eine lange Anrichte, wo unser Geschirr aufbewahrt war, darüber ein Bild von van Gogh – die Sonnenblumen. An der rechten Seite der Eingangstür standen ein Klavier und ein großer Kachelofen. Dahinter führte eine Tür auf einen Gang, an dem sich ein Führerinnen-Zimmer befand, dann ein Bad, eine Führerinnen-Toilette und die geräumige Küche mit einem großen Herd in der Mitte, um den man herumgehen konnte.“

RAD-Kleidung

RAD-Kleidung

Blau war die Arbeitskleidung, braun die Ausgehuniform

Weiter gab es einen Tagesraum, wo Radio gehört werden konnte, sowie drei auf Stockwerke verteilt Schlafsäle mit zweistöckigen Betten mit Strohsäcken und grünen Spinden, in denen jedes Mädchen neben den privaten Dingen auch ihre Uniform unterbringen mussten: zwei kornblumenblaue, halbleinene Kleider mit einer Tasche und einem Gürtel, der am Rücken gebunden wurde, sowie ein rotes Kopftuch zu verstauen hatten. Eine weiße Zierschürze für sonntags, eine weiße und zwei farbige Blusen. Sodann die erdfarbene Kleidung, ein Kostüm mit engem Rock der kaum über das Knie ging, eine Kostümjacke mit braunem Kragen, dazu einen braunen Hut für den Ausgang. Ab 1935 wurde die Teilnahme am Reichsarbeitsdienst (RAD) für alle männlichen und weiblichen Arbeitskräfte im Alter von 17 bis 25 Jahren Pflicht. Für den Ausbau des weiblichen Arbeitsdienstes fehlten zunächst die finanziellen Mittel, um Lager ausstatten und Personal einstellen zu können.

Ab 1939 kamen auch Mädchen zum Reichsarbeitsdienst

Erst ab 1939 wurden daher Mädchen zum sechsmonatigen Dienst verpflichtet. Der „Reichsarbeitsdienst der weiblichen Jugend“ spielte gegenüber dem „Reichsarbeitsdienst der männlichen Jugend“ eine geringere Rolle. 1934 nahmen beispielsweise nur 7.347 „Arbeitsmaiden“ am Arbeitsdienst teil, dagegen waren es bei den „Arbeitsmännern“ 220 000. Der RAD hatte den Auftrag, gemeinnützige Projekte zu unterstützen. Die männlichen Angehörigen halfen besonders bei Entwässerungsarbeiten und beim Bau der Autobahnen. Der Einsatz der Mädchen im weiblichen Arbeitsdienst erfolgte fast ausschließlich in der Landwirtschaft. Hier halfen die Mädchen bei der Garten- und Feldarbeit, bei der Hausarbeit, der Versorgung des Kleinviehs, beim Melken und bei der Beaufsichtigung der Kinder.

Sonderbriefmarke RAD 1944i

Sonderbriefmarke RAD 1944i

Arbeit für Dein Volk adelt Dich selbst!

Der RAD sollte zur Erziehung der Arbeitsmoral dienen und dazu beitragen, Klassengegensätze aufzuheben (Motto des RAD: „Arbeit für Dein Volk adelt Dich selbst“). Ideologisch überhöht wurde das klassenlose Leben in der Gemeinschaft sowie die befriedigende Wirkung von harter körperlicher Arbeit; letzteres wurde von manchen Jugendlichen aus höheren Schichten während ihrer Zeit beim RAD immer wieder betont. Gedacht war der Arbeitsdienst aber vor allem für arbeitslose Jugendliche, die keine Lehrstelle oder keinen Arbeitsplatz nach der Schulausbildung gefunden hatten. Während des Krieges wurden die Dienstzeiten der Mitglieder des RAD mehrmals verlängert. Im Zuge eines sechsmonatigen Kriegshilfsdienstes wurden die Frauen in Dienststellen der Wehrmacht, Behörden, Krankenhäusern, Verkehrs- und Rüstungsbetrieben eingesetzt. Später wurden die Mädchen zum Kriegsdienst im Flugmeldedienst bei der Luftwaffe oder bei der Flak abkommandiert. Die Männer waren direkt der Wehrmacht unterstellt. Nach ihren Arbeitsdienstmonaten in Rothenburg musste Elisabeth Schaible ebenfalls als Luftwaffenhelferin zur Wehrmacht. Doch noch musste sie sich im Rothenburger Maiden-Lager eingewöhnen. Sie erinnert sich:

Der Tagesablauf war durchorganisiert

„Geweckt wurden wir zehn Minuten vor sechs Uhr, mussten uns schnell anziehen, je nach Wetter mit Trainingsanzug oder Turnzeug und für einen zehnminütigen Sport antreten. Der bestand entweder aus einem Lauf um die Anlage oder ins Taubertal. Anschließend ging es zum Waschen, das wir nackt und mit Ganzkörperwaschung tun mussten. Danach Bettenmachen, eckig und zackig, sauber und ordentlich – ein Bett in Wellenform wurde von der Führerin herausgerissen und musste nochmals gebaut werden. Nach dem Frühsport teilte sich die gesamte Gruppe, da es nur 10 Waschbecken und drei Duschen gab. Die Einen wuschen sich, während die Anderen schon ihre Betten machten. Anschließend zog man die Arbeitskleidung an und versammelte sich vor dem Haus bis die Führerin kam. Dann standen alle um die Fahne und während wir grüßten, wurde sie gehisst. Die Führerin sagte einen schönen Spruch, während wir alle uns an den Händen hielten und ein Lied sangen. Erst dann kam das Frühstück mit Brot, Butter, Marmelade und Kaffee so viel wir wollten.“

Nach dem Frühstück wurde eine halbe Stunde lang gesungen. Die zum Außendienst eingeteilten Mädchen traten dann in Reih und Glied zum Abmarsch an und jede ging zu ihrer Arbeitsstelle. Dort bekamen sie auch das Mittagessen. Um 16 Uhr kehrten sie ins Lager zurück und mussten wieder zur Austeilung der Post antreten.

„Dabei gab es viel Freude und oft auch Schmerz. Einmal freute ich mich sehr über den Brief von meiner Mutter, die mir aber auch am Ende mitteilte, dass mein Lieblingsvetter mit dem Flugzeug abgestürzt war.“ Bei nächtlichem Fliegeralarm liefen die Mädchen in den tiefen Keller des alten Siechhauses, „wo wir recht froren“.

NS-Plakat "Der Reichsarbeitsdienst ruft"

NS-Plakat “Der Reichsarbeitsdienst ruft”

Nach der Vereidigung bekamen die Maiden auch Ausgang

Die ersten vier Wochen mussten die Mädchen bis zur Vereidigung im Haus bleiben. Sie durften dann nur das Lager verlassen, wenn sie ihre RAD-Brosche ordnungsgemäß am Revers trugen. An Sonntagen durften die Mädchen in Rothenburg spazieren, trugen dann Halbschuhe. Wenn sie allerdings unter der Woche dienstlich in der Stadt waren, um Beispielsweise in der Wäscherei Wertmüller Wäsche hinzubringen, dann hatten sie eisenbeschlagene Stiefel an. Samstag holten sie mit einem Handwagen die Sonntagsbrötchen.

Arbeit in bedürftigen Familien, auf Höfen und auf den Feldern

Zum Außendienst wurden die Maiden in die Stadt selbst oder in die benachbarten Dörfer wie beispielsweise nach Gebsattel geschickt. Für weitere Wege standen einige alte Fahrräder zur Verfügung. Elisabeth Schaible erinnert sich:

„Mein erster Außendienst war in der Wäscherei Wertmüller drei Tage in der Woche Ich fühlte mich dort nicht so glücklich, da die anderen abends braungebrannt von den Feldern kamen, während ich weißgesichtig blieb, denn ich saß meist hinter der Wäscherei in einem Raum mit Glasdach, wo ich Strümpfe zu flicken hatte. Die Hausfrau war sehr nett und das Essen war sehr gut, aber ich wäre gerne mit den anderen aufs Feld gegangen. Nach einigen Tagen wurde ich auch noch für ein anderes Haus eingeteilt, nämlich bei Frau Deeg. Sie hatte ein ganz kleines Wohnhaus und eine Scheuer direkt am Burgtor. Der Herr Deeg hatte ein Pferdefuhrwerk, mit dem er den Lastenverkehr in der Stadt ausführte, Sendungen von der Post oder der Bahn mussten ausgefahren werden. Frau Deeg war eine große, magere, liebe Frau mit großen Füssen, die mich sehr gern hatte. Manchmal habe ich vor ihrer Rückkehr vom Acker schon gekocht, z. B. Spätzle gemacht oder auch Dampfnudeln, über die sie sich sehr gefreut hat. Gelegentlich ging ich mit ihr auf die Felder nördlich der Stadt. Das Wohnhaus war sehr klein mit einer winzigen Küche hinter der Wohnstube. Diese war so schmal, dass nur ein Tisch an der Wand und je ein Stuhl rechts und links hineinpassten. Und ich musste auch die Betten machen in dem ganz kleinen Schlafzimmer, in das nur die zwei Betten und ein Nachtkästchen passten. Frau Deeg sagte manchmal zu mir: Ach Elisabeth, seit Sie die Betten machen, schlafe ich so gut.“

Lukasrödermühle: Foto: Lothar Schmidt

Lukasrödermühle: Foto: Lothar Schmidt

Mit dem Handwagen von der Lukasrödermühle Brot in Stadt hinauffahren

Nach drei Wochen kam ich zu Baiers im Nachbarort Gebsattel. Der Mann hatte kurz zuvor die Frau verloren. Es gab zwei Kinder, eine Tochter etwa in meinem Alter und einen etwa 12- oder 14-jährigen Sohn, Alois, den aber alle nur Alin riefen. Das Haus hatte kein fließendes Wasser. Deshalb musste ich jeden Tag mit zwei Zinkeimern das Wasser vom drei Minuten entfernten Brunnen holen. Zu einer bestimmten Zeit nachmittags mussten wir Maiden dann wieder im Lager sein. Ihr nächster Außendienst war in der Lukasrödermühle. Zu ihr gehörte der Herzacker unten im Taubertal in der Nähe der Doppelbrücke. Sie berichtet:

„Ich durfte jeden Morgen den wunderschönen Taubertalweg entlang gehen. Um die Zeit geistig zu nutzen, hatte ich das Reclamheft von Goethes „Iphigenie“ in der Hand und lernte in dieser Zeit die ersten drei Akte auswendig. In der Mühle hatte ich leichte Arbeit. Die alte Frau Reinwald hatte zwei Söhne, einer an der Front, der andere gerade in Urlaub und betrieb die Mühle. Es gab zwei Knechte, einen deutschen und einen polnischen, und auch zwei Mägde, eine deutsche und eine polnische. Ihre Aufgabe war u. a. das Hereinholen des Heus. Ich musste u. a. Bohnen im Garten pflücken (neben dem klappernden Mühlrad) oder die Wäsche aufhängen. Meine Hauptarbeit war, oben in der Stadt einzukaufen. Dazu musste ich mit dem alten Handwägele das Brot hinauffahren, das als aufgehender Teig in Körbchen lag. Ich musste aufpassen, dass der Brotteig auf der steilen Strecke nicht aus dem Wagen herausfiel. Nachmittags habe ich dann das gebackene Brot abgeholt (das Rothenburger Brot war sehr dunkel und hier in sehr großen flachen Laiben aus geformt) und ich musste mit meiner Fuhre wieder die sehr steile Kobolzeller Steige mit ihrem Katzenkopfpflaster hinunter. Plötzlich hat mein altes Leiterwägelchen das linke Hinterrad verloren und kippte auf die Seite und die Brote rollten dem Rad hinterher.  Es gelang mir, die aufmüpfig gewordene Fracht noch in die Ecke neben dem unteren Torbogen zu bugsieren – einen Meter weiter und die Verfolgungsjagd hätte erst ganz unten an der Tauber ein Ende gefunden.“

Ohne Anlegen der Brosche kein Ausgang

Ohne Anlegen der Brosche kein Ausgang

Nach dem Arbeitsdienst in Rothenburg als Luftwaffenhelferin nach Neustadt

Elisabeth Schaible arbeitete sieben Wochen in der Mühle, was ihr sehr gut gefiel. Danach wurde sie nicht mehr zum Außendienst eingeteilt, weil feststand, dass sie und vier andere als Luftwaffenhelferinnen zur Wehrmacht abkommandiert werden sollten. Sie sagt:

„Der Abschied fiel uns allen sehr schwer .Wir waren sehr traurig und sangen noch einmal gemeinsam ,O Du schöner Rosengarten’. Unsere Zeit in Rothenburg war nach Meinung aller Mädchen einmalig wunderschön und unvergesslich. Es war, auch aus späterer Sicht, meine  schönste Zeit. Mit mir mussten sich Lotte, Isolde, Erika und Hildegund zur Luftwaffenstellung Erpel bei Neustadt a. d. Aisch auf den Weg machen. Wir trugen zwar unsere Arbeitsdienst-Kleidung, gehörten aber als Arbeitsmaiden zur Luftwaffe. Nach fünf Monaten in Rothenburg war ich dann ganze acht Monate lang, also bis zum Kriegsende, bei der Luftwaffe. Wir arbeiteten an großen ,Milchglaskarten’, auf denen ganz Deutschland in nummerierte Planquadrate eingeteilt war. Hier hatten wir die Einflüge der feindlichen Flugzeuge und die eigenen Flugbewegungen einzuzeichnen, natürlich auf der Rückseite und in Spiegelschrift.“

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Quelle: Zitate entnommen aus: Elisabeth Schaible „Meine Zeit im RAD-Lager Rothenburg ob der Tauber“, veröffentlicht 2012 in www.lerncafé.de 
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Ein Kommentar zu Als Arbeitsmaid des Reichsarbeitsdienstes 1944 im Lager Siechhaus. Elisabeth Schaible: „Es war meine schönste Zeit, einmalig wunderschön und unvergesslich!“

  1. Martin Ott sagt:

    Einen schönen Gruß an alle Zeitgeschichts- und Erlebnisinteressierten!
    Vielen, vielen herzlichen Dank für die lehrreichen Dokumentationen über eure schöne Stadt Rothenburg! Wieviele erfreuliche und bereichernde Erinnerungen doch mit den wertvollen Photos über die große Zeit euer Stadt verbunden sind! Ganz wundervoll mit wie viel Liebe und Entdeckergeist ihr über die wichtigste und erlebnisreichste Zeit, in den goldenen 30iger Jahren berichtet!
    In diesem Sinne werden alle Geschichts- und Gesellschaftsinteressieren dank euch, weiterhin solch schöne Dokumentationen wie ihr, sortieren, sichten und zu sammeln wissen!

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